LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Solistische Meisterleistungen: Reis, Demuth, Wiltgen mit Joshua Redman und dem OPL in der Philharmonie

Sicher ist es eine wichtige Komponente für Luxemburger Pop- oder Jazzgruppen, aufgrund der schnell erschöpften Auftrittsgelegenheiten mit mehr oder weniger immer gleichem Publikum, sich immer wieder neu zu erfinden oder wenigstens in neuem Umfeld zu präsentieren. Das Trio Reis, Demuth, Wiltgen, das in letzter Zeit eine beachtliche Anzahl an Auslandsauftritten aufzuweisen hat und dessen CDs auch international Beachtung finden, nutzte diese Marktlücke am vergangen Freitag in der Philharmonie vor ausverkauftem Haus.

Wer hätte es vor noch nicht allzu langer Zeit für möglich gehalten, dass ein einheimisches Jazzensemble einen geräumigen Konzertsaal wie den der Philharmonie füllen könnte, noch dazu in Begleitung eines kompletten Sinfonieorchesters und einem der weltbesten Solisten der aktuellen Jazzszene. Bereits vor rund zwei Jahren, am 26. März 2016, präsentierte sich das Trio mit einem kongenialen Solisten, dem amerikanischen Saxofonisten Joshua Redman im Auditorium des „Conservatoire de musique“ im Rahmen des „Printemps musical“.

Einzigartige Konstellation

Dass diese fruchtbare Zusammenarbeit jetzt noch durch das Mitwirken des Orchesters der Philharmonie Luxemburg gekrönt wird, noch dazu unter der Leitung des amerikanischen Starkomponisten und -arrangeurs Vince Mendoza, der auch teilweise für die Arrangements zuständig war, ist schon ein Ereignis, das in die Annalen der regionalen Jazzgeschichte eingehen wird.

Allerdings ist diese manchmal zu sehr zur Unterhaltungsbranche tendierende Form des „sinfonischen Jazz“ nicht unbedingt nach jedermanns Geschmack. Auch bei dem bestens besuchten Konzert am vergangenen Freitag bewegte sich der großorchestrale sonore Background eher auf stilistisch neutralem und vagem Terrain, was leider die facettenreichen Raffinessen des Trios und die originellen Aspekte der Kompositionen der Solisten Reis, Demuth und Wiltgen beträchtlich schmälerte.

Energiegeladenes Spiel

Bekannt ist, dass Joshua Redman zu den kreativsten Improvisatoren der aktuellen Szene zählt, was er am Freitag permanent durch seine makellosen, technischen Höchstleistungen unterstrich. Besonders die Kompositionen des Pianisten klangen wie perfekt auf ihn zugeschnitten. Sein energiegeladenes Spiel im Kontrast mit der gemütlichen Beweglichkeit des Sinfonieorchesters ließ von Anfang an eine Atmosphäre angespannter Neugier zustande kommen, die sich aber im Nachhinein zu einer befriedigenden, mit klassischer Gelassenheit interpretierten Routinevorstellung, entwickelte.

Natürlich erwartet man bei solchen, immer mit Vorsicht zu genießenden, Begegnungen keine wilden Jam Sessions, aber leider wurde die solistische Potenz der vier Jazzsolisten durch die oft überladenen Orchestrierungen, die manchmal an den Vorspann eines Historienfilms erinnerten, deutlich geschwächt. Allein Redman, dessen Rolle sich nicht darauf beschränkte, bedingungslos auf dieses Konzept einzugehen, vermochte durch seine Vitalität und seine atemraubende Schnelligkeit dem pflegeleichten, milden Mainstream einen spannenden Touch abzugewinnen.

Störende Streichereinsätze

Wie eine Phase der Erholung von dem oft überflüssigen Klangteppich der Streicher wirkten die solistischen Einlagen des vorzüglichen Pianisten Michel Reis mit seiner diskreten Intellektualität und seiner stilistischen Eleganz. Mit einem kurzen aber intensiven Schlagzeugsolo mit wirkungsvollen rhythmischen Punch überzeugte Paul Wiltgen, der ruhende Pol der Combo. Auch Kontrabassist Marc Demuth begeisterte durch seine konzentrierte Flexibilität, die sich bei seinen wenigen, herrlich intonierten Soloparts, die leider immer wieder von nicht nötigen, störenden Streichereinsätzen untermalt wurden, in den Vordergrund stellte.

Rückblickend bleibt der Eindruck eines konsumentenfreundlichen Happenings, dessen Höhepunkte sich im inspirierten Zusammenspiel des Jazzteams, den effektvollen Improvisationen des Gastsolisten und den gefälligen, manchmal an der guten alten Balladentradition des Modern Jazz, inspirierten Kompositionen widerspiegeln. Gespannt sein darf man auf die neue, in Italien eingespielte, CD des außergewöhnlich originellen Trios, die im Mai auf den Markt kommt.

Schlussendlich hinterließen die zwei Stunden melodiösen Zaubers ein beeindruckendes Gesamtbild eines von eingefleischten Jazzfans lange als inkompatibel eingestuftem easy-listening Spektakels. Ein Leckerbissen für alle Bewunderer dieses Genres.