LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Viele Ideen zur Belebung des Öffentlichen Raums auf dem Kirchberg-Plateau

Die Einladung des Bauten und Transportministeriums zur Pressekonferenz „De Kierchbierg verännert sech!“ ließ zunächst weitere städtebauliche Superlative und neue Bauvorhaben des Fonds Kirchberg erwarten. Doch dieses Mal ging es um etwas ganz anderes, um den menschlichen Faktor.

Wobei man dem Fonds und den an der Entwicklung des Kirchberg beteiligten Entwicklern Unrecht tun würde, wenn man den Kirchberg heute noch als ein „autogerechtes“ Viertel bezeichnen wollte. Das war er vor vielen Jahren. Nicht nur durch die Tram, die zahlreichen Radwege und den Park, wurde nach und nach aus dem reinen Büroviertel auch ein Wohnviertel. Dennoch, man kann noch einiges tun.

Gegen die Langeweile

Bauten- und Transportminister François Bausch hatte schon vor einiger Zeit angekündigt die strukturelle Planung des Öffentlichen Raums in renommierte Hände zu legen. Wie er sagte „gegen die Langeweile“. Beauftragt wurde das Büro „Gehl Architects“ in Kopenhagen, das weltweit Konzepte für den Öffentlichen Raum in Großstädten wie Vancouver, Wien und Düsseldorf entwickelt hat.

Gestern stellten Andreas RØhl und Solvejg Reigstad, weltweit erfahrene Planer von „Gehl“, ein Rahmenprogramm für die Entwicklung des Öffentlichen Raums auf dem Kirchberg-Plateau vor. Dabei sparten sie nicht mit Lob für gute Ansätze, wie die Trambahn, die Nähe zur Innenstadt, das viele Grün und vor allem die Qualitätsarchitektur. Sie sahen aber andererseits ein immer noch (zu) hohes Pkw-Aufkommen und viel ungenutzten, leeren und schlicht unattraktiven Raum. Öde Flächen und falsche Dimensionen. Ebenso „Missing links“ in der Verkehrsführung für Fußgänger und Radfahrer.

Ihre Vision sei es, meinte Andreas RØhl „…is to promote existing city life and create more city life.“ Wobei er betonte, dass sie nur ein „Framework“ vorstellten. Zu den Grundprinzipien ihres Büros gehöre es Menschen und feste Formen, sprich Plätze und Häuser, in Einklang zu bringen. Öffentliches Leben setze sich Fußgängerverkehr und dem Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen zusammen. Banal formuliert: Leben vor Gebäuden schaffen.

Lëtzebuerger Journal

Rennen statt bleiben

Die Analyse der Ist-Situation fiel zum Teil ernüchternd aus. Viele Leute wollen schlicht weg – sie fühlen sich kaum animiert längere Zeit auf dem Kirchberg außerhalb von Büro oder Wohnung zu verbringen. Ein negatives Beispiel ist die Auchan-Plaza, dort verweilen nur elf Prozent der Menschen, 89 Prozent sind davon strebende Passanten. Positiv wird dagegen der zentrale Park aufgenommen, wo die Zahl der Park-Nutzer  höher ist, als die derjenigen, die ihn nur als Verkehrsweg brauchen.

Toolboxes

Gemeinsam mit lokalen Interessenvertretern wurde in Workshops nach der Antwort gesucht, was den Menschen, die auf dem Kirchberg wohnen und arbeiten, fehlt. Da kam einiges zusammen.
Im Anschluss wurde ein Hauptdokument von den Gehl-Mitarbeitern verfasst, das die großen Linien vorgibt. Dazu kamen noch vier „Toolboxes“ zu den Themenfeldern Radwegenetz, Verdichtung, Stadtmöbel und Parkplatzmanagement. Außerdem wurden für die Rue Erasme und die Südseite des Boulevard Kennedy konkrete Vorschläge gemacht.

Mit geringen Mitteln viel erreichen

Manche Straßenabschnitte werden von den Stadtplanern als „langweilig“ und unattraktiv beschrieben. Mit geringen Mitteln, wie Stadtmöbeln ließen sie sich leicht beleben. Langweilige Fassaden könnte man mit Bänken bestücken oder kleine Läden oder Snackbars im Erdgeschoss großer Gebäude unterbringen. Oder warum kein Planschbecken auf der Betoneinöde des Platzes vor der Coque? Die Radwege sollten farblich betont werden, besonderen Wert legt die Planung von Gehl Architects auf einen geschlossenes und vor allem verkehrssicheres Radwegenetz, das auch gut an den Öffentlichen Transport angeschlossen ist.

Nicht sonderlich glücklich sind die Planer mit der hohen Zahl von Park- und Garagenplätzen auf dem Kirchberg. Gemeint ist innerhalb des Kirchberg-Viertels, das Ziel müssten große Parkhäuser am Stadtrand sein, wo der Umstieg vom Auto auf innerstädtische Verkehrsmittel leicht fallen muss. Nur wer unbedingt muss, soll noch per Pkw auf dem Kirchberg fahren.

Wohnhäuser statt superbreiter Straße

Als konkretes Beispiel wurde ein Rückbau der Rue Erasme empfohlen, die sehr breit für den Autoverkehr ausgelegt ist und wo sich der angrenzende Park hinter einer Mauer versteckt. Die Stadtplaner schlagen vor, die Straße auf zwei Fahrspuren zu verengen. Eine Baumreihe in der Mitte der Straße anzulegen, zusammen mit einem breiten Rad- und einem Fußweg und den so gewonnenen  Raum auf der Parkseite mit Einfamilienhäusern zu bebauen. So würde die Straße quasi rund um die Uhr lebendig.

Die Südseite des Boulevard Kennedy, die heute noch von einer zusätzlichen Fahrspur und vielen Parkplätzen geprägt ist, soll ebenfalls zurückgebaut werden, durch Plätze mit Stadtmöbeln aufgelockert und für einen breiten Radweg erschlossen werden. Die Parkplätze sollten reduziert und zu Kurzzeit-Parkplätzen umgewandelt werden.

Es geht, man muss nur wollen und sich ein anderes Bild der Stadt vorstellen, so Andreas RØhl. Als konkretes Beispiel nannte er die Umgestaltung des Place de l’Europe an der Philharmonie, der durch eine Möblierung und eine Bühnenkonstruktion einen ganz neuen lebendigen Charakter erhalten hat.