HUARAZ/LUXEMBURG
YANNIS BASTIAN/LJ

Yannis Bastians Weltreise auf zwei Rädern neigt sich dem Ende zu

Fünf Kontinente auf zwei Rädern: Das hatte sich der Luxemburger Yannis Bastian zum Ziel gesetzt, als er im September 2014 die Grenzen des Großherzogtums hinter sich ließ. Vorgenommen hatte er sich damals auch, seine Eindrücke in mehr oder weniger regelmäßigen Erlebnisberichten aus eigener Feder im „Journal“ zu veröffentlichen. Diesmal erfahren wir, warum dieses Vorhaben nicht immer aufging. In wenigen Monaten kehrt der 32-Jährige übrigens in seine Heimat zurück.

Mut und Zuversicht verdrängen Zweifel

„Weißt du eigentlich, wie groß die Welt ist?“, fragt meine Mutter, als ich erneut von der Idee rede, die Erde mit dem Fahrrad zu umrunden. „Klar“, entgegne ich und merke dann erst, dass die Frage wohl eher rhetorisch gemeint war. Natürlich weiß ich, worauf sie hinaus will: Die Dimensionen, in denen ich die letzten Wochen und Monate denke, grenzen an Unrealismus und Naivität. Und damit hat sie Recht. Die Erde ist in Wirklichkeit größer als der Globus, der während der Grundschulzeit auf meinem Zimmerpult stand, und sie ist weit größer als die Weltkarte, auf der ich die provisorische Route für diese Reise in wenigen Minuten einzeichnete. Das Vorhaben, die Welt mit dem Fahrrad zu umrunden, dauert demnach auch wesentlich länger, als die so oft angesehenen 25-minütigen Zusammenschnitte all jener Abenteurer, die den gleichen Traum verfolgten wie ich.

Ich versuche die immer wieder aufflackernden eigenen Zweifel, als auch die meiner Familie und Freunde in exzessiver Planung zu ersticken. Mit dem Kauf des speziell für diese Reise angefertigten Fahrrads verblassen die letzten kritischen Stimmen und machen Platz für ermutigende und unterstützende Worte. Mit dem neu gewonnenen Glauben steigt auch das Interesse an meiner Reise. Aufgrund der intensiven Beschäftigung mit dem Thema erkenne ich schnell, zu was für einem Trend das Reisen mit dem Fahrrad mittlerweile herangewachsen ist und dass eine solche Weltreise eigentlich fast nichts Außergewöhnliches mehr ist. Dennoch drängen Familie und Freunde jetzt immer häufiger darauf, die Medien mit einzubinden, um ein breiteres Publikum an meinem Abenteuer teilnehmen zu lassen. Der Gedanke daran und die Reaktion auf ein mögliches Scheitern lösen ein mulmiges Gefühl in mir aus; ein Gefühl, das mir verrät, dass ich wohl selbst noch am meisten an meinem Vorhaben zweifle. So dauert es rund zwei Monate und über 3.000 Kilometer, bis ich mit der Ankunft in Istanbul das nötige Selbstvertrauen gewinne, um mit der Presse in Kontakt zu treten.

Nötiges Selbstvertrauen nach 3.000 Kilometern

Das Radfahren in Europa stellte sich als äußert leicht heraus, und ich finde viel Zeit zum Schreiben und Fotografieren. In einer Umgebung, die mir während der ersten Wochen doch allgemein vertraut zu sein scheint, entdecke ich dennoch unzählige Motive in den Details. Ich erfahre mein neues Leben als Radnomade als wild und romantisch. Mit der Ankunft am Bosporus habe ich mein erstes Etappenziel erreicht. Spätestens jetzt erlöschen auch bei mir die letzten Zweifel - ich kann alles mit dem Fahrrad schaffen, es erfordert nur Zeit und Motivation. In einem ersten Telefoninterview mit dem „Journal“ beschließen wir, dass ich ab sofort regelmäßig Artikel zu den einzelnen, von mir bereisten Ländern schreibe. Da ich bisher genügend Zeit und Muße aufbringen konnte, um äußert detailreiche Blogeinträge im sozialen Netzwerk zu veröffentlichen, denke ich mir, dass auch das Verfassen von Zeitungsbeiträgen kein Problem darstellen sollte.

Während ich die unterschiedlichen Länder und deren jeweilige Kultur bisher sukzessiv erfahren habe, kommt es nach einer Planänderung für die Weiterreise in Indien nun zu einem abrupten Wandel: Ich erlebe meinen ersten Kulturschock. Ein komplett anders pulsierender Lebensrhythmus, Armut und oft schockierende Lebensumstände gebähren tagtäglich mehr Erlebnisse, als ich abends verarbeiten kann. Bereits nach zwei Wochen gebe ich das Fahrradfahren in Indien auf, und reise per Bus und Bahn weiter nach Jaipur und Delhi. Enttäuscht stelle ich fest, dass ich wohl doch nicht alles mit dem Fahrrad schaffen kann. Ich profitiere von den verbleibenden zwei Wochen meines Indien-Visums, um das Erlebte zu verarbeiten und in einem Zeitungsartikel zusammenzufassen.

Auch bei der anschließenden Weiterreise in Südostasien warten - dieses Mal in einem positiven Sinn - komplett unterschiedliche Kulturen, Menschen, Traditionen und Lebensweisen. Ein Fest für die Sinne, das während der nächsten Monaten kontinuierlich gefeiert wird, keine Pausen zulässt und jeden noch so schreibwilligen Abenteurer bei der Hand nimmt und dazu auffordert, weiter zu tanzen.

Es vergehen Monate zwischen dem ersten Zeitungsartikel über Indien und dem darauf folgenden Artikel über Vietnam. Diese großen Lücken führen zum einen dazu, dass mir die meisten Erlebnisse nicht mehr ganz präsent sind; zum anderen führt es bei einigen Lesern aufgrund der aktuellen Beiträge in den sozialen Netzwerken und den stark zeitversetzten Artikeln im „Journal“ zu Verwirrung. Obwohl mir das Schreiben für die Zeitung sehr zusagt, finde ich kaum Zeit, das Erlebte zu bündeln und zu Papier zu bringen. Neben der Leidenschaft für das Reisen war doch die Ungebundenheit an zeitliche Termine einer der Hauptgründe für das Antreten dieser Reise....

Zeit wird immer mehr zum Luxus

Trotz des Zeitmangels entschließe ich mich im australischen Outback dazu, für die luxemburgische Hilfsorganisation „Fondatioun Kriibskrank Kanner“ Spenden zu sammeln, so etwa durch den Verkauf selbst gezeichneter Bilder. Zeit wird immer mehr zum Luxus. Der nächste Artikel lässt weitere sechs Monate auf sich warten. Außerdem findet in Neuseeland ein weiteres Telefoninterview statt, in dem ich unter anderem erkläre, dass meine Reise in einem knappen Jahr zu Ende sein wird - für die Hochzeit meines Bruders will ich wieder zuhause sein. Jetzt drängen also nicht nur die längst verblichenen Erlebnisse Südostasiens, die winkend darauf warten, in der weiten Vergangenheit abgeholt und niedergeschrieben zu werden, sondern auch das Datum meiner Rückkehr, das immer näher rückt. 17.000 Kilometer habe ich zu diesem Zeitpunkt noch vor mir.

In seinem nächsten zweiteiligen Bericht lässt Yannis Bastian am Dienstag und Mittwoch seine Erlebnisse aus 15 Ländern -  von Südostasien über Ozeanien bis hin zu Nord- und  Mittelamerika - Revue passieren und schließt damit  eine Lücke von 15.000 Kilometern. Frühere Texte von Bastian finden sich unter dem Hashtag.