LUXEMBURG
LUC SPADA

Überall auf Twitter, Instagram oder Facebook wird gefordert, ein paar Sätze über sich zu verlieren. Über mich. Ein paar Worte. Sich selbst in Worte fassen. Gar nicht so einfach.

T. sitzt vor seinem Bildschirm. 34 Jahre alt, Angestellter einer Privatbank, Single seit über drei Jahren und nicht einmal eine Eigentumswohnung. Er will unbedingt einen Twitter-Account, denn er hat gehört, dass auf Twitter die Leute sind, die wissen, wie die Welt läuft oder zumindest Bescheid wissen über die Leute, die wissen, wie die Welt läuft. MeinungsmacherInnen und RechthaberInnen sind der neue heiße Scheiß und dafür braucht T. Twitter. Auf Instagram ist er bereits, denn dort sind die Models. Und auf Facebook ist er auch, denn auf Facebook sind die Alten, und mit 34 ist man ja auch nicht mehr ganz so jung. T. will wissen, wie die Welt läuft.

Twitter will jetzt, dass T. auspackt und der Welt da draußen klar macht, wie unwiderstehlich interessant er ist. Um sich ein wenig zu inspirieren, schaut er andere Profile an. Einige haben sogar einen blauen Haken neben ihrem Namen. Das bedeutet, dass sie verifiziert, weil prominent, sind. Das kennt er bereits von Facebook und Instagram. Oder nur ein bisschen prominent, aber dafür Jemanden bei Twitter kennen, der diese blauen Haken verteilt.

T. landet bei seiner Recherche auf dem Profil von B., welcher einen entsprechenden Haken hat. Dieser beschreibt sich als Bond-Kenner, leidenden Narzissten und Videospiel-Sympathisanten. Das reicht schon für einen blauen Haken und mehr als 50.000 Follower? T. ist überrascht.

Er sucht weiter.

T. findet das Profil von K., die ebenfalls einen blauen Haken, neben ihrem Benutzernamen, trägt. Die gute Frau schreibt über sich, dass sie aus Hogwarts geflogen ist. T. googelt Hogwarts. Aha, das mit Harry Potter und so. K. muss also in den Büchern von J.K. Rowling gelebt haben. Eine Seltenheit für nicht-fiktive Lebewesen. K. kann unmöglich erfunden sein, denn der blaue Haken verifiziert genau das Gegenteil. Und angeblich hat sie eine Social Media Karriere gestartet, nachdem sie aus Hogwarts rausgeflogen ist. Sie hat 826.000 Followers und einer dieser vielen Follower ist Netflix. Netflix hat auch einen blauen Haken. Netflix ist Wirklichkeit, aber keine Person. Netflix produziert Fiktion und soll real sein? T. ist verwirrt. K. schreibt oft Sachen wie „my girl“ oder „go sis!“ und postet dazu ein lustiges Video mit Hunden oder irgendein Video mit Menschen, die alle angeben, dass sie in Hogwarts leben oder lebten.

T. schlussfolgert, dass nur wer richtig #CRAZY und #INTHEMOMENT ist, auf Twitter oder allgemein, in den sozialen Medien bestehen kann. T. beschließt sich aus der realen Welt heraus zu halten und CRAZY zu werden. Draußen, im richtigen Leben, auf der Straße, ist es eh kalt und langweilig. Im Netz spielt das wahre Leben ab.

Auch muss T. feststellen, dass Menschen, die sich allgemein für ganz besonders wichtig nehmen, in ihrer Profilbeschreibung angeben, dass die Posts immer nur ihre eigene Meinung repräsentieren.

„Als wäre es nicht von vornherein klar, dass es EURE Meinung ist, die auf EUREM Profil widergespiegelt wird.“, denkt T., wundert sich über diese WichtigtuerInnen und macht sich an seine eigene Profilbeschreibung.

T.: Online-Enthusiast und sein genialer Versuch die Realität hinter sich zu lassen. Ganz ohne Drogen und Alkohol. Das ist mal eine Beschreibung, die sich ordentlich gewaschen hat. Endlich ist es soweit. Er ist Teil der Welt, die keine Realität mehr braucht. Eine Welt ohne Realität, aber mit blauem Haken. Die Moral von der Geschichte: Eine Moral braucht es nicht.