LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Gefühlvolles Kino in „Une enfance“

Regisseur Philippe Claudel kam in Lothringen auf die Welt. Er studierte Literatur in Nancy und arbeitete an verschiedenen Schulen und auch im Gefängnis von Nancy. Dann begann er zu schreiben, was die Aufmerksamkeit von Filmregisseur und Kameramann Yves Angelo auf ihn zog, und Claudel schrieb das Drehbuch zu „Sur le bout des doigts“ (2001). 2008 realisierte er mit „Il y a longtemps que je t’aime“, mit Kristin Scott Thomas, seinen ersten Kinofilm. Die luxemburgische Coproduktion „Avant l’hiver“ drehte er 2013 mit Daniel Auteuil und Kristin Scott Thomas. Sein neuester Film „Une enfance“ beschreibt einen Sommer aus dem Leben des jungen Jimmy (Alexi Mathieu), der in Dombasle nahe Nancy wohnt, dort wo auch Claudel seinen Jugend verbrachte und immer noch lebt.

Der Traum von einer Mutter

Mit einfühlsamen Bildern und wenig Dialogen beschreibt Claudel, wie sich Jimmy um seinen jüngeren Halbbruder Kevin (Jules Gauzelin) kümmert. Sie spielen nicht nur zusammen, sondern Jimmy kocht für ihn und wäscht ihn sogar. Ihre Mutter Pris (Angelica Sarre) ist aus einer Drogenentziehungskur wieder zuhause, aber ihr neuer Freund Duke (Pierre Deladonchamps) bringt sie schnell wieder auf den üblen Geschmack. Somit hat sie anderes zu tun, als sich um ihre Kinder zu kümmern. Als die Oma (Catherine Matisse) Kevin mit in die Ferien nimmt, bleibt Jimmy traurig zuhause. Er sehnt sich nichts stärker, als dass sich seine Mutter um ihn kümmert, ihm Liebe und Aufmerksamkeit schenkt. Er hasst Duke, aber da er zu jung ist, kann er sich nicht zur Wehr setzen. Und so leidet Jimmy unter der Präsenz des unkoscheren Freund seiner Mutter.

Einfühlsam gezeichnet

Auch wenn der Film die Zukunft von Jimmy offen lässt, zeichnet Claudel ein absolut positives Bild von seiner Jugend. Jimmy hat nicht viel, ist aber mit dem Wenigen zufrieden. Sein Lebenszweck ist sein Bruder und seine Mutter, auf die er jedoch nicht genug Einfluss hat. Er mag den Freund der Mutter überhaupt nicht und würde alles geben, damit dieser verschwindet.

Als Duke dann wirklich für einen Moment aus dem Hause ist, lebt Jimmy auf. Er hat seine Mutter für sich, kann mit ihr spielen, herum albern und mit ihr schmusen. Dann kehrt Duke zurück und die Drogen bestimmen wieder das Leben von ihm und Pris. Selten hat man einen Film gesehen, der ein so intensives und emotionell starkes Bild eines Jungen zeichnet.

Auch wenn Alexi Mathieu nicht aus einem Milieu wie Jimmy stammt, spielt er diesen Charakter auf eine absolut wunderbare Art und Weise. Claudel plant, die Figur des Jimmy in ein paar Jahren wieder filmisch aufleben zu lassen und zu zeigen was aus ihm wurde. „Une enfance“ sollte man auf keinen Fall verpassen.