LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Käerjeng: Gemeinde und Bürger geben Widerstand gegen Verlauf des Schweinefangzauns nicht auf - Konkrete Gegenvorschläge werden von den staatlichen Verwaltungen begrüßt

Wie einst bei Stefan Raab tobt an der südwestlichen Grenze seit Wochen ein Kampf um einen „Maschendrahtzaun“, wobei die Kontrahenten nicht hüben und drüben am Zaun stehen, sondern auf einer Seite. Der von den Ministerien für Landwirtschaft und Umwelt „verordnete“ Zaun entlang der belgischen Grenze zur Abwehr von möglicherweise mit der Afrikanischen Schweinepest (ASP) infizierten Wildschweinen stößt vor Ort kaum auf Gegenliebe. Nach dem Eindruck der Bürger wurde dessen Streckenführung offensichtlich am grünen Tisch geplant, ohne jede Rücksicht auf die örtlichen Gegebenheiten. Wobei auch gefragt wird, warum dieser Sicherheitszaun soweit zurückgenommen auf luxemburgischem Gebiet verläuft.

Der Käerjenger Bürgermeister Michel Wolter sprach mehrfach von einem Kommunikationsdesaster, das seiner Meinung nach voll zu Lasten des Landwirtschaftsministers und der Umweltministerin geht.

Ergebnisse einer Bürgerversammlung

Vor einigen Tagen, am 4. April, hatten betroffene Landbesitzer und Landwirte aus den Käerjenger Ortsteilen an einer Bürgerversammlung in Küntzig teilgenommen, bei der mit Beamten der beteiligten Ministerien über den Zaun diskutiert wurde. Dabei wurden laut Bürgermeister Wolter vonseiten der Kommune Ideen, Anregungen und Vorschläge für einen anderen Verlauf des Zauns gesammelt. Gestern hat die Gemeindeverwaltung Käerjeng in Abstimmung mit den Eigentümern einen neuen Trassenverlauf für den Wildschweinzaun vorgeschlagen.

Bessere Ideen vor Ort

Aus Sicht von Käerjeng hätte die neue Trasse klare Vorteile: Sie verläuft viel näher an der belgisch-luxemburgischen Grenze. Sie bezieht die Gemeinde Petingen mit ein, sie verkleinert die sogenannte „Zone blanche“ - die Abschusszone für vordringende Wildschweine - erheblich, außerdem umgeht die vorgeschlagene Trasse den Ortsteil Küntzig teilweise. Küntzig und Linger werden ganz aus der „Zone blanche“ herausgehalten. Außerdem sei die Streckenführung mit ausdrücklicher Zustimmung der Landbesitzer erfolgt.

Beamte überzeugt

Die Gemeinde hat den von ihr ausgearbeiteten Streckenverlauf gestern dem Koordinator im Landwirtschaftsministerium gegen die ASP, Felix Wildschütz, dem Direktor der Straßenbauverwaltung, Roland Fox, und einem Armeevertreter vorgestellt. Der Vorschlag der Gemeinde sei von staatlicher Seite positiv aufgenommen worden, hieß es in einer Erklärung. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die Methode Zaunbau unter Experten stark umstritten ist, da sich die ASP eher über ein weggeworfenes Wurstbrot als von Tier zu Tier ausbreitet.

Der Käerjenger Bürgermeister Michel Wolter schilderte uns in einem Telefongespräch noch einmal ausführlich alle Merkwürdigkeiten rund um das Thema „Wildschweinzaun.“ Seiner Auffassung nach habe von Anfang an vieles im Argen gelegen - und immer noch liegt.

Mit einem Irrtum müsse er gleich aufräumen. Entgegen der öffentlichen Auffassung, dass der Zaun bereits von der Armee auf ganzer Länge gezogen wurde, stehe weniger als die Hälfte des Zauns. Gegenüber Belgien, das in vier Monaten 200 Kilometer Zaun errichtet hat, liege Luxemburg weit zurück, hier brauche man für acht Kilometer sieben Wochen. „Beim derzeitigen Bautempo wird Luxemburg für einen Grenzzaun von 80 Kilometern ein Jahr und vier Monate brauchen“, rechnet uns Wolter vor.

Für das Argument des Landwirtschaftsministers, dass ein Notfall vorgelegen und man schnell - ohne Konsultationen der Gemeinde - habe handeln müssen, hat Wolter überhaupt kein Verständnis. Im September 2018 sei der erste Fall von ASP in Belgien aufgetreten, am 13. Februar habe man den bis dahin räumlich nächsten Fall registriert… Dann plötzlich sei am 27. März der Bau des Zauns als „Urgence“ Hals über Kopf angeordnet worden. Nach Wolters Auffassung unter Übertretung etlicher Rechtsvorschriften. Er fragt sich, was zwischen dem 13. Februar und dem 27. März unternommen wurde.

Er könne nicht nachvollziehen, wie man ein solches Projekt ohne Unterstützung der Gemeinde und Einbindung der Anwohner habe realisieren wollen. Es sei der Gemeinde Käerjeng jetzt binnen einer Woche gelungen, einen mit den Eigentümern abgesprochenen Zaunverlauf zu erarbeiten, inklusive einer „Umgehung“ von Küntzig. Wolter begrüßte es, dass sein Trassenvorschlag gestern von den Spitzen der beteiligten Verwaltungen sehr positiv aufgenommen wurde. Wolter verlangt aber, dass die staatliche Seite den Grundeigentümern per Konvention den Rückbau des Zaunes zusichert. Der Bürgermeister geht von einer Dauer von zwei bis drei Jahren aus, für die der Zaun notwendig sein wird.

Ein weiteres Problem stellt aus Wolters Sicht die mehr oder minder ausgewiesene „Zone Blanche“ dar, für die es keine ausreichende Rechtsgrundlage gebe.

Patrick Welter