LUXEMBURG
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„History Keeps Me Awake at Night“ im Mudam mit mehr als 150 Werken von David Wojnarowicz

Bildender Künstler, Schriftsteller, Aktivist: David Wojnarowicz (1954-1992) hatte viele Gesichter, die sich auch in seinem künstlerischen Schaffen widerspiegeln. Er hat ein Werk hinterlassen, das sich von der Fotografie über Malerei, Musik, Film, Bildhauerei bis hin zu Schriftstellerei und Performance erstreckt. Deutlich reflektierte er darin sein politisches Engagement. Unter dem Titel „History Keeps Me Awake at Night“ präsentiert das Mudam nun mehr als 150 Arbeiten des Künstlers, der einen wiedererkennbaren Stil stets verweigerte und stattdessen in einer Vielzahl von Techniken arbeitete. Die Ausstellung folgt auf die Präsentationen im „Whitney Museum of American Art“ in New York und im „Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía“ in Madrid. Es ist indes die erste retrospektive Ausstellung seit zwei Jahrzehnten sowie die vollständigste Präsentation des Werks von David Wojnarowicz bis heute.

Zahlreiche emblematische Werke

Vor über einem Jahr sei sie vom Direktor des „Whitney Museum of American Art“, Adam Weinberg, kontaktiert worden, sagte Mudam-Direktorin Suzanne Cotter bei der Pressevorschau am Donnerstag. „Ich war sofort davon überzeugt, dass diese Ausstellung wegen ihrer Zeitlosigkeit und Wichtigkeit von extremer Bedeutung für das Mudam sein könnte. Sie ist die Frucht von fünfzehn Jahren Recherche und fünf Jahren konkreter Vorbereitung, um alle Werke zusammenzutragen und Informationen über David Wojnarowicz’ künstlerisches, öffentliches und politisches Leben zu sammeln. Bereits im Vorfeld haben wir viel positives Feedback bekommen, dies auch von Leuten außerhalb des Kunstsektors. Wojnarowicz’ Werk drückt nämlich auch heute noch aus, was wichtig im Leben ist“, erklärte sie. Bemerkenswert sei, derart viele emblematische und sogar ikonische Werke in einer Ausstellung zu haben. „Mehrere Werke aus den verschiedenen Momenten seiner Karriere sind in unser kollektives Gedächtnis eingegangen. Er hat Themen wie Homosexualität, das Leben auf der Straße oder Aids, die nicht sichtbar oder hörbar waren, eine Visibilität gegeben, dies in einer äußerst politischen Periode. Auch heute leben wir in einer extrem politisierten Welt, in der Aktivismus wieder an Wichtigkeit gewonnen hat, deshalb berühren uns seine Werke immer noch“, sagte die Direktorin des Mudam weiter.

Das gesamte Werk sei aus seinem eigenen Leben, seiner eigenen Biografie hervorgegangen. So enthülle es dann auch die vielen verschiedenen Seiten des David Wojnarowicz. „Der Outsider, der Zurückgewiesene, der Rebell, der Aktivist, der Liebhaber, der Freund, der Künstler“, listete Cotter auf. Wojnarowicz selbst sah in der Gestalt des Außenseiters sein eigentliches Thema. Als Schwuler und infiziert mit dem HIV-Virus wurde er im New York der 1980er Jahre zu einem ungeduldigen Kämpfer für die an Aids Erkrankten. Er sah viele Freunde sterben und prangerte die Regierung wegen ihrer Tatenlosigkeit an. Seine Kunst dokumentiert und beleuchtet letztlich eine dunkle Phase der US-amerikanischen Geschichte - die Zeit der Aids-Krise und der kulturellen Konflikte der 1980er und frühen 1990er. Zwischen seinem privaten und öffentlichen Leben gab es eine große Verbindung, die er mittels zeitloser Themen wie der sexuellen Lust, der Spiritualität, der Liebe oder des Verlustes auf sein Werk übertrug. „Etwas Privates zu etwas Öffentlichem zu machen ist eine Handlung mit gewaltiger Wirkung“, hat er einst selbst gesagt.

Enge Beziehung zwischen seinem Privatleben und Werk

Die Ausstellung im Mudam ist in verschiedene Kapitel unterteilt, die die enge Beziehung zwischen seinem Privatleben, seinem künstlerischen Werk und seinem Engagement deutlich machen. Präsentiert wird ein weites Spektrum: Von seiner grundlegenden fotografischen Reihe „Arthur Rimbaud in New York“ (1978-79) bis hin zu späten Arbeiten, die von Trauer und Krankheit gekennzeichnet sind, wie beispielsweise „Untitled (When I Put My Hand on Your Body)“ (1990) oder „Untitled (One Day This Kid...)“ (1990-91). Ein Teil der Ausstellung zeigt eine Auswahl früher Arbeiten, bei denen er mit Collagen, mit Malerei und mit Schablonen experimentierte. Begleitet von der Musik seiner Band „3 Teens Kill 4“ dokumentieren diese Arbeiten die Entwicklung einer Bildsprache, die er ebenso auf den Wänden der verlassenen Hafenpiers am Hudson verwendete, um sie dann später in komplexeren Gemälden wieder auftauchen zu lassen.

Eine Diashow von Andreas Sterzing erzählt von den Künstlern von Pier 34, einem verlassenen Ort, an dem David Wojnarowicz und sein Künstlerkollege Mike Bidlo ein kurzlebiges, alternatives Kunstsystem ins Leben gerufen hatten. Eine bedeutende Gruppe von Spray- und Collagebildern aus dem Jahr 1982 konzentriert sich auf ein Bild des Künstlers Peter Hujar, eines Freundes und Mentors von Wojnarowicz. Eine Auswahl von Gemälden aus der Mitte der 1980er Jahre verbindet mythologische Themen mit Elementen aus urbanistischen, technologischen, religiösen oder industriellen Zusammenhängen. Einige weitere wichtige Arbeiten, wie das Quartett der Gemälde „Water, Earth, Fire and Wind“ (1987), die Reihe kopfförmiger Skulpturen mit dem Titel „Metamorphosis“ (1984) und Arbeiten aus den Reihen „Ant Series“ (1988-89) und „Sex Series“ (1989) sind ebenfalls Teil der Expo, die noch bis zum 9. Februar 2020 im Mudam läuft.

Vorträge, Workshops und Filme

„History Keeps Me Awake at Night“ wird begleitet von einem ausführlichen Programm an Vorträgen, Workshops und Filmvorführungen, bei denen weitere Aspekte aus dem Leben und dem Werk des Künstlers vertieft werden. Am 17. November wird der Film von Marion Scemama, „Self-Portrait in 23 Rounds: A Chapter in David Wojnarowicz’s Life, 1989-1991“ (2018) gezeigt, der auf einem langen Interview zwischen dem Künstler und der Kunstkritikerin Sylvère Lotringer beruht. Das Mudam wird auch den Welt-Aids-Tag mit einer Reihe besonderer Events begehen, darunter einer Vorführung der Filme von Claude Schlim, „House of Boys“ (2009), und Jacques Molitor, „Listen“ (2017), am 30. November beziehungsweise 1. Dezember.

Weitere Infos unter www.mudam.lu