PATRICK WELTER

Das Ganze erinnert an einen versierten Verkäufer von faulen Anleihen. „Du kriegst 20 Prozent Rendite auf deine 100.000 Pfund, aber frag‘ mich nicht wie ich’s mache!“ Die Zahl an Trotteln, die auf derartige Angebote herein fallen, ist Legion. Es ist zu schön von einem Luxusleben ohne viel Arbeit zu träumen - fragen sie Bernie Madoff.

Der Bernie Madoff der Politik heißt Boris Johnson „Ich hab keine Ahnung, aber ich bin viel lustiger als der Langweiler Hunt, also wählt mich!“ Die Sache mit dem Brexit wird sowieso ein Klacks. „An dem Tag an dem wir die europäischen Ketten gesprengt haben, steigen wir wie die schaumgeborene Venus aus dem Meer.“ Natürlich hat er das mit der Venus nicht gesagt, aber zuzutrauen wäre es dem lustigen Boris. Schließlich hat er auch behauptet, Großbritannien würde 350 Millionen Pfund im Monat nach Brüssel überweisen. Nachweislich falsch, aber dennoch sind ihm und dem Thekensteher und Berufsprolet Nigel Farage Millionen Wähler gefolgt.

Boris ist dagegen ein Mensch von exzellenter Bildung, die Jahre in Internaten und Elite-Universitäten haben was gebracht. Sein Auftreten legt aber nahe, dass er die Rolle des Klassen-Clowns nie hinter sich gelassen hat. Wobei ihn die Wähler als Bürgermeister von London liebten. Im Gegensatz zum ebenfalls strohblonden „Vetter“ in Washington scheint ihm alles Bösartige abzugehen. Niemals von materiellen Sorgen geplagt, stromert Boris als tumber Tor durch die britische Politlandschaft. Für seine Parteifreunde als Parzival, für Kontinentaleuropäer bestenfalls als Taugenichts à la Eichendorff.

Von keiner Sachkenntnis beleckt macht er sich jetzt auf, in den alten Kasten in 10, Downing Street einzuziehen. Das Haus hat schon eine ganze Menge an politischen Köpfen gesehen, deren Charaktereigenschaften menschlich und politisch das ganze Spektrum abdeckten. Aber ein Clown ohne jede Überzeugung hat es noch nie dort hinein geschafft - aber die Hoffnung, dass sich die Mehrheit der Tories von Boris und seiner absehbar katastrophalen Rendite abwendet, ist eine vergebliche. Aber schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen für eine Partei, die bei den Europawahlen ein einstelliges Ergebnis einfuhr.

Dabei hat die gute Teresa M. doch bis zum letzten Moment gedacht, sie könne Europa in die Knie zwingen, unterstützt von Großbritannien (minus Schottland und Nordirland) und der Hilfe des Empire, also St. Helena, den Falklands, Gibraltar, den Virgin-Islands, Montserrat und Diego Garcia. Wahrlich ein weltumspannendes Reich - ungefähr so beeindruckend wie die Kaiserthermen in Trier. Das war mal was. Betonung auf „war“.

Die Labour-Party, stets schwankend zwischen Realpolitik und sozialistischen Träumereien, entdeckt jetzt - ja wirklich, jetzt! - ihr Herz für Europa und kann sich jetzt (!) ein zweites Brexit-Referendum vorstellen. Jeremy Corbyn, der alt-linke Liebling von Europas Altlinken, beweist damit , dass man sich auch zu Tode taktieren kann. Wäre er beim Referendum über seinen tiefroten Schatten gesprungen und hätte sich für „remain“ ausgesprochen, hätte es das Theater der letzten Jahre nicht gegeben. Es waren Jahre der dilettierenden Amateure. Wie wäre es mal wieder mit einem politischen Profi in der Downing Street? Jeremy Hunt wäre ein Anfang, wenn auch nur ein bescheidener.