LUXEMBURGSIMONE MOLITOR

„Rosa Lëtzebuerg“-Präsidentin Gabriele Schneider über Toleranz und Diskriminierung

Seit Tagen weht am Escher Rathaus die Regenbogenflagge. Nach einer Gedenkfeier am Montag, dem Filmfestival an den beiden darauffolgenden Tagen und der ganzwöchigen Ausstellung „La vie en rose“ ist die Minettemetropole nun bereit für das große Abschlussevent: Morgen um 12.00 fällt der Startschuss für das Gaymat-Itself - das Highlight der LGBTI-Festivalwoche - am Rathausplatz, um 14.00 startet die Parade, danach wird gefeiert. Stehen solche Regenbogen-Veranstaltungen - zumindest in den meisten europäischen Ländern - auch heute ganz im Zeichen der Toleranz, so war das längst nicht immer der Fall. In manchen Teilen der Welt ist Akzeptanz sexueller Vielfalt ohnehin noch ein regelrechtes Fremdwort. Daran erinnert auch Gabriele Schneider, seit 2011 Präsidentin von „Rosa Lëtzebuerg“, im Gespräch mit dem „Journal“.

Wie viel von der ursprünglichen Bedeutung steckt überhaupt noch im
Gaymat-Festival?

Gabriele Schneider Das Gaymat hat sich zwar zu einem großen Volksfest entwickelt, die ursprüngliche Bedeutung spielt aber weiterhin eine Rolle. Die schwul-lesbische Community wurde nicht immer akzeptiert oder respektiert. Anfangs ging es darum, auf die Straße zu gehen, uns zu zeigen, für unsere Rechte zu kämpfen und gegen Diskriminierung sowie Ausgrenzung zu demonstrieren. Das gehört heute immer noch dazu, schließlich ist nach wie vor nicht die ganze LGBTI-Gemeinschaft durch das Gesetz geschützt. Aufmerksamkeit für unsere Anliegen zu bekommen, bleibt folglich Bestandteil des Gaymat.

Wo besteht denn noch Handlungsbedarf?

Schneider Das Event steht dieses Jahr nicht umsonst unter dem Motto „Gaymat 4 #HumanRights“. Genau um diesen Aspekt geht es uns: Es ist ein Menschenrecht, frei zu sein, den zu lieben, den man lieben will. Das ist längst nicht in allen Teilen der Welt möglich. In Luxemburg haben wir die große Chance, seit einem Jahr das Gesetz über die Ehe für alle und das Adoptionsrecht zu haben. Seit über zehn Jahren ist unser Informationszentrum Cigale mit dem Familienministerium konventioniert. Solche guten Bedingungen hat nicht jedes Land in der EU, dafür sind wir natürlich dankbar. Trotzdem gibt es Lücken in unseren Gesetzen. Diese zu schließen, sollte gemeinsam mit dem Gesetzgeber machbar sein. Inspirieren könnten wir uns an anderen Ländern, beispielsweise an Malta. Handlungsbedarf besteht außerdem eindeutig im schulischen Bereich. Dort muss dringend etwas passieren. Homosexualität darf bei der Sexualerziehung nicht ausgegrenzt werden. Das Thema sollte auch im Werteunterricht nicht fehlen, sondern strategisch gut und diplomatisch eingebunden werden. In dem neuen Fach soll es ja um die Vielfalt im Allgemeinen gehen, demnach sollte keine diskriminierende Nische geschaffen werden. Wir würden uns wünschen, in die Diskussion über den Werteunterricht eingebunden zu werden, um unsere Ideen einzubringen.

Ist Homosexualität denn gerade in der Schule noch ein Tabu?

Schneider Es ist eine Tatsache, dass viele Jugendliche doch Probleme mit ihrem Coming-Out haben, gerade in der Schule, weil sie möglicherweise gehänselt werden oder zumindest Angst davor haben. Hinzu kommt, dass das Lehrpersonal häufig nicht genügend sensibilisiert ist oder es ganz einfach an der nötigen Erfahrung und Ausbildung in der ganzen Thematik fehlt. Die Folge: Es wird nicht angemessen reagiert, um letztendlich negative beziehungsweise diskriminierende Auswirkungen zu vermeiden. Uns ist es wichtig, bei der Aufklärung zu helfen. Das Team des Cigale nimmt diese Aufgabe jetzt schon wahr, indem es Workshops und Seminare in den Schulen bietet und demnach wichtige Aufklärungsarbeit leistet. Das könnte aber deutlich ausgebaut werden. Natürlich sollten auch die Eltern einbezogen werden. Im Endeffekt geht es darum, dass es dem Kind gut geht und es sich in seiner Umgebung wohlfühlt.

Finden Sie auf politischer Seite Gehör für diese Anliegen?

Schneider Wir haben durchaus einen Draht zu den politischen Entscheidungsträgern und finden Gehör, wenn es um Gesetze geht, wo noch Verbesserungsbedarf besteht. Eine noch engere Zusammenarbeit wäre aber nicht falsch. Der Regierung und den involvierten Instanzen fehlt es doch manchmal an Erfahrungswerten, was die gelebte Homosexualität in Luxemburg anbelangt. Wer, wenn nicht wir, kann besser über bestehende Probleme informieren, erklären, welche Schwierigkeiten es noch gibt, wie Homosexualität hierzulande gelebt und erlebt wird? Nun ja, wir wissen natürlich, dass unsere Anliegen jetzt während der EU-Ratspräsidentschaft etwas in den Hintergrund rücken.

Gutes Stichwort: Hat „Rosa Lëtzebuerg“ eigentlich gewisse Erwartungen an die Présidence?

Schneider Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass unsere Thematik auch zur Sprache gekommen wäre, jedoch gibt es andere, wirtschaftlich sehr wichtige Sujets, etwa Griechenland, wo ein Konsens gefunden werden muss, weil es schließlich um ganze Nationen geht. Dafür haben wir Verständnis. Wir sind uns sicher, dass wir nach diesen sechs Monaten wieder einen Platz in der politischen Agenda finden werden. Ende des Jahres werden wir wahrscheinlich ein größeres Rundtischgespräch organisieren, um im Allgemeinen über Menschenrechte zu reden und gleichzeitig zu verdeutlichen, wie es um die LGBTI-Community hierzulande steht. Damit wollen wir während der EU-Ratspräsidentschaft ein gewisses Zeichen setzen und Präsenz zeigen. Das Gaymat fällt ja auch mitten in die Présidence. Bei dieser Veranstaltung geht es schließlich ebenfalls um Visibilität, und darum zu zeigen, dass Luxemburg sicherlich ein „Place to be“ für homosexuelle Menschen sein kann.

Fazit: Homosexuelle haben es gut in Luxemburg?

Schneider Sie sind privilegiert, was unsere Gesetzeslage anbelangt. Die Menschenrechte werden respektiert. Man darf nicht vergessen, dass in anderen Teilen der Welt noch die Todesstrafe auf Homosexualität steht oder Gefängnisstrafen drohen. Was die so genannte Szene anbelangt, so ist diese hierzulande aber recht überschaubar. Es gibt nur wenige Ausgehmöglichkeiten, deshalb haben wir vor wenigen Jahren die Partyreihe Queesch ins Leben gerufen, die dabei ist, sich zu etablieren und zu einem Treffpunkt für die homosexuelle Community geworden ist.

Spiegelt sich dieser Respekt auch in der Gesellschaft wider oder bleibt Diskriminierung ein Problem?

Schneider Die Tatsache, dass wir ein Gesetz haben, das uns die gleichen Rechte zugesteht, heißt noch lange nicht, dass wir überall und von jedem akzeptiert werden. Das Ehe-Gesetz ist erst ein Jahr alt, manche Menschen müssen sich noch daran gewöhnen. Luxemburg ist doch ein recht konservatives Land. Trotzdem hat es Homosexualität mittlerweile aus der Tabu-Ecke geschafft. Fünf Jahre wurde die Öffnung der Ehe diskutiert, bevor sie gesetzlich verankert werden konnte. Protestaktionen blieben jedoch aus, was doch für unsere Gesellschaft spricht. Es hatte sich lediglich eine Initiative gebildet, die gegen das Adoptionsrecht war. Die Gesellschaft muss sich weiterentwickeln. Hundertprozentige Akzeptanz kommt nicht von heute auf morgen zustande. Trans- und Homophobie, Diskriminierung und Hassreden gibt es durchaus noch. Natürlich wünschen wir uns, dass dieser Wortschatz irgendwann überflüssig wird.

Alle Informationen zum Gaymat-Programm unter www.gaymat.lu