Das Kind liegt im Brunnen, hat sich einige Knochen gebrochen und es schluckt schon kräftig Wasser, zumindest hat jetzt jemand einen Rettungsring hinterhergeworfen. In Wirklichkeit mangelt es diesem „Kind“, den Kurden des Nordirak vor allem an einem - an Wasser. Immerhin werden jetzt Hilfsgüter eingeflogen.
Spätestens seit den Balkankriegen in den 1990ern wissen wir Europäer, dass „Raushalten“ genau das falsche sein kann. Schluss mit dem Morden auf dem Balkan war erst, als sich die Nato 1999 den Nationalisten um Slobodan Milosevic entschlossen entgegenstellte. Zwischendrin gab es alles: Von nutzloser UN-Intervention bis humanitärer Hilfe und versteckte Waffen- und Ausbildungshilfe. Das eine Ende markiert ein niederländischer Offizier der mit dem Schlächter anstößt, während draußen Tausende exekutiert werden, das andere ein ehemals linksautonomer deutscher Außenminister, der klipp und klar sagt „Nie wieder Auschwitz“. Immerhin das Peace-keeping funktioniert.
Wieso hat daraus niemand für die Causa „Syrien“ eine Lehre gezogen? Warum wurden die laizistischen Kräfte unter den syrischen Rebellen nicht unterstützt? In Brüssel hieß es mal wieder, da halten wir uns raus, Assad wird bald erledigt sein. Ein Irrtum: Väterchen Vladimir hält zu seinem Kumpel Assad. Irrtum Nummer zwei: Die sträfliche Unterschätzung der islamistischen Zeloten und die Überschätzung der eigenen Schachfigur, der weltlichen Opposition, mittlerweile von den anderen gekillt.
Wie konnte es sein, dass auf einmal eine transnationale Mörderbande wie aus dem Nichts auftaucht und im religiösen Blutrausch durch Syrien und den Irak tobt und alles abschlachtet, was in die falsche Moschee geht. Was machen die Geheimdienste eigentlich den lieben langen Tag?
Dass der Irak zu einer unübersichtlichen Melange aus politischer Kungelei, Stammesstreitigkeiten, Kämpfen ums Öl und theologisch bedingten Mordserien wurde, ist nur Bush II zu verdanken, der den Schweinehund Saddam weghaben wollte. Die Frage nach dem „und dann“ hat keiner gestellt. Die Iraker haben weder Freudentänze aufgeführt noch sich zu einem demokratischen Gemeinwesen entwickelt. Dass sie erst mal alte Rechnungen mit der ALK-47 begleichen würden, war nicht vorgesehen. Obamas „raus hier, koste es was es wolle“, war kaum förderlicher als Bushs Einmarsch.
Angesichts dessen was die IS-Glaubenskrieger anders Denkenden und vor allem anders Betenden antun, kommt bei den Europäern endlich Zweifel auf, ob Raushalten wirklich die richtige Taktik ist. Die Absicht der IS, ein Kalifat vom Mittelmeer bis zum Golf zu errichten, sorgt dafür, dass es endlich einen politischen Tabu-Bruch gibt. Die Kurden sollen ordentlich bewaffnet werden. Bisher nahm Europa immer Rücksicht auf Ankara, das kaum etwas mehr fürchtete als einen kurdischen Staat. Die Verhältnisse haben sich geändert. Zum einen steht die türkische Regierung in der europäischen Beliebtheitsskala weit unten und selbst Erdogan dürften die Kurden lieber sein, als die islamistischen Mörderbanden an seiner Grenze - einer Nato-Grenze.
Wer angesichts der IS-Mordbuben immer noch dem Pazifismus das Wort redet, ist lieb aber doof. Mörderbanden stoppt man nur mit Härte.


