LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Wer bislang noch daran zweifelte, erhielt gestern einen erneuten Beweis: Nichts ist so unsicher wie Daten auf „sozialen“ Netzwerken. Beispiel Twitter: In einer beispiellosen Hacker-Attacke auf Twitter ist es Unbekannten gelungen, Werbung für einen Bitcoin-Betrug über Profile von Prominenten wie Ex-Präsident Barack Obama und Amazon-Chef Jeff Bezos zu verbreiten. In der am Mittwoch über die Accounts verbreiteten Botschaft wurde versprochen, eingeschickte Bitcoins doppelt zurückzuzahlen.

Dafür missbraucht wurden auch Profile des demokratischen Präsidentschaftsanwärters Joe Biden, des früheren New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg, des Rappers Kanye West, des Microsoft-Gründers Bill Gates sowie des Tesla-Chefs Elon Musk. Ebenfalls sehr bemerkenswert: Der Account des US-Präsidenten Donald Trump, für den Twitter mit über 60 Millionen Followern ein zentraler Kommunikationskanal ist, war nicht betroffen. Ebenfalls bemerkenswert: Der Mehrzahl der betroffenen Promis wird eine eher kritische Haltung zu Trump nachgesagt. Für die Betrüger hat sich der Hack zumindest in einem ersten Schritt gerechnet. Auf ein in den Twitter-Nachrichten genanntes Bitcoin-Konto wurde schnell Kryptowährung im Wert von über 100.000 Dollar eingeschickt.

Wenn man davon ausgeht, dass die Twitter-Konten von Prominenten besonders geschützt sind, dann bedeutet das, nicht mal besonders toller Schutz ist ein Schutz. Da wirkt es dann mehr als lahm, wenn Twitter-CEO Jack Dorsey bedröppelt verbreitet: „Wir alle bedauern, dass dies passiert ist. - Ein harter Tag für uns bei Twitter.“ Fast möchte man dem Mann ein Taschentuch reichen. Doch halt! War da nicht was? Ist Dorsey nicht einer der reichsten Tech-Unternehmer in den USA? Da sollte der Milliardär sich nicht nur das Taschentuch leisten, sondern endlich auch seine Verantwortung wahrnehmen, schließlich weiß er selbst sehr genau, was sich wie programmieren lässt.

Dann stellt sich die Frage, wofür man die Twitter-Konten noch missbrauchen könnte? Manipulation von Aktienkursen? Warum nicht, sicher lukrativ. Oder Eingriff in den Wahlkampf. Ja, klar, da kann man sich was bei Facebook abgucken, die hatten damit schon sehr viel Erfolg. Und Werbung für Kunden, deren Nutzerdaten ohne ihr Wissen genutzt werden? Da kann Twitter mitreden, das hat schon 2018 für einen Skandal gesorgt. Schließlich ist das Thema Datenschutz nicht erst seit gestern eines, mit dem Twitter zu kämpfen hat.

In Frankreich gab es Klagen wegen antisemitischer Sprüche, in Deutschland konnten Rechtsextreme lustig ihre braunen Phrasen tweeten und in den USA hatten die Neonazis vergangenes Jahr sogar Dorseys Konto geknackt und genutzt.

Die erste Lehre daraus: Alles ist hackbar. Die zweite muss lauten: Dienste wie Twitter, die eine enorme Reichweite und öffentliche Wirkung haben, müssen dem Schutz der Person und demokratischer Regeln unterliegen und daher Inhalte kontrollieren. Das wollen sie natürlich nicht, weil das teuer ist. Aber die Frage ist nicht, was Dorsey will, sondern wie vermieden wird, dass unternehmerisches Tun die Gesellschaft gefährdet. In diesem Kontext ist die Stärkung des Datenschutzes bei einem Urteil des Luxemburger EU-Gerichts zu Facebook ein Hinweis, wohin die Reise gehen muss.