LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Nur noch ein Semester liegt vor mir, bevor ich den Bachelor abgeschlossen habe. Zeit für mich, einen ersten Rückblick auf die letzten zweieinhalb Jahre zu wagen und mir die Frage zu stellen, was die Vorzüge des Studiums ausmacht. Eine persönliche Sicht, die ausnahmsweise alle Randaspekte wie eigenständiges Wohnen und das Leben in einer fremden Stadt ausklammert. 

Schule 2.0?

Als ich mich letztens mit einer Freundin unterhalten habe, stellte sie fest, fachlich gar nicht so viel dazu gelernt zu haben. Mein Empfinden deckt sich damit nicht, aber in der Tat wird man womöglich enttäuscht, wenn man erwartet, dass einen als Student ein kompletter Bruch mit der Lehrweise des „Lycée“ erwartet und nun etwas ganz und gar Neues folgt. Dem ist nämlich nicht so. Viel mehr setzt das Studium dort an, wo die vorherige Etappe der schulischen Laufbahn aufgehört hat. Für manche mag das beruhigend sein, für andere langweilig, wenn sie einsehen müssen, dass sie, prinzipiell, das gleiche in grün erwartet. Lehrveranstaltungen sind nun eben einmal Lehrveranstaltungen und Prüfungen. 

Sapere aude

Insgesamt scheint der Student die Tendenz zu haben, von seinem Studium zu viel zu erwarten. Vor allem in dem Punkt, in dem sich die Uni dann doch grundlegend von der Schule unterscheidet: Während diese den Schüler bei der Hand nimmt, ihm alles in allen Details schildert und ihm vor allem genau sagt, was er lernen und für die Prüfung behalten muss, tut die Uni das gerade nicht und so fühlt sich der Student, der plötzlich selbst entscheiden muss, was wirklich wichtig ist und was er vertiefen muss, eventuell allein gelassen. Das Studium ist streng genommen nicht der Weg der persönlichen Aus- und Fortbildung, sondern nur die Anleitung dazu - wenn überhaupt. Womöglich ist es nur ein Anlass, sich eigenständig mit einer Sache auseinander zu setzen. Niemand kann uns lehren, wie ein philosophisches Werk oder Forschungsliteratur zu lesen ist oder ein Referat vorzubereiten ist. Der Dozent kann den Seminarteilnehmern allenfalls Grundkenntnisse mit an die Hand geben, alles andere ist eine Frage der Routine und der Zeit, die der Student bereit ist, autonom zu arbeiten.

Mit Leib und Seele

Eines sollten wir Studenten dabei nie vergessen: Wir sind längst über den Punkt hinweg, an dem wir uns für etwas interessieren müssen. Im Studium geht es nicht um Pflicht, sondern um Freude, im besten Fall sogar um Leidenschaft, auch wenn es natürlich sehr „uncool“ ist, das zuzugeben. Wer studiert, hat das Glück, einmal in seinem Leben sehr viel Zeit zu haben, sein Wissen zu erweitern und seine Kenntnisse in einem Bereich zu vertiefen, eine Möglichkeit, die ihm niemals wieder gegeben sein wird und für die ich unendlich dankbar bin. Das Studium zu genießen, und da mag ich mich mit meiner Ansicht von der gängigen Überzeugung absetzen, bedeutet für mich weniger, die Zeit zum Feiern zu nutzen, sondern der Luxus, ganz an mir als Person arbeiten zu können. Das Studium ist eine sehr persönliche Angelegenheit, der sich niemand für andere, sondern einzig und allein für sich selbst widmen sollte. Ich habe gelernt, mir Zeit für mich zu nehmen und mich mit höchster Konzentration und der größten Ausdauer mit einer einzigen Sache zu beschäftigen. Das klingt selbstverständlich, ist es, gerade zu den Zeiten der ständigen medialen Ablenkung, aber überhaupt nicht. 

Leben lernen

Vor allem meine Beschäftigung mit der Philosophie und Literatur hat mich und mein Leben in einem solchen Grad verändert, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Meine ganze Denk- und Lebensweise ist eine andere geworden. Ich habe gelernt, Dinge zu hinterfragen und bis an ihre Wurzeln durchzudenken und nachzuverfolgen, und ich habe gelernt, mit komplexen Theorien zurecht zu kommen. Mit diesen Instrumenten ausgerüstet, ist das ganze Leben ein wenig spannender und intensiver geworden, ich sehe nicht nur das, was sich unmittelbar vor meinen Augen abspielt, sondern zudem das, was es außerdem sein und bedeuten könnte. Die Fähigkeit, sich permanent Fragen zu stellen und sie für sich zu beantworten, ist sehr viel wichtiger, als ich das je für möglich gehalten hätte und hat mir eine ganz andere Wahrnehmung und ein anderes Erleben verliehen. Literatur ist keine Flucht aus dem realen, dem wirklichen Leben, sie ist viel mehr der Weg dorthin.

Auch das soziale Zusammenleben gestaltet sich spannender, weil Breite und Tiefe der Unterhaltungsthemen sich vervielfacht haben. Literatur lehrt, Toleranz für andere Auffassungen mitzubringen und eigene Gedanken und Argumente zu entwickeln und diese Fähigkeit zur Diskussion lässt sich im Alltag sehr gut umsetzen. 

Privileg Freizeit

Demnach übersteigt der Wert des Studiums den eines Mittels zum Zweck, später den Beruf seiner Wahl ausüben zu können. Ich schätze es um seiner selbst willen, aus all diesen vielen Gründen heraus, die ich eben aufgezählt habe. Meinen kleinen Kindheitstraum, als Kolumnistin für eine Zeitung tätig zu sein, kann ich womöglich nur leben, weil ich jetzt, während des Studiums, die nötige Zeit dafür aufwenden kann. Niemals würde ich das unglaubliche Glück verkennen, mich meinen Hobbies widmen zu können und sie nahtlos in meine Arbeit übergehen zu lassen, und ich finde es schön, zu sehen, wie jeder meiner Kommilitonen sich auf seine Weise an dem selten hohen Maß an Freizeit erfreut und sie für sich nutzt.