KARSIBOR (KASEBURG)
PATRICK WELTER

Usedom und Wollin - Zwei Inseln - Zwei Länder - Ein Urlaubsziel

Zuerst einmal müssen wir mit ein paar Vorurteilen aufräumen. Norddeutschland und Nordpolen sind weder dauerkalt noch dauernass. Die Ostsee ist keineswegs langweilig. Wenn sie will, kann sie ganz schön brüllen. Ansonsten bietet sie in Vor- und Hinterpommern, das eine deutsch, das andere polnisch, die tollsten Strände, die man sich denken kann. Besonders reizvoll ist der unmittelbare Kontrast mit den dunklen Wäldern, die vielerorts direkt bis an den Strand und Steilküste reichen. Und flach ist es dort auch nicht, die Landschaft wird, selbst auf den Inseln des Stettiner Haffs von Hügeln, Endmoränen der letzten Eiszeit, bestimmt.

Im äußersten Winkel

Zur Orientierung: Das Stettiner Haff, das Mündungsdelta der Oder, liegt im äußersten Nordosten Deutschlands und im äußersten Nordwesten Polens und ist nach dem kurischen Haff der zweitgrößte Küstensee der Ostsee. Um das flache Haff mit durchschnittlich drei Metern Wassertiefe hat sich eine ganz spezielle Fauna- und Flora angesiedelt. Seeadler sind hier keine Seltenheit. Große Teile von Wollin wurden 1960 zum ersten polnischen Nationalpark, dort leben mittlerweile wieder Wisente. Wie auch seit einigen Jahren auf Usedom. Dort sieht man öfter das Verkehrsschild „Otter kreuzen“.

Das -polnische- „große Haff“ hat eine Wasserfläche von 410 Quadratkilometern, das - deutsche - „kleine Haff“ eine von 277 Quadratkilometern. Die drei Mündungsarme der Oder, der Peenestrom (D) im Westen, die Swina (Swine) in der Mitte und die östliche gelegene Dzwina (Dievenow), umfließen die beiden Inseln Usedom und Wollin, die die Küstenlinie bilden. Usedom gehört zu 90 Prozent zu Deutschland, zu zehn Prozent zu Polen, dort liegt allerdings die größte Stadt der Inselgruppe - Swinoujcsie (Swinemünde). Wollin und die kleine Insel Karsibor auf der Haffseite gehören ganz zu Polen.

Jahrzehntelang war hier die Welt zu Ende und zwar aus beiden Richtungen. Die neue Grenzziehung nach 1945 zwischen Polen und Deutschland ist im Bereich des Haffs nicht, wie weiter südlich, mit dem Lauf der Oder identisch. Kurz vor der alten Hafenstadt Stettin schwenkt die Grenze nach Westen und verläuft dann nach Norden, wodurch Stettin und die schiffbare Odermündung an Polen fielen. Bis in die 1990er Jahre hinein war Swinoujcsie ein Stützpunkt der sowjetischen Flotte, was das Leben der (Neu-) Bürger in der Stadt deutlich behinderte und die Grenze zur DDR bis 1972 abriegelte. Die Öffnung eines Fußgängerübergangs dauerte dann aber nur wenige Jahre, denn bald misstraute die Führung der DDR, dem allzu liberalen sozialistischen Bruder in Warschau. Und machte die Grenze zu.

Gemeinsamer Boom

Heute ist davon auf Usedom nichts mehr zu merken. Von Bansin (D) im Westen bis Swinemünde/ Swinoujcsie (PL) im Osten zieht sich über zwölf Kilometer die längste Strandpromenade Europas. An diesem Küstenabschnitt wurde im 19. Jahrhundert der deutsche Typus des Strandurlaubs erfunden - man fuhr nach Bansin, Heringsdorf, Ahlbeck und Swinemünde - genauso wie man es heute wieder tut. Das lange von den Sowjets besetzte Kurviertel von Swinoujcsie boomt geradezu. In den drei deutschen Orten strahlen die alten Villen, die zu DDR-Zeiten heruntergekommenen Gewerkschaftsferienheime waren, wieder in neuem Glanz. Der sozialistische Mief wurde in allen vier Seebädern von einer frischen Brise vertrieben.

Zweisprachige Beschriftungen in Deutsch und Polnisch sind hüben und drüben keine Besonderheit. Swinemünde/ Swinoujcsie sieht sich heute als polnische Stadt mit deutscher Vergangenheit - selbst den deutschen Opfern (je nach Quelle zwischen 6.000 und 23.000) eines amerikanischen Bombenangriffs gedenkt das polnisch-katholische Swinoujcsie. Auf polnischer Seite, zunächst auf Wollin, dann auf dem Festland, schließt sich eine Reihe bunter Seebäder, von Miedzyzdroje (Misdroy) bis Kolobrzeg (Kolberg) an. Gerade Miedzyzdroje ist eines der polnischen Top-Reiseziele, auch hier ist die alte Bäderarchitektur in neuem Glanz wieder erstanden.

Abseits der Badeorte an der Ostseeküste werden Usedom, Wollin und Karsibor von beschaulichen Dörfern, traumhaften alten Alleen und viel, viel Natur und noch mehr Ruhe bestimmt.