LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Donato Rotunnos „Baby(a)lone“ läuft heute in den Kinos an

Autor Tullio Forgiarinis Vater ist Italiener und seine Mutter Luxemburgerin. Im Wiltzer Lycée du Nord unterrichtet er unter anderem in Spezialklassen für Schüler mit gestörtem Verhalten. Daher kennt er das Milieu, das er in seinem Roman „Amok“ beschreibt, der 2013 mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Nicolas Steil (Iris Productions) produzierte die Verfilmung, die ursprünglich „Ouni d’Hänn“ heißen sollte. Dieser Titel passte nicht auf die Geschichte, und da es bereits einen Film mit dem Titel „Amok“ gab, schlug Claude Frisoni den neuen Titel vor. Donato Rotunno, der seine eigene Produktionsfirma Tarantula besitzt, wurde als Regisseur engagiert.

Ein namenloser Junge

Ein Junge ohne Namen (Joshua Defays) im Film - im Nachspann wird er als „X“ betitelt - hat einen Mitschüler brutal mit einem Eisenrohr geschlagen. Die Lehrerin Nathalie (Gintare Parulyte) will dem etwa 14-Jährigen helfen, denn er will nicht in die Jugenderziehungsanstalt nach Dreiborn. Er muss sich vor dem Lehrerrat verantworten und wird in eine Sonderklasse versetzt. Seine Mutter Sandra (Fabienne Hollwege) verdient sich ihr Geld mit Cyber-Sex, um ihren Sohn kümmert sie sich kaum. „X“ ist ein Einzelgänger und hat sich einen fiktiven Freund erfunden, Johnny (Etienne Halsdorf), mit dem er über seine Probleme diskutiert. Ein gutes Gewissen ist Johnny jedoch nicht. Lehrer Kerschemeyer (Jules Werner) bemüht sich redlich um seine zwei Schüler „X“ und Addis (Pit Diederich), bis Shirley (Charlotte Elsen) zu ihnen stößt und den Unterricht gehörig durcheinander bringt. Shirley und „X“ schwänzen des Öfteren die Schule und vertreiben sich die Zeit mit Rauchen oder mal mit Alkohol und Drogen. Als „X“ Shirley verspricht, alles für sie zu tun, will diese einen Tag im Park Walygator verbringen.

Spitze des Turms

Der Filmtitel hat sicher symbolischen Charakter. Die Jugend von heute baut sich einen Turm auf, wie jener zu Babel. Wenn der Turm fertig ist, soll alles erreichbar sein und niemand wird vor irgendetwas zurückschrecken. Diesmal kann Gott die Menschheit nicht mehr durch Sprachenvielfalt verwirren, denn sie ist bereits zerrüttet. „X“ und Shirley sind an der Spitze des Turms angelangt. Anarchie ist ihr Motto. Sie haben keine Hemmungen und erreichen ihre Ziele durch Anwendung purer Gewalt. Niemand hat ihnen Moral beigebracht. Hier verarbeitet die Geschichte das Klischee, dass Kinder aus sozial schwachen Familien labiler sind als andere - wer sich um Shirley kümmert, wird im Film nicht erklärt. Unstabile Jugendliche sind scheinbar anfälliger für Nikotin, Alkohol und Drogen - wieder ein Klischee -, als Kinder mit einem geregelten Umfeld. Der moralische Finger wird nicht erhoben. Somit kann der Zuschauer den Film in Richtung seines bildlichen Titels deuten - der Schluss bleibt offen - oder ihn aber als schlichte Schilderung einer Moral-losen Rebellion gegen die etablierte Gesellschaft betrachten, also als Ansammlung bekannter Klischees.

Die jugendlichen Schauspieler sind vorzüglich in ihren Rollen. Ausgezeichnet spielt Joshua Defays diesen verstörten scheuen Jungen, der zwar mit Shirley auflebt, dennoch zu feige ist, sein wahres Ich zu zeigen. Leicht und locker mimt Charlotte Elsen am Anfang ein aufgemotztes Mädchen, das dann zerbrechlich wirkt, um wieder hemmungslos und brutal seine Wünsche durch zu setzen.