LUXEMBURG
PIERRE WELTER

Drei Jahre für mutmaßlichen Vergewaltiger gefordert

Keine leichte Aufgabe für die 19. Strafkammer unter der Leitung von Strafrichter Paul Vouel: Ein 43 Jahre alter Mann musste sich am Freitag wegen versuchter Vergewaltigung und Körperverletzung verantworten. Wegen dieser Vorwürfe saß der gebürtige Portugiese zwölf Tage in U-Haft.

Die Staatsanwaltschaft bezichtigt den Mann, seine Freundin 2016 in der gemeinsamen Wohnung mehrmals geschlagen, beschimpft und vergewaltigt zu haben. Im Gerichtssaal erschien die Lage am vergangenen Freitag aber alles andere als eindeutig, jedenfalls wenn es um den Vorwurf Vergewaltigung geht.

Stunden voller Angst

Der Sachverhalt wird wie folgt geschildert: Ein Paar trinkt zusammen eine Menge Alkohol, streitet sich - und schließlich kommt die Polizei. Es müssen Stunden voller Angst, Erniedrigungen und unfassbaren Schmerzen gewesen sein, die eine 46-jährige Frau am 23. Juni 2016 erlebt hat.

Drei Polizeibeamte berichteten am Freitag vor der 19. Strafkammer unter anderem, wie die Polizisten am Tatabend vergeblich versuchten, mit der Frau zu sprechen. Eine medizinische Untersuchung schlug sie aus. Sie wollte nicht in die Klinik.

Der Anruf ging kurz nach Mitternacht ein. „Bitte helfen Sie mir“, fleht eine Frau den diensthabenden Beamten per Telefon aus ihrer Wohnung in Bartringen an. „Mein Freund randaliert und hat mich vergewaltigt, ich habe solche Angst“, sagt sie. Wenig später treffen die Polizisten am Einsatzort ein.

Im Treppenhaus der Wohnung treffen die Beamten auf eine Frau, die unter Schock steht, jedoch unter Weinkrämpfen zu verstehen gibt, dass sie von ihrem Lebenspartner ausgesperrt wurde. Ihre zwei Kinder seien in der Wohnung. Sie sei geschlagen und vergewaltigt worden. Die Frau trägt ein zerrissenes T-Shirt und ist ansonsten komplett nackt. Die Polizeibeamtin, die zusammen mit ihren Kollegen zu Hilfe kam, schilderte vor Gericht, dass die Frau einen total verängstigten und eingeschüchterten Eindruck gemacht habe: „Man hat gemerkt, dass etwas Schlimmes vorgefallen war“.

Mann leistet keinen Widerstand

Nach langem Klingeln und Klopfen treten die Polizeikräfte schließlich die Wohnungstür ein. Anders als zunächst erwartet, gab es keinen Widerstand. Der Mann schien angetrunken zu sein, war aber, wie später festgestellt wurde, stark alkoholisiert. Eine Atemalkoholmessung ergab mehr als drei Promille.

Später räumt die Frau bei der Polizei ein, dass er mit den Fingern „im unteren Bereich herumgemacht“ habe. Er hätte sie vaginal und anal vergewaltigt. Anzeigen wollte sie den Mann jedoch nicht.

In der zweiten Vernehmung sagte sie dann, er hätte „nur versucht“ in sie einzudringen. „Was ist es denn nun?“, wollte der Vorsitzende Richter wissen? Es sei zum Streit gekommen, weil sie ihm kurz vor der Tat erklärt habe, sie hätte auf dem Tanzfest einen alten Freund getroffen. Mit ihm hätte sie gefeiert und getrunken. Das sei aber gelogen gewesen, erklärt sie. Dann seien Worte gefallen wie „Je vais te déchirer le vagin, je vais t’arracher ta tête“. Danach hätte er sie geschlagen, ihr den Büstenhalter und Slip vom Leib gerissen, aber „il n’a pas fait.“

Stockholm-Syndrom

Die Aussagen sah Richter Paul Vouel als problematisch an. Er wertete sie so, dass misshandelte Frauen häufig mit ihren Peinigern sympathisieren würden. Das wecke bestimmte Vorstellungen an das „Stockholm Syndrom“, mit denen das Opfer in Frage gestellt werde, sagte der Richter. „Das Stockholm-Syndrom stehe dafür, dass Opfer Verständnis oder gar Sympathien für die Täter entwickeln, mit ihnen kooperieren, sich bisweilen noch nach der Tat mit ihnen identifizieren. Nach der zweistündigen Beweisaufnahme stand für die Anklagevertreterin Martin Wodelet fest, dass der Beschuldigte seine Freundin geschlagen hatte. Der Würgegriff, der gepresste Kehlkopf und die Hämatome an den Beinen seien dokumentiert. Den Vorwurf der Vergewaltigung zieht die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer auch nicht zurück. „Madame n‘était pas consentante, la tentative du viol est donnée.“

Martine Wodelet forderte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und eine angemessene Geldauflage. Die Freiheitsstrafe könne zu einem großen Teil zur Bewährung ausgesetzt werden, sagt die Anklagevertreterin.

Das Urteil fällt am kommenden 20. April.