LUXEMBURG
SVEN WOHL

She-Ra zeigt in fünf Staffeln, wie man eine alte Animationsserie neu interpretiert

Die erste spontane Reaktion beim Anblick der neuen She-Ra-Serie auf Netflix wird bei manchen aus schierem Trotz bestehen. Da aktuell kaum ein Stoff aus den 80er oder 90er vor einem Remake sicher ist, verwunderte es 2018 nicht, als die erste Staffel eines She-Ra-Reboots auf Netflix anlief. Nach fünf Staffeln wurde ziemlich jeder eines Besseren belehrt. Nicht nur handelt es sich um eine gut produzierte und mit Tiefgang durchsetzte Animationsserie die sich an Kinder, Teenager und Erwachsene richtet. Auch kam sie bei den Kritikern und Fans gut an. Das hat zahlreiche gute Gründe.

Beziehungen mit Tiefgang

Der Plot der Fantasy-Sci-Fi-Oper orientiert sich am Original: Adora vom Planeten Etheria kämpft zu Beginn der Serie auf Seiten der Horde gegen die Überreste einer Koalition von Prinzessinnen. Als sie realisiert, dass man sie ihr Leben lang belogen hat und eine Organisation, die sich selbst als „Horde“ bezeichnet, nicht dafür sorgen möchte, dass auf einem Planeten generelle Party-Stimmung herrscht, wechselt sie die Seiten. Bald stolpert sie über ein legendäres, verschollenes Schwert und wie es sich gehört hat dieses die Macht, Adora in She-Ra zu verwandeln. Als mächtige Kriegerin nimmt sie es nun auf sich, die Prinzessinnen hinter sich zu einen und die Horde zu besiegen.

Was nach einem Plot mit Platz für reichlich Kampfszenen klingt, konzentriert sich überraschend stark auf die Beziehungen zwischen den Figuren. Die gesamte erste Staffel rückt das Schmieden der neuen Allianz in den Mittelpunkt, während in den darauffolgenden Handlungsbögen Figuren, Beziehungen und Motivationen so lange vertieft werden, dass Plot und Worldbuilding fast zur Nebensache verkommen. Dass dies dann auch noch lustig, bemerkenswert reif und durchdacht geschrieben ist, ist ein weiterer Pluspunkt.

Ohne Füller

Der Animationsstil beeindruckt durch starke Farben und glatte Designs. Selten wirkt eine Szene optisch überladen und jede Figur ist klar und augenblicklich erkennbar. In den Actionszenen und vor allem bei den Verwandlungen macht sich ein gewisser Anime-Einschlag bemerkbar was Tempo und Struktur betrifft. Hierbei wird jedoch nie übertrieben, der Überblick bleibt immer erhalten und die Szenen sind kurz genug, um den Figuren Platz zum Atmen zu überlassen. Einen weiteren Pluspunkt gibt es dafür, dass keine Füllerepisoden zu finden sind: Jede Folge bringt neue, übergreifende Handlungselemente voran, entwickelt Figuren weiter oder führt neue ein. Das lädt auch jüngere Zuschauern dazu ein, die nächste Folge zu schauen, um zu wissen, wie es weitergeht.

Thematisch deckt She-Ra eine reichlich progressive Palette ab. Von Emotionen und Freundschaft geprägt, berührt die Serie wie nebenbei LGBTQI+-Themen, spricht von Akzeptanz, Selbstwert- und Zugehörigkeitsgefühlen sowie darüber, wie Machtstrukturen missbraucht werden können, um Einzelne oder Gruppen zu unterdrücken. Was reichlich komplex wirkt, ist stets leicht verständlich in die Handlung eingebaut und wird nicht zum Zentrum einer moralischen Aussage gemacht. Erhobene Zeigefinger sind hier also nirgends zu finden. Stattdessen sind es die Figurenentwicklung, ihre Motivationen und Emotionen, die solche Konzepte greifbar machen. Dass die Prinzessinnen alle unterschiedliche Körperformen aufweisen und nicht sexualisiert werden ist zudem ein Glücksgriff. All dies ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass die Basis all dessen eine Animationsserie aus den 80ern darstellt, die als Spin-Off für He-Man ihren Ursprung hatte. He-Man diente einst als Vehikel um mehr Actionfiguren zu verkaufen und weil man mit dem muskelbepackten Krieger scheinbar nicht genug Mädchen ansprechen konnte, musste ein weibliches Gegenstück her. Doch He-Man sucht man im Reboot genauso vergeblich wie antiquierte Geschlechterrollen. Ein Glück.