LUXEMBURG
CHRIS SPEICHER/FRÉDÉRIC SCHWARZ

In den letzten Monaten machte ein Schlagwort immer wieder die Runde: Ärztemangel! Doch wo liegen die Ursachen? Und warum ist es schwierig, dieses Problem zu lösen? Eine Analyse der „Association Luxembourgoise des Etudiants en Médecine“ (ALEM).

„Zurzeit praktizieren laut STATEC knapp 2.000 Ärzte in Luxemburg. Die absolute Ärztezahl hat zwar in den letzten Jahren zugenommen, aber hier gilt es zwei Punkte zu bedenken: Zum einen wächst die luxemburgische Bevölkerung und die Anzahl der Grenzgänger jedes Jahr, zum anderen sind junge Ärzte selten noch bereit, 70 bis 80 Stunden pro Woche zu arbeiten. Die Konsequenz ist, dass man, um einen Arzt ersetzen zu können, zwei bis drei neue Mediziner braucht!

Zahlen der Ärztegewerkschaft AMMD belegen, dass von diesen 2.000 praktizierenden Ärzten mehr als die Hälfte bereits über 50 Jahre alt ist, diese also im Laufe der nächsten zehn Jahre nach und nach in den Ruhestand gehen werden. Dabei sind 2,9 Ärzte pro 1.000 Einwohner weit unter dem europäischen Durchschnitt. Laut CEDIES beziehen zurzeit 1.091 Medizinstudierende aus der Wohnbevölkerung eine Studienbeihilfe. Selbst wenn all diese Studierenden direkt nach ihrem Studium zurück nach Luxemburg kommen würden, so reicht dies nicht aus. Und immerzu Ärzte aus dem Ausland abzuwerben ist weder nachhaltig noch ausreichend.

Woher rührt also dieser Mangel? Einer der Hauptgründe ist, dass Luxemburg keine Kontrolle über den eigenen Medizinernachwuchs hat. Bereits 2011 hat die ALEM in ihrer letzten ‚Demographie médicale’ vor dem nahenden Ärztemangel gewarnt, doch trotz des großen medialen Interesses hat die Regierung es bisher versäumt, wirkungsvolle Maßnahmen in die Wege zu leiten. Ab 2013 wurde die Idee einer Medical School diskutiert. 2016 entschied man sich gegen eine Medical School und lediglich für die Einführung eines Bachelors der Medizin, was jedoch keine Lösung für das Problem darstellt, sondern wie der kleinstmögliche Kompromiss wirkt. Somit entschied man sich gleichzeitig auch gegen eine Stärkung der biomedizinischen Forschung, in die Luxemburg viel Geld investierte, hat dadurch den Spielraum für Zusammenarbeit zwischen Forschung und Lehre eingeschränkt und viele potenzielle Partner und lehrbegeisterte Professoren enttäuscht.

Zurzeit werden bis zu 100 Studierende zum ersten Jahr Humanmedizin in Luxemburg, was seit 1969 angeboten wird, zugelassen. Jedoch können maximal 52 Studierende ihr Studium anschließend an Partneruniversitäten in Frankreich, Belgien und Deutschland fortsetzen. Eine unbekannte Anzahl an Studierenden versucht zudem jedes Jahr ihr Glück, direkt einen der begehrten Studienplätze im Ausland zu erhalten. Aufgrund der Ausländerquoten, Numerus Clausus und des fast überall in Europa herrschenden Ärztemangels ist es jedoch fragwürdig, ob wir unsere Mediziner ewig auf Kosten unserer Nachbarländer weiter ausbilden lassen können.

Unsere Ärzte im Ausland ausbilden zu lassen hat zudem einen nicht zu unterschätzenden Nachteil, der oft vergessen wird. Die Bereitschaft, nach zehn bis zwölf Jahren Aufenthalt im Ausland das neu gewonnene soziale Umfeld zu verlassen, in dem so mancher eine Familie gegründet und sein ganzes Erwachsenenleben verbracht hat, ist längst nicht immer gegeben. Die anhaltenden Diskussionen zeigen, dass es endlich an der Zeit ist, den Nachwuchsmangel ernst zu nehmen und eine eigene Medical School in Luxemburg zu gründen.“