CLAUDE KARGER

Mit dem Votum der Gesetze über den automatischen Datenaustausch zwischen Steuerverwaltungen und über die Umsetzung der neuen europäischen Zinsbesteuerungsdirektive diese Woche im Parlament beginnt definitiv eine neue Ära für den Finanzplatz - und das Land insgesamt. Nachdem es jahrzehntelang international für die Wahrung seines Bankgeheimnis stritt, schwenkt Luxemburg nun formell auf die Schiene der quasi völligen Transparenz seiner ausländischen Bankkunden ein. Die Wahl blieb eigentlich kaum noch, nachdem mit Ausbruch der Finanzkrise 2008 der Druck für mehr Überwachung und mehr Transparenz im Bankensektor enorm stieg. Entweder, das Großherzogtum würde weiter mauern und somit immer weiter in die Schmuddelecke der Steuerhinterzieher-Bastionen gedrückt, oder es würde sich demonstrativ schnell öffnen, aus der Rolle des Paria in jene des proaktiven Akteurs für mehr Transparenz und Regulierung im Finanzgeschäft schlüpfen und mit Hand anlegen, um ein internationales „level playing field“ in diesem Bereich zu schaffen. Der Weg dahin scheint nach wegweisenden Entscheidungen von OECD, G20 und EU in den vergangenen Monaten heute unabwendbar.

Die direkten Konsequenzen dieser Paradigmenwechsel auf den hiesigen Finanzplatz sind heute noch schwer einzuschätzen. Kundendepots und Beschäftigungsstand bleiben laut Finanzminister derzeit stabil. Ob das vom Statec berechnete Szenario der milliardenschweren Kapitalabflüsse und den bis zu 2.000 Stellenverlusten durch den automatischen Informationsaustausch allerdings ausgeschlossen werden kann, muss sich erst noch zeigen. Ebenso muss sich noch zeigen, wie sich die Wende hin zum transparenten Bankkunden im Endeffekt in den Staatseinnahmen nieder schlägt. Unerlässlich ist jedenfalls, nun verstärkt dafür zu sorgen, dass der Finanzplatz, dem die Abgabe des Schwarzen Peters Steuerfluchtburg langfristig sicher imagemäßig sehr gut tun wird, optimale Karten im internationalen Wettbewerb behält. Natürlich haben sich die Akteure längst auf das neue Business-Umfeld vorbereitet, haben massiv in die „Compliance“ mit den neuen Regulierungen investiert, aber auch in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, vor allem im „Private Banking“. Denn mit dem neuen Umfeld ändern sich auch die Kunden: Sie sind vermögender, mobiler, besser informiert und erwarten höchste Servicequalität auf allen Ebenen. Die Finanzdienstleistungen mögen exzellent sein, wenn aber Verwaltungsgänge ein Spießrutenlauf sind, Flugverbindungen zu spärlich, Internetverbindungen zu langsam und die Lebensqualität zu wünschen übrig lässt, wird sich dieser Kunde wohl kaum entschließen, etwas langfristig in Luxemburg aufzubauen. Hier sind wir mitten in der Debatte über eine kohärente Standortpolitik und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes insgesamt.

Ein Thema, das in den kommenden Tagen verstärkt im Rampenlicht stehen wird: So stellt heute der Dachverband der Unternehmerverbände die neue Fassung ihres „Annuaire de la Compétitivité“ vor und am 25. November soll die „Chamber“ über Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit debattieren. Der Wirtschaftsminister erwartet sich davon einen „Wettbewerb der Ideen“. Hoffentlich konstruktiv.