LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Ungewöhnlich tanzen und rappen mit Sylvia Camarda und David Galassi

Am Anfang waren die Jungen und Mädchen ein wenig mutlos, es mangelte ihnen an Selbstvertrauen und Körperbewusstsein. Manche mussten sich auch erst überwinden, überhaupt ihre Teilnahme zum Tanz- oder Rap-Atelier zuzusagen, ihre Anfahrt mit dem Bus selbst zu organisieren oder pünktlich zu den Proben zu erscheinen. „Ich habe oft den Satz ’Das kann ich nicht machen‘ gehört, aber in den vergangenen drei Wochen gar nicht mehr“, berichtet Tänzerin und Choreografin Sylvia Camarda über ihre Gruppe. Auch Musiker und Rapper David Galassi wurde anfangs mit Ängstlichkeit oder Zurückhaltung der zwölf- bis 18-Jährigen konfrontiert.

Die beiden Künstler arbeiten seit September mit etwa 20 Jugendlichen zusammen, die an Depressionen, Essstörung, Psychosen, Ängsten oder ADHS leiden und im „Service National de Psychiatrie juvénile“ betreut werden. In einer Performance aus Tanz und Rap, für die sie von den beiden bekannten Luxemburgern künstlerisch betreut werden, erzählen die Jugendlichen, welche Probleme und Gedanken sie bewegen. Geprobt wird in der Rap- und in der Tanzgruppe zweimal in der Woche. Die Probenwerkstatt am Samstag, 18.00, in der Rockhal ist genauso öffentlich und gratis wie der große Auftritt am 27. April im Club der Konzerthalle.

Programm verlängert

Eigentlich hatte das Projekt „Loos alles eraus“ in diesem Monat auslaufen sollen. Doch weil noch mehr Jugendliche dazukommen und das Programm gut funktioniert, haben die Organisatoren das Projekt verlängert und arbeiten noch bis April mit den Jugendlichen zusammen.

Aber nicht nur die Organisatoren - die „Fondation EME - Écouter pour Mieux s’Entendre“, der „Service National de Psychiatrie juvénile“ im Hôpital Kirchberg und das Rocklab der Rockhal - machen weiter, auch Camarda und Galassi. Dominique Hansen, Direktorin der „Fondation EME - Écouter pour Mieux s’Entendre“, erklärt, dass sich die Kosten deswegen zwar verdoppelt haben und nun 15.000 Euro betragen, sieht die Spenden aber sehr gut investiert. „Das Projekt stimmt absolut mit den Zielen der Stiftung überein und wir rechnen noch mit wesentlich mehr Teilnehmern“. Vorbild für dieses Projekt ist ein ähnliches Programm aus dem Jahr 2015, bei dem EME-Stiftung und Krankenhaus erfolgreich mit Essgestörten zusammengearbeitet haben.

Bei dem aktuellen Projekt „Loos alles eraus“ macht etwa ein fester Stamm aus zehn Jugendlichen regelmäßig mit, ab und an oder nur anfangs sind insgesamt 23 Jugendliche aus der Psychiatrie und 15 aus der Tagesklinik involviert.

„Wir haben so viele Jugendliche wie möglich angesprochen und gezielt auf eine freiwillige Basis geachtet“, erklärt Vitali Boldt, Sporttherapeut vom „Service National de Psychiatrie Juvénile“. Die Patienten könnten durch die künstlerische Arbeit an einfachen zwischenmenschlichen Beziehungen arbeiten: „Sie lernen das Einhalten von Vereinbarungen und ein Wir-Gefühl anstatt des Konzentrierens auf das Ich“, formuliert Boldt die Fortschritte bei den mitwirkenden Jugendlichen. Neben Boldt ist auch die Ergo- und Körpertherapeutin Katja Engelhardt immer bei den Proben anwesend. Auch sie sieht bei den Jugendlichen klare Fortschritte. „Sie spüren sich besser, das ist gut für Essgestörte, die wenig Körpergefühl haben, und lernen, was in ihnen vorgeht.“ Dabei sei die Arbeit über das Rap- und Tanz-Projekt hilfreich, denn dadurch werde die Veränderung schneller erlebt, gerade weil sie mehr in den Alltag integriert ist als ein eher theoretisches Therapiegespräch.

Bis an eine gewisse Grenze

Sylvia Camarda bemerkt bei den Jugendlichen vor allem mehr Selbstvertrauen. Aber um die persönlichen Probleme, welche die Jugendlichen in ihre jeweiligen Situationen gebracht haben, explizit tänzerisch darzustellen, werde es noch etwas dauern. „Um über eigene Probleme zu reden, ist es noch zu früh, aber es kommen immer mehr emotionale Inhalte.“ Und bei einer Sache ist sich die Tänzerin und Choreographin sicher: „Sie werden noch stärker merken, dass man in der Kunst auch eigene negative Sachen oder Probleme ausdrücken darf, ohne dass jemand darüber lacht.“

Nichtsdestotrotz sind aus dem Projekt, sei es Rap oder Tanz, auch einige Jugendliche wieder ausgestiegen: Einige einfach, weil sie entlassen wurden, Andere aber auch, weil sie schlichtweg „keinen Bock“ hatten oder die Grenze des Sich-Zeigens vor Anderen noch nicht überschreiten konnten, erzählen die beiden Therapeuten Boldt und Engelhardt vom „Service National de Psychiatrie Juvénile“.

Dennoch, die positive Bilanz ist für die Beteiligten deutlich. „Es ist toll, wie die Jugendlichen über ihre Schwächen siegen, sie sind freier und selbstsicherer geworden“, formuliert es Engelhardt. Galassi hat bei der Arbeit mit den Jugendlichen festgestellt: „Es hilft ihnen, sich freier zu bewegen und freier zu denken und mir hat es viel Spaß gemacht, diese Entwicklung zu sehen.“ Zudem ist er erstaunt über die „immens guten Texte“, die in der Rapgruppe entstanden sind.