ESCH/BELVAL
CHRISTIAN BLOCK

Studie: Junge Menschen befürworten Gleichstellung - Einige Geschlechterstereotypen sind aber immer noch weit verbreitet

Wie ist das Geschlechterbild junger Luxemburgerinnen und Luxemburger? Welchen Einfluss haben Stereotype auf verschiedene Lebensbereiche? Und wo kommen geschlechterspezifische Stereotype eigentlich her? Antworten auf diese Fragen zu finden ist das Anliegen der Studie „lëtzstereotype18“, die gestern vorgestellt wurde. In einer Zusammenarbeit zwischen der Universität Luxemburg und dem Ministerium für die Gleichheit zwischen Frauen und Männern entstanden, soll die Umfrage die Fakten liefern, auf deren Grundlage geschlechtsspezifische Stereotypen bekämpft werden können. „Geschlechterstereotypen bleiben heute weiter hartnäckig“, sagte die zuständige Ministerin Taina Bofferding (LSAP) gestern in den Räumlichkeiten der Universität in Esch/Belval, ob bei der Wahl des Studienfachs oder des Hobbys. „Stereotypen hindern viele Männer und Frauen daran, das zu lernen, was ihnen eigentlich Spaß macht und eigentlich ihrem Talent entspricht“. In Luxemburg gebe es zwar eine Gleichstellung de jure, etwa durch Gesetze. „Wo wir hinkommen wollen ist eine Gleichstellung de facto“, betonte die Ministerin.

Frauen egalitärer

Was sagt nun die Studie, die unter 396 Teilnehmern im Alter zwischen 14 und 30 Jahren (361 verwertbare Antworten) durchgeführt wurde? Zum einen weisen die Ergebnisse nach, dass das Geschlechterrollenbild Jugendlicher und junger Erwachsener weitestgehend als egalitär einzuschätzen ist, wie Miriam-Linnea Hale ausführte. Die Doktorandin in der Psychologie weist aber darauf hin, dass bestimmte Stereotype Zustimmung ernten. So stimmten beispielsweise die männlichen Teilnehmer der Aussage, dass manche Arten von Arbeit für Frauen nicht angemessen sind, am stärksten zu. Weibliche Probandinnen befürworteten indes das Stereotyp, dass Männer sexorientierter sind als Frauen. Insgesamt zeigte sich zudem, dass die Einstellung der Frauen egalitärer und weniger stereotyp ist als die der Männer.

Weiteres Ergebnis der Studie: Alle in der Umfrage genannten Lebensbereiche werden den Teilnehmern zufolge durch Geschlechterstereotype beeinflusst, ob nun das Selbstbild, das Verhalten mit Fremden, die Rolle in der Familie, die Berufsauswahl oder die Karrierechancen. Stärker noch als gesellschaftliche Stereotypen beeinflussen sie den Umfrageergebnissen zufolge die eigenen Stereotypen. Der einzige signifikante Geschlechterunterschied besteht dem Bericht zufolge darin, dass Frauen sich in ihren Karrierechancen, jedoch nicht in Bezug auf die Berufswahl, deutlich stärker durch Stereotype beeinflusst sehen als dies bei Männern der Fall ist.

Wo kommen geschlechterspezifische Stereotype her? Auf diese Frage nannten die Teilnehmer in den viersprachigen Online-Fragebögen sowie in Papierfassung auch auf der Studentenmesse alle möglichen Lebensbereiche wie Freunde, die Kultur oder Blogs. Einen besonders starken Einfluss auf die Vorstellung eines typischen Manns oder Frau haben die Eltern. Den Faktoren Religion und Videospielen kommt indes die geringste Bedeutung zu.

Überraschend ist der vielfältige Einfluss eigentlich nicht, da sich Stereotype von klein auf entwickeln. „Vom rosa oder blauen Strampelanzug, über die hilflose Jungfrau, die vom edlen Ritter gerettet wird, hin zu ,Jungs weinen nicht‘, werden Menschen von Kindheit an sozialisiert und lernen von Medien, der Familie und weiteren Bezugspersonen geschlechterspezifische Normen und Werte“, heißt es etwa im Abschlussbericht. Dr. André Melzer vom „Institute for Health & Behaviour“ der Universität Luxemburg spricht von „Daumenregeln“ beziehungsweise Schubladen, die eine schnelle Einordnung ermöglichen und das Nachdenken gewissermaßen ersparen.

Dreijährige Doktorarbeit

Interessant ist noch die Feststellung, dass es den größten Geschlechtsunterschied mit Blick auf die Sozialen Medien gibt. Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram schreiben die Teilnehmerinnen deutlich mehr Einfluss auf die Entstehung von geschlechtsbezogenen Vorurteilen zu als die männlichen Teilnehmer.

Für die Autorin der Studie steht fest, dass es in Luxemburg eine Entwicklung hin zu einem egalitäreren Geschlechterbild gibt. Gleichzeitig seien bestimmte Stereotype immer noch weit verbreitet und Mädchen und Frauen den männlichen Teilnehmern in ihrem egalitären Denken einen Schritt voraus. Weitere Forschung sei aber notwendig, weil Geschlechterstereotypen in vielen Bereichen negative Folgen mit sich bringen, erklärte Hale. In Form einer Doktorarbeit über die Dauer von drei Jahren wird sie unter der Leitung von Dr. André Melzer und unterstützt vom Ministerium dazu selber einen Beitrag leisten. Der Titel ihrer Arbeit: „From Stereotypes to Hostile Sexism - A Psychological Analysis of Conceptions of Gender“.

Direktlink zur Studie: tinyurl.com/letzstereotype2018