LUXEMBURG/DÜDELINGEN
CLAUDE MÜLLER

Erweitertes Jazzwochenende mit zahlreichen Höhepunkten

Da soll mal einer sagen es wäre nichts los in Sachen Jazz in Luxemburg. Innerhalb von drei Wochen hatten wir neben einigen Auftritten regionaler Bands, den wöchentlichen Apéro-Jazzmatinees im neimënster und Big Bands auf der Place d’Armes, die Gelegenheit Jan Garbarek mit Trilok Gurtu, das Trio von Brad Mehldau, das nordische Bugge Wesseltoft Trio in der Philharmonie oder den italienischen Startrompeter Enrico Rava auf dem viertägigen Düdelinger Festival „Like A Jazz Machine“ in vollen Zügen zu genießen.

Klänge aus dem Jenseits

Keyboarder Bugge Wesseltoft, der auch schon beim Düdelinger Festival zu den Headlinern gehörte, trat am Donnerstag mit zwei ebenfalls hochquotierten Musikern der skandinavischen Jazzszene, Dan Berglund und Magnus Oström an Bass und Drums, im Kammermusiksaal der Philharmonie an. Der Synthesizerspezialist, der auch gelegentlich bei Garabarek als Klangerweiterer mitwirkte, konnte mit seinem inspirierenden, immer wohltönenden Konzept das breite Publikum restlos entzücken. Klänge aus dem Jenseits, ergreifende Szenen aus weltumspannender Folklore oder frei tragende Elemente eines modernen, vitalen Expressionismus, all dies vereinte das Trio in einem indirekt romantischen Entourage. Das manchmal einsame Ambiente lebt natürlich größtenteils von der Soundverfremdung und -ausdehnung elektronischer Hilfsmittel, aber durch den individuellen Einsatz der Solisten mit ihrem persönlichen Touch gelangte das Menschliche und Spontane gleichberechtigt in den Vordergrund. Nicht unbedingt revolutionär, aber die wunderschönen, abwechslungsreichen Abbilder einer fiktiven, paradiesischen „Heilen Welt“, die nie krampfhaft oder gekünstelt wirkt, haben die Liebhaber aus unterschiedlichsten Lagern wieder einmal vollends überzeugt.

Wer nach diesem abenteuerlichen Erlebniskonzert seinen Appetit auf hochkarätige Events in Sachen aktuelle Jazzderivate oder Liveatmosphäre noch nicht gezügelt hatte, konnte am selben Abend beim Düdelinger Festival „Like A Jazz Machine“ eine weitere wertvolle Kostprobe des europäischen Jazz genießen. Leider fanden hier die ersten Konzerte zeitgleich mit dem Wesseltoft-Auftritt statt, sodass man anlässlich der Qual der Wahl gegebenenfalls auf die Auftritte der Bands von Claire Parsons, Arthur Possing und des niederländischen Trios um den Pianisten Rembrandt Frerich verzichten musste.

Hochinspiriert, poetisch lyrisch aber mit viel Power

Gegen 23.00 war dann die Reihe an dem fast 80-jährigen Ausnahmetrompeter Enrico Rava mit dem persönlichen Sound und seinem bewährten organisierten Free Jazz. Hochinspiriert, poetisch lyrisch aber mit gewaltiger Power inszenierten die fünf Solisten eine intensive Hommage an die noch immer lebendige Tradition der freien Improvisation, wobei die unvergleichliche Symbiose der beiden Hörner mit einem effektvollen Gianluca Petrella an der Posaune zeigte, dass diese Form des Jazz noch lange nicht ins Museum der Avant-Garde gehört.

Mit angenehmem Mainstream-Jazzpiano konnte Laurent De Wilde mit seinem „New Monk Trio“ genau die lockere Festivalstimmung einleiten, die die ganze zweite Festivalsoiree über herrschte. Auf die langerwartete CD-Release der neuen Produktion der Sängerin Marly Marques mit ihrem Quintett und hervorragenden Gastsolisten werden wir in absehbarer Zeit zurückkommen.

Eine ausgezeichnete Idee war es den dritten Festivaltag eher ruhig und besonnen anklingen zu lassen. Mit dem Michel Edelin Quintet standen fünf Spitzenmusiker auf der Bühne, die kompromisslos die herrliche Liaison ihres originellen Konzepts mit den lyrischen Leckerbissen des ausdrucksstarken Rezitators John Greaves in Szene setzten. Hier glänzten vor allem Bassklarinettist Sylvain Kassap und die faszinierende Pianistin Sophia Domancich mit feurigen Soloeinlagen. Anschließend war es an der Band des Gitarristen David Laborier, die ihre neue CD „NE:X:T“, die wir an dieser Stelle bereits im Detail vorgestellt haben, programmiert hatten.

Stilistische Diversität

Auch am letzten Festivaltag konnten wir uns von der stilistischen Diversität des überregionalen Events überzeugen, das gleich zwei „Artists en résidence“ vorstellte. Nach Jeff Herr und „Tele-Port“, ein Projekt, das bekannte Luxemburger Musiker dem russischen Saxofonisten Zhenya Strigalev gegenüber stellte, war die Reihe an dem Perkussionisten und Komponisten Pascal Schumacher. Es gehört schon eine Portion Mut und ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein dazu, sich zwischen zwei gehörig groovenden Acts im Alleingang anzubieten. Noch dazu auf einem Instrument, das eher selten für Solointerpretationen eingesetzt wird, dem Vibrafon. Schumacher faszinierte während einer vollen Stunde mit seiner ausgeprägten Technik und konnte das andächtig lauschende Publikum abwechselnd mit wiegenden Tönen und perkutiven, repetitiven Phrasen, die die Rolle des Vibrafons (außer der swingenden) in sämtlichen Facetten beleuchtete, in seinen Bann ziehen. Ob der synthetische Soundteppich das Ganze attraktiver macht oder vom eigentlichen Geschehen ablenkt, ist allerdings Geschmackssache.

Wie gewohnt war auch das Abschlusskonzert der achten Ausgabe des vielbeachteten Festivals dem Fusion Jazz gewidmet. Der vielseitig orientierte Multi-Kulti-Schlagzeuger Manu Katché präsentierte ein gelungenes, wohldosiertes Stimmungsbild der modischen Wellnessmusik in bester Studiosessionqualität, wobei die Experimentierfreudigkeit und das Spontane der meisten vorgestellten Gruppen einem betont oberflächlichen und unterhaltenden Faktor der aktuellen Jazzszene Platz machten. Aber eben das gehört auch in das weite Universum der Jazzvielfalt und begeistert immer wieder Puristen und Einsteiger.