MARRAKESCH
MARTINA HERZOG (DPA)

Was bei der Weltklimakonferenz vom 7. bis 18. November in Marrakesch auf dem Spiel steht

Donnernder Applaus, Jubelrufe und ein hart erkämpfter Durchbruch: Selten enden internationale Spitzentreffen in solch kollektivem Freudentaumel wie der Pariser Klimagipfel im Dezember 2015. Im Vergleich dazu wird die Konferenz, die kommende Woche im marokkanischen Marrakesch beginnt, eine nüchterne Angelegenheit - aber eine wichtige. „Dieses Jahr müssen die Regierungschefs ihre Schaufeln in die Hand nehmen und mit der Arbeit anfangen“, sagt Andrew Steer von der amerikanischen Umwelt-Denkfabrik „World Resources Institute“.

Das heißt aber nicht, dass „Marrakesch“ unwichtig wäre, ganz im Gegenteil. Denn nun muss die Vision von Paris, die gefährliche Erderwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ oder besser noch auf 1,5 Grad zu begrenzen, ausbuchstabiert werden. „In Marrakesch muss ein klarer Fahrplan entwickelt werden, wann und wie jedes Land seine Fortschritte im Klimaschutz belegt und beschleunigt“, erklärt Martin Kaiser von Greenpeace.

Nächstes wichtiges Zieldatum: 2018

Das nächste wichtige Zieldatum nämlich ist 2018. Dann soll erneut eine Zwischenbilanz beim Klimaschutz gezogen werden - und auf dieser Grundlage legen die Staaten der Welt dann 2020 neue Klimaziele vor. Wenn Klimapolitik eine große Rechenübung im Kohlendioxid-Sparen ist, dann soll Marrakesch damit beginnen, Regeln auszuarbeiten, damit niemand mogelt oder sich verkalkuliert. Umweltschützer hoffen, dass das neue „Regelbuch“ dafür bis 2018 fertig ist.

Entwickelte Länder und Regionen wie die USA oder die EU haben relativ einfach strukturierte Ziele. So soll der Ausstoß an Treibhausgasen in Europa bis 2030 um mindestens 40 Prozent sinken im Vergleich zu 1990. Entwicklungsländer können ihr Ziel ähnlich formulieren, oder auch ihre Emissionen ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung oder zur Bevölkerungsgröße setzen. Aber wie macht man das vergleichbar? Und wie vermeidet man, dass Klimaschutzanstrengungen doppelt abgerechnet werden? Da es in Marrakesch viel um solche Buchführungsprobleme gehen wird, tun sich Beobachter schwer mit der Frage, was die Konferenz zu einem Erfolg machen würde. „Es dürfte nicht so leicht wie sonst sein, schnell Ergebnisse aufzulisten und Dinge abzuhaken und Fortschritte festzustellen“, räumt Elliot Diringer von der US-Denkfabrik „Center for Climate and Energy Solutions ein“.

Doch gerade die diffizile Detailarbeit, die Marrakesch in die Wege leiten soll, ist enorm wichtig. Schlampige Buchführung kann sich die Erde nicht leisten. „Heute ist die Welt schon ein Grad wärmer als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wir sind auf halbem Weg zur kritischen Zwei-Grad-Schwelle“, warnte der Generalsekretär der Weltorganisation für Meteorologie (WMO), Petteri Taalas, im März. Wenn die Länder ihren Treibhausgasausstoß nur so weit verminderten, wie bisher in ihren nationalen Klimazielen angekündigt, reiche das womöglich nicht, um einen Anstieg der Erdtemperatur um drei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu verhindern. Die meisten Klimaschützer sehen das Glas derzeit mehr voll als leer. So kann das Paris-Abkommen schon heute in Kraft treten, nicht einmal ein Jahr nachdem es beschlossen worden ist. So viel politische Unterstützung hat ein internationaler Vertrag wohl selten erhalten. Und vor kurzem hat sich die Staatengemeinschaft auf die schrittweise Abschaffung der in Kühlschränken und Klimaanlagen verwendeten Fluorkohlenwasserstoffe (FKW) geeinigt. Allein das könnte helfen, ein halbes Grad Erderwärmung „einzusparen“. Bisher hält die Pariser Aufbruchstimmung an. Doch es gibt Faktoren, die selbst die engagiertesten Klima-Unterhändler nicht beeinflussen können. Am 8. November, einen Tag nach Beginn der Konferenz von Marrakesch, wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Der republikanische Kandidat Donald Trump leugnet den vom Menschen gemachten Klimawandel als chinesische Erfindung und wollte, dass die USA vom Pariser Klimaabkommen zurücktreten. Dafür ist es zwar inzwischen zu spät. Aber einen Schwenk könnte ein Präsident Trump dennoch einleiten - am Ende kann die Weltgemeinschaft kein Land zum Klimaschutz zwingen.