Gestern war Regierungsrat. An sich nichts Außergewöhnliches, treffen sich die Kabinettsmitglieder doch gemeinhin jeden Freitag zu einer gemeinsamen Sitzung, und fahren die meisten Minister erst im August in den Urlaub. Was die gestrige Sitzung - wie übrigens auch schon diejenigen in den Wochen davor - allerdings von einer normalen Sitzung unterscheidet, ist die Tatsache, dass diese mitten im Wahlkampf stattfindet.
Da wettert LSAP-Spitzenkandidat Etienne Schneider also am Donnerstagabend auf einem außerordentlichen Bezirkskongress der LSAP-Zentrum gegen den „Mief von Jahrzehnten CSV-Herrschaft“, um dann als Wirtschaftsminister einige Stunden später im Regierungsrat den Hauptvertretern dieses Miefs gegenüber zu sitzen.
Da spricht sich selbiger LSAP-Spitzenkandidat vor den vom Wahlkampffieber ergriffenen Genossen für eine zeitliche Begrenzung der politischen Mandate aus und vergleicht dabei den seit über 30 Jahren in der Regierung und seit 18 Jahren als Regierungschef tätigen Jean-Claude Juncker mit Wladimir Putin, der auch partout nicht gehen wolle, um dann am Morgen darauf als Wirtschaftsminister mit genau diesem Premiermethusalem an einem Tisch zu sitzen und gemeinsame Entscheidungen im so genannten Interesse des Landes zu treffen.
Nun gehen aber nicht nur Etienne Schneider und Jean-Claude Juncker mit in die Wahlen, sondern außer LSAP-Unterrichtsministerin Mady Delvaux-Stehres auch alle anderen Minister. Die Stimmung im Regierungsrat dürfte dann auch dementsprechend eisig sein, es sei denn die diversen Ministerkandidaten würden ihre Kollegen mit der falschen politischen Blutgruppe nur auf Parteikongressen runter machen und am großen Tisch des Regierungsrats einfach so tun, als ob nichts geschehen sei.
Wie würde man ein derartiges Verhalten wohl im richtigen Leben wohl nennen? Schizophrenie? Nein, Realpolitik!
So dürfte auf dem heutigen „Wahlkonvent“ der CSV mit Sicherheit genauso scharf geschossen werden, wie dies in diesen Tagen auf den diversen Bezirkskongressen der LSAP getan wurde bzw. noch getan wird. Wer Juncker kennt, der weiß, dass dieser zwar viel verträgt, nur keine Kritik an seiner Person.
Überraschungen dürfte es bei der CSV indes keine geben, es sei denn, diese würde ihre Drohung an die Adresse einiger ihrer allzu plauderfreudigen Kandidaten tatsächlich wahr machen (die Zusammensetzung von drei der vier CSV-Kandidatenlisten war bereits im Vorfeld durchgesickert) und diese im letzten Moment wieder von der Liste streichen. Die Mitteilung aus dem CSV-Generalsekretariat war jedenfalls in nicht misszuverstehender Deutlichkeit: „Wir bedauern, wenn im Vorfeld des Kongresses Namen von Persönlichkeiten genannt werden, die sich am Ende des Entscheidungsprozesses eventuell nicht als Kandidaten auf unseren Listen wiederfinden.“
In diesem Sinne dürfte die heutige Wahlsause
der Juncker-Partei vielleicht sogar doch noch
spannend werden...


