Sie sind ein bisschen ihr Markenzeichen: Weiche, feine Locken in braun mit blonden Strähnchen, die ihr Gesicht umrahmen. Eine Wolke aus unbändigen Haaren, die schwingt, widerspenstig wippt und ihr in die lebhaften braunen Augen fällt. Entschlossen packt Amal Choury die Pracht und steckt sie fest. „So“, lacht sie, „die machen auch, was sie wollen!“
Das stimmt natürlich nur bedingt, denn bei Choury macht längst nicht jeder, was er will. Sie ist nicht umsonst Administrateur déléguée von e-Kenz, einem IT-Beratungsunternehmen, das gerade wieder als Vorzugspartner von SAP ausgezeichnet wurde, sowie Präsidentin des Verbandes Eurocloud Luxembourg. Zu ihren Kunden gehören namhafte Unternehmen wie Deloitte, Sudgaz, Ceratizid, Accumalux, ArcelorMittal, PwC und die Landewyck-Gruppe. Mit über 30 Mitarbeitern wird sie in diesem Jahr rund 4,2 Millionen Euro umsetzen. „Und das, obwohl wir in der Krise 2008 angefangen haben“, sagt Choury stolz. Seit 2014 hat ihr Unternehmen einen Ableger in Lüttich.
Die 48-Jährige ist eine Ausnahme-Erscheinung, lebhaft, technikinteressiert und multikulturell. Heute will sie den luxemburgischen Pass haben. „Das ist mein Traum“, sagt Choury. Seit ihrer Geburt ist sie Marokkanerin. Was hat sie ins Großherzogtum geführt?
„An mir ist ein Junge verloren gegangen“, grinst die Managerin. Aufgewachsen als jüngstes von neun Geschwistern in einem liberalen Unternehmer-Haushalt interessiert sie sich wenig für Haushaltsfragen und Stickerei. Eher schon Fahrradfahren. „Das war damals noch ungewöhnlich in Marokko“, gibt sie zu. Noch lieber aber ist ihr die Schule. „Wenn wir Ferien hatten, habe ich geweint.“ Da halfen auch die Urlaubswochen am Strand nicht viel.
Ihren ersten Berufswunsch hat Choury in der sechsten Klasse. „Damals kamen Berufsberater vom Militär in die Schule. Da war mir klar: Ich will Jagdpilotin werden!“ Aber selbst für eine Schülerin des französischen Collèges in Casablanca war das etwas zu exotisch. Zu jener Zeit gab es keine einzige Luftwaffenpilotin. Also verehrte das Mädchen mit den unbändigen Haaren Sigourney Weaver beim Kampf mit Aliens im All und überlegte, was sich mit ihrer Liebe zu Mathematik so anfangen ließe. Da hörte sie von Informatik. Das Fach wurde in ihrer Heimat noch nicht angeboten.
Von Marokko nach Metz
„Mein Vater Belaid, der in vielem für mich ein Vorbild ist, hat mich ermutigt, Marokko zu verlassen“, sagt sie. So kam Choury 1988 nach Metz, studierte und lernte ihren Mann kennen. Für die zwei gemeinsamen Söhne legte sie eine Erziehungspause ein. Das erste selbstverdiente Geld, 200 Euro, ging für die Tagesmutter drauf. 1994 war Choury fertig mit dem Studium und begann als Beraterin einer französischen Gruppe, für die sie viel reiste.
So kam sie zu Cimalux in Luxemburg. „Aus geplanten zwei Wochen wurden sechs Monate, schließlich wurde ich Direktorin des Projekts“, berichtet die Unternehmerin und streicht sich eine widerspenstige Locke aus der Stirn. 2003 war sie dann verantwortlich für den Bereich Informatik und hatte Prokura. „Ich konnte viel arbeiten, hatte Erfolg, das war gut.“, sagt sie. 2006 wurde sie CEO bei Eurobeton. Ein Jahr später fing sie dann an, sich zu langweilen - und schrieb einen Business Plan. Das war der Beginn von e-Kenz. 2008, mitten in der Krise, fing Choury ganz klein an, unterstützt von anderen Unternehmern.
Das eigene Unternehmen
„Es lief gleich gut. Obwohl damals noch keiner über die Cloud sprach.“ Choury arbeitete viel, die Fahrt zum Haus nach Hettange-Grande wurde zur Belastung. In Luxemburg nahmen ihre Kontakte zu. Von ICT über den Branchenverband Eurocloud, dessen Präsidentin sie ist, bis hin zu Rotary und „Femmes cheffes d´entreprises“. Irgendwann beschloss Choury, umzuziehen. „Das war eine meiner besten Entscheidungen“, meint sie. So hat die Unternehmerin wenigstens etwas Zeit für ihr Privatleben. Nach der Scheidung hat sie einen neuen Partner gefunden, der Mediziner ist. „Dann reden wir nicht immer über ICT.“ Ihre Söhne studieren.
Chourys Tag fängt um 7.00 an; mit Kaffee und Mails. „Ich lass’ mir morgens Zeit“, verrät sie. Wann sie nach Hause kommt, weiß die spontane, lebenslustige Frau nicht. Irgendwann zwischen 19.30 und 23.00. „Jeder Tag gibt einem die Möglichkeit, etwas Außergewöhnliches zu erleben. Aber man muss aufmerksam sein und das auch sehen.“ So kann ein Sonnenaufgang über der „Rives de Clausen“ sie schon glücklich machen. Oder all die Menschen, die ihr auf ihrem Weg geholfen haben.
„Es ist, als ob man durch einen Fluss geht und jemand gibt dir die Hand. Oder wie ein Licht auf einem dunklen Weg“, überlegt sie, lacht und hofft kokett, dass sie für das Foto gut genug aussieht. Nicht, dass der Strom sie mal weggerissen hätte. Aber latenten Rassismus, Bemerkungen über Muslime - all das kennt Choury auch. „Hier in Luxemburg leben 170 Nationalitäten. Die Leute sind sehr offen und bereist. In den anderen Ländern wird dir oft ein Etikett aufgeklebt“, meint die Umzugserfahrene. „Hier wirft mir keiner den IS-Terror vor.“ Nicht, dass sie sich aus Religion viel machen würde. Doch gerade deshalb will sie nicht für Überzeugungen gerade stehen, die sie nicht teilt. „Niemand sucht sich aus, wo er geboren wird.“
Choury jedoch hat sich ausgesucht, wo sie lebt. Luxemburg ist ihre Heimat geworden. „Ich will glücklich sein“, betont sie. „Wenn man älter wird, schaut man genauer hin, was bleibt.“ Das sind die stilleren Momente eines Energiebündels, das sich selbst als spontan und unversöhnlich beschreibt. Wenn sie nicht die e-Kenz-Chefin wäre - ja, dann würde sie vielleicht im Süden Marokkos Ziegen hüten - „und mit SAP die Herde planen und vertreiben“, scherzt sie. Und wenn sie Millionärin wäre? „Ich würde nicht aufhören, aber anders arbeiten. Gern würde ich ein Projekt mit Kindern machen. Und außerdem habe ich noch nicht alles erreicht, was ich wollte. Und ich will etwas an dieses Land zurückgeben.“ Das klingt nach einem vollen Programm - so wie sie es gern hat.
Choury steuert ihr Unternehmen mit Begeisterung, aber auch mit viel Erfahrung. Eine Träumerin auf Wolke sieben ist sie nicht. Eine Realistin auf Wolke vier schon viel eher. Und ein kleines bisschen die Jagdpilotin ihrer Träume - und stolze Trägerin einer Lockenpracht.



