DIEKIRCH
DANIEL OLY

Der neue Anbau am Militärmuseum in Diekirch bietet nicht nur Lagerfläche

Geschichte braucht viel, um angemessen erhalten zu werden; sie braucht Forscher, die sich an ihr abarbeiten, sie braucht Kuratoren, die immer neue Aspekte in den Vordergrund rücken, sie braucht Künstler und Handwerker, die sie rekonstruieren. Vor allem braucht sie aber: Platz.

Das gilt auch für das nationale militärhistorische Museum MNHM in Diekirch. Was einst als Sammlung von Privatpersonen mit einem Interesse für den Konflikt der Ardennenschlacht im Zweiten Weltkrieg begann, ist längst keine überschaubare Kollektion mehr. In den Archiven schlummern historisch wertvolle Dokumente, die Bibliothek hat einen unermesslichen Schatz an militärhistorischer Literatur, längst beschränkt sich die Sammlung nicht mehr auf die Zeit zwischen 1940 und 1945. Das Resultat: Die bisherige Lagerfläche quoll über, die Sammlung wurde immer komplexer, immer umfangreicher; nicht nur, weil regelmäßig neue Sachspenden an das Museum übergeben werden.

Mehr Platz musste her. Den hat sich das MNHM jetzt mit dem Ausbau des neuen Annexes gegeben. Hunderte neue Quadratmeter für Lagerung, Bibliothek, Büros und Wanderausstellungen entstanden so in den vergangenen zwei Jahren - eingezogen über mehrere Stockwerke im ehemaligen Eisschrank der alten Diekircher Brauerei. Kostenpunkt des kompletten Ausbaus: Rund 1,5 Millionen Euro. Gut investiertes Geld, schließlich verdoppelt sich die Fläche des Museums durch den Anbau.

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Inventur machen

Im neu geschaffenen Keller sollen jetzt vor allem große, sperrige Stücke untergebracht werden; „alte, entschärfte Artilleriemunition oder alte Motoren, zum Beispiel“, erklärt der Kurator Benoît Niederkorn, der das MNHM seit 2017 leitet. Das erlaube auch endlich, die bestehende Kollektion etwas auszudünnen - zu „lüften“, wie Niederkorn es nennt - und Inventur zu machen. „Die eigentliche Arbeit kommt damit erst auf uns zu, um die zahllosen Uniformen, Kleinteile und Details korrekt einzuordnen“, weiß er.

Das gelte auch für die öffentlich zugängliche Bibliothek des Museums, die schon thematisch geordnet wurde und in Zukunft auch online durch das Register der Nationalbibliothek einsehbar sein soll. „Auch das kostet natürlich Arbeit“, sagt Niederkorn. Jetzt, da endlich mehr Platz zum Ein- und Umverteilen da ist, lohne sich diese Arbeit aber endlich doppelt. Zudem biete die Bibliothek auch die Möglichkeit, ein eigenes Konferenzzentrum für (militär-)historische Lesungen und Präsentationen zu pädagogischen Zwecken zu unterhalten. „Das ist für uns extrem wichtig: die Jugend, die einen völlig anderen Bezug zu den bewaffneten Konflikten hat als unsere Stammkundschaft aus Veteranen und historisch begeisterten Besuchern, erreichen wir damit besser“, sagt der Historiker.

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Endlich Platz für temporäre Ausstellungen

Zudem schafft der Anbau auch Platz für etwas, das dem Museum bislang fehlte: „Wir hatten nie die Möglichkeit, eine temporäre Ausstellung aufzunehmen oder selbst Wanderausstellungen zu schaffen, mit denen wir in Schulen vorbei schauen können“, erklärt der Kurator. Der neue Ausbau hat jetzt im obersten Stockwerk die nötige Fläche, um eine thematisch ganz gezielte Ausstellung aufnehmen zu können. „Damit können wir auch mal weniger bekannte Momente in unserer Geschichte ausstellen“, meint Niederkorn.

Den Anfang macht bereits jetzt die noch bis zum September zugängliche Ausstellung „Doughboys zu Letzebuerg“ über die erste Befreiung - oder Besetzung - des Großherzogtums durch Truppen der US-Armee nach der „Armistice“ 1918; die Sammlung wurde gemeinsam mit der US-Botschaft in Luxemburg organisiert. „Viele kennen nur die Befreiung von 1944“, sagt der Historiker. „Aber nach dem Waffenstillstand kamen zwei US-Divisionen mit insgesamt knapp 50.000 Mann nach Luxemburg. Neugier, Verständnis, aber auch Konflikte waren da quasi vorprogrammiert“, erklärt er weiter - die knapp sechs Monate dauernde Einquartierung der Divisionen der „American Expeditionary Forces“ hätten demnach klare Spuren hinterlassen.

„Eine solche Ausstellung wäre ohne den Ausbau nie denkbar gewesen“, meint Niederkorn. Mit dem neuen Anbau gehe demnach die erste Phase der Modernisierung des MNHM erfolgreich zu Ende. Pläne für die Zukunft gibt es aber auch: „Wir wollen künftig den bestehenden Teil renovieren und aufwerten und unsere Stärken - die großen Dioramen und unsere sehr komplette Sammlung - noch besser in Szene setzen“, meint Niederkorn. Es gibt also noch viel zu tun für das rund zwanzigköpfige Team (fünf fest angestellte Mitarbeiter und knapp 15 Freiwillige) des MNHM, um die Geschichte nicht vergessen zu lassen. Immerhin: Am Platz mangelt es jetzt nicht mehr.

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Die „Doughboys“ in Luxemburg

Die neue Ausstellungsfläche bietet endlich Platz für eine temporäre Exposition. Den Anfang machte bereits zum 6. April die Ausstellung „Douhboys zu Lëtzebuerg“, die sich mit der ersten Befreiung durch US-Truppen im Zuge der „Armistice“ im Ersten Weltkrieg beschäftigt. Damals marschierten US-Divisionen zur Besetzung durch das Großherzogtum, zwei US-Infanteriedivisionen wurden in Luxemburg stationiert. Diese Zeit hat ihre Spuren hinterlassen, auch wenn es nur wenige Monate dauerte - „Knätschgummi“ und Schokolade gab es so etwa nicht erst 26 Jahre später vom Turm eines Sherman-Panzers herab. Eine Zeitreise in ein Intermezzo der Geschichte, dessen Aufarbeitung inzwischen sträflich vernachlässigt wurde und in Vergessenheit geraten ist. Die „Doughboys“ lassen sich noch bis zum 1. September besuchen, dies täglich von Dienstag bis Sonntag von 10.00 bis 18.00. Die Ausstellung ist auf Englisch und Luxemburgisch Mehr Informationen per Mail erfragbar unter reception@mnhm.lu oder telefonisch via +352  808 908 sowie online unter www.mnhm.lu