LUXEMBURG
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„Disco Elysium“ bringt frischen Wind ins Rollenspielgenre

Wenn Rollenspiele aus der isometrischen Perspektive nicht eben mal wieder für tot erklärt werden, bleiben Genrevertreter gerne bewährten aber eben auch abgenutzten Mustern verhaftet. „Disco Elysium“ nicht. Das estnische Entwicklerstudio ZA/UM hat ein erfrischendes Erstlingswerk veröffentlicht, das RPG-Fans mit fortgeschrittenen Englisch-Kenntnissen wärmstens zu empfehlen ist. Doch worum geht es?

In dieser Nacht hat er es definitiv übertrieben. Kopfüber auf dem Boden liegend wacht der Protagonist in einem Hotelzimmer auf. Der Schädel brummt. Durchs Zimmer verstreut liegen leere Weinflaschen, die Krawatte hängt im Deckenventilator und zu allem Überfluss hat der Alkohol diesmal unser Gedächtnis ausgelöscht. Was schon schlimm genug wäre, würden wir nicht bald feststellen, dass es uns ursprünglich als Detective in den heruntergekommenen Distrikt Martinaise verschlagen hat, um einen Mord aufzuklären. Ohne Marke, Waffe und Geld erwarten uns im Foyer nicht nur ein steifer Ermittlerkollege eines anderen Polizeikommissariats, sondern auch zahlreiche Charaktere, die mehr oder weniger schlechte (überwiegend schlechte) Erinnerungen an unsere verrauschten Auftritte der vergangenen Tage haben.

Ein Ermittler auf Selbstfindung

Der Entwickler bringt den Spieler damit in eine Situation, in der er sich gut überlegen muss, wie er sich anlegt und bietet zudem reichlich Luft für urkomische Gespräche, wenn unser Protagonist selbstbewusst mit beiden Füßen ins nächste Fettnäpfchen springt. Was man dabei wissen muss: „Disco Elysium“ ist ein über Dialoge und Persönlichkeit getriebenes, cleveres Rollenspiel. Ein Kampfsystem gibt es nicht. Der Spieler kann Attribute in den vier Kategorien Intellekt, Psyche, Körper und Motorik frei verteilen, was - bekannte Mechanik - zusätzliche Dialogoptionen freischaltet und unsere Chancen beim Auswürfeln verschiedener Interaktionen erhöht.

Doch es gibt kaum Momente, in denen wir uns eingeschränkt fühlen. „Disco Elysium“ lässt Türen offen - und manchmal kommen wir erst weiter, nachdem wir auf die Nase gefallen sind. Diese relative Unvorhersehbarkeit gepaart mit der Figureninteraktion und der einer Mordermittlung inhärenten Spannung sorgen für eine anhaltend frische Rollenspielerfahrung - und das für gut und gerne 40 Stunden. Wer Interesse hat, sollte vor dem Kauf noch zwei Dinge wissen. Das ungewöhnliche Levelsystem sowie das an dieser Stelle nur erwähnte Gedankenkabinett erfordern etwas Einarbeitung. Zweitens muss man sich für dieses Spiel Zeit nehmen, insbesondere für die Mono- und Dialoge. Denn alles anzuklicken, was die Dialogbox hergibt, ist kontraproduktiv. Geduld und Mitdenken wird indes belohnt.

Erhältlich für PC, Xbox One und PS4 ab 40 Euro.