LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Zum Tod von „Usch“ Burton

Auch wenn es wie eine Plattitüde klingt, die Mosel und vor allem die Stadt Grevenmacher sind seit Freitag ein ganzes Stück ärmer. Mit Usch (Eugène) Burton ist ein Mann gestorben, der das Querdenken oder auch das gegen den Strichbürsten zu seiner Passion gemacht hatte.

Er war Künstler, Designer, Verleger, Computerpionier, Werber, schlechtes Gewissen seiner Stadt, unkonventionell, konservativ. Zwei Dinge waren ihm besonders wichtig: Die luxemburgische Mosel und seine Heimatstadt Grevenmacher. Für beide hat er viel getan und sich über beide ganz furchtbar aufregen können.

Man konnte ihn leicht unterschätzen, dabei hatte er die Kunstakademien in Düsseldorf und Brüssel besucht, und den ein oder anderen Preis gewonnen. Aber im Grevenmacher der 1980er war er der Typ, der noch um halb zwölf die Tür im Morgenmantel aufmachte, wenn man einen Grafiker brauchte.

Erfolgsprojekt „Muselzeidung“

Der Geistesblitz der Mosel vierzig Jahre nach Kriegsende wieder eine eigene Zeitung und damit den regionalen Geschäften ein Medium zu geben, zündete. Die „Muselzeidung“ ist ein Erfolgsprojekt das seit mehr als vier Jahrzehnten zur Mosel gehört. Was mit einer elektrischen Schreibmaschine begann, wurde bald mit einer kleinen Kiste namens Macintosh, zum technologischen Vorreiter des modernen Zeitungsmachen. Um 1990 herum pilgerten alle Kreativen aus der Region nach Grevenmacher, um sich anzuschauen, wie die Zukunft aussieht. In Grevenmacher hatte keiner eine Ahnung, welches Neuland in der alten Villa neben der Post betreten wurde.

Draußen wurde die „Muselzeidung“ gut aufgenommen, manchmal gab’s auch Ärger. Etwa mit dem legendären Titelbild eines abgestürzten Spritz-Hubschraubers und der dazu passenden Schlagzeile „Schädlingsbekämpfung“ - Jahrzehnte vor jeder Öko-Diskussion in der Landwirtschaft. Die Quittung holte sich Usch gleich gegenüber „beim Jules“, der Betriebskantine von „Muselzeidung“ und „Burton-Design“ ab, die Thekendiskussion bei einem Elbling war ihm heilig. Streitkultur „at its best“. Der spätere Abriss des Cafés hat ihn mindestens so getroffen, wie der Untergang seiner Lieblingsautomarke Saab.

Im Januar 1991 habe ich angefangen bei Burton-Design, Uschs Werbeagentur, zu arbeiten, zu texten und die Produktion zu organisieren. Die kaufmännisch getrennte „Muselzeidung“ war als Gratiszeitung für mich ein Schmuddelkind. Gratiszeitung? Einmal reinsehen und dann Fisch drin einwickeln. Eine krasse Fehleinschätzung meinerseits, denn das geniale an Uschs „Muselzeidung“ war der Inhalt: Bilder, Bilder, Bilder. Bilder von Einweihungen, Festen, Geburtstagen, offizielle oder familiäre Feiern. Eine simple Idee, die diese kleine Gratiszeitung zu dem Medium der Mosel, bald auf beiden Seiten des Flusses, machten. Jeder wollte „drin“ sein und jeder las dieses Monatszeitung im A4-Format (auch so eine Usch-Idee: „Die Größe kann man gut auf der Toilette lesen“) von vorne bis hinten, auf der Suche nach dem einen Bild. Die Geschäftsleute dankten es und schalteten jede Menge Anzeigen. Seit mehr als vier Jahrzehnten.

Auch die Werbeagentur, wurde Usch-mäßig geführt. Mit diebischer Freude bereitete Usch irgendwann in den 1990ern den luxemburgischen Superkreativen eine üble Niederlage. Eines Tages gewann er den luxemburgischen Publikumspreis. Alle durchgestylten Hochglanzanzeigen hatte er mit einer schlichten zweifarbigen Annonce einer großen Versicherung geschlagen. Das Geheimnis des Erfolgs: Der Text war auf Luxemburgisch.

Im Windschatten der „Muselzeidung“ hat Burton-Design jahrelang für Banken und Institutionen, unter anderem für das damalige ONT, und Ministerien gearbeitet. Aber im Grunde dient die ganze Arbeit dazu, technisch immer auf dem neuesten Stand zu sein. Es gab die ersten Digitalkameras, die neuesten Macs aus den USA, jede neueste Generation an Programmen und Speichermedien, die ersten Groß-Plotter mit Fotoqualität. Usch’s Kommentar zur ersten Daten-CD: „Da passt das ganze Leben einer Tippse drauf“. Neue Computer aus den USA gaben auch schon mal den Geist auf, wenn beim ersten Kontakt mit dem luxemburgischen Stromnetz das Innere der auf 110 Volt ausgelegten Geräte verrauchte. Usch zuckte die Schultern. Kaufmännisch hielt immer seine Frau Sett den Laden zusammen.

Nach einer schweren Erkrankung und einer Krise der mittelständischen Werbung, konzentrierte sich von 2002 an alles auf die „Muselzeidung“ und deren kleine Schwester „Sauerzeidung.“ Mittlerweile wussten die Moselaner aber wen sie hatten, jemand der quer dachte und aneckte, aber die Moselgegend immer im Blick hatte - wobei das Verbreitungsgebiet der „Muselzeidung“ mit über 50.000 Haushalten heute bis vor die Tore der Hauptstadt reicht. Nachdem ich 2002/2003 zum „Journal“ wechselte, sahen wir uns regelmäßig bei Terminen an der Mosel und blieben auch anders in Kontakt. Ich lernte noch eine ganz andere Seite an Usch Burton kennen, die er ansonsten ganz gut versteckte, wahrscheinlich der geliebten Thekendebatten und des „dem Volk aufs Maul schauen“ wegen: Usch, der Bildungsbürger. Schrieb ich mal wieder einen zu verstiegenen Kommentar, kam am nächsten Tag eine SMS. Mit einem Kommentar zum Kommentar. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, denn bei aller zur Schau gestellten „Bohème“ trieb er seine Kinder zur Bildung an, mit Erfolg. Ben ist heute Mediziner und Tess Burton, die heutige Chefin der „Muselzeidung“, wurde 2013 Luxemburgs jüngste Parlamentsabgeordnete. Es ist verdammt schade, dass Usch Burton mit nur 69 Jahren gestorben ist.

Das ganze „Journal“-Team - auch „Usch“ hatte bei unserer Zeitung einst ein kurzes Intermezzo - möchte von dieser Warte aus seinen Angehörigen sein tief empfundenes Beileid bekunden.