LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

„rainy days“ 2019: Neue Musik vom Feinsten in der Philharmonie

Alle Jahre wieder lädt das aus dem üblichen Rahmen fallende Festival „rainy days“ zu einer Reihe überregional vielbeachteter Events mit einer originellen Auswahl an Vorzeigewerken der modernen E-Musik ein. Obschon die diesjährige Ausgabe des Festivals unter dem Motto „less is more – weniger ist mehr“ angekündigt war und sich um das Thema Reduktion drehte, konnte man sich nicht über mangelnde Diversität in puncto Stilrichtungen, Orchesterauswahl oder Qualitäten der engagierten Solisten beklagen. Immerhin waren neben einer Konferenz, mehreren Interviews und einer Filmprojektion mit „Les Percussions de Strasbourg“ 17 Konzerte, bei welchen 16 Uraufführungen programmiert waren, angekündigt.

Nach dem Konzert „Aller - retour“ mit dem „Orchestre national de Metz“ am Donnerstag, bei dem zeitgenössische Kreationen Klassikern von Haydn und Ravel gegenübergestellt waren, kam am Freitag mit dem „Orchestre Philharmonique du Luxembourg“ (OPL) ein weiteres großorchestrales Ensemble zum Zug. Als Auftakt hörten wir Naomi Pinnocks „The field is wowen“ (2018), das mit langangehaltenen Tönen und einigen Verfremdungen eine gewisse Stimmung, die allerdings nicht besonders auf das avertierte Publikum wirkte, vermitteln sollte. Hier war nichts Aufregendes zu verspüren, die kontrastlosen, langatmigen linearen Strukturen eigneten sich bestenfalls als Untermalung ausdrucksstarker Szenen in einem Science Fiction- oder Suspensfilm.

Spätestens nach dem unaufhaltsamen Aufstieg des österreichischen Perkussionisten Martin Grubinger, der mit seiner TV-Sendung „Klick Klack“ die eigene Werbetrommel gekonnt rührt und den wir noch im Januar in einer großartigen Performance im Rahmen der Konzertreihe „Aventure“ in der Philharmonie bestaunen konnten, hat diese emanzipierte Form solistischer Inszenierung großes Interesse ausgelöst. Voll im Trend lagen die Organisatoren des Festivals neuer Musik dann auch mit einer Bestellung mit Schwerpunkt solistischer Perkussionsshow an den renommierten Komponisten Georg Friedrich Haas.

Eine sensationelle Premiere

Eine Rarität ist es hierzulande ja nicht mehr, wenn, dank der fruchtbaren Auftragskompositionen seitens der Philharmonie oder anderer Institutionen, neue Kreation auf unseren Bühnen aufgeführt werden. Eine sensationelle Begebenheit ist es aber, wenn eine solche Premiere nicht nur in Anwesenheit des Komponisten stattfindet, sondern das neue Werk auch noch dem ausführenden Interpreten, dem 1992 in Salzburg geborenen Luxemburger Christoph Sietzen, förmlich als persönliche Widmung auf den Leib geschrieben wurde. In diesem Fall ist dies ein 25-minütiges Opus, ein „Konzert für Klangwerk und Orchester“.

Auf einer speziell für diesen Anlass angefertigten Klangwand, die aus rund 150 Metallgegenständen, teils vom Schrottplatz, bestand, überzeugte Sietzen mit virtuosen, vielfarbigen kontinuierlichen Klangketten in allerlei Formgestalten, die fast narkotisch, feinfühlig und präzis untermalt von der betörenden Tongestaltung des OPL, eine magische Faszination ausstrahlten.

Angespornt durch den enthusiastischen, lange anhaltenden, Applaus ließ sich der überzeugende Solist zu einer Zugabe überreden, bei der er in einer improvisierten „Etüde“ noch einmal die reiche Soundpalette des Arsenals mit Kochtöpfen, Alufelgen und sonstigen originellen Elementen der Klangwand virtuos in Szene setzte.

Feuerwerk an Geräuschakzenten

Anschließend konnte man bei Coriun Aharonians „Meszito“ ein effektvoll konstruiertes, aus zahlreichen Miniaturen bestehendes viertelstündiges Werk verfolgen, das sich unaufhaltsam zu einem Feuerwerk an naturalistischer Brillanz und Geräuschakzenten entwickelte.

Auch das vierte Orchesterwerk der beachtlichen Soiree „Coptic Light for Orchestra“ brachte ein Zeugnis des Drangs zeitgenössischer Komponisten, Klangwelten in all ihren Formen zu illustrieren. Der 1987 verstorbene amerikanische Komponist Morton Feldman, dessen raffinierte Handwerkskunst vorbildlich Pate für weitere Generationen steht, konnte mit dieser an Klangereignissen reichen Komposition wahre Erregungszustände heraufbeschwören.

Perfekt konzertantes Zusammenspiel

Alles verstanden und sicherlich alles richtig gemacht haben die äußerst konzentriert agierenden Mitglieder des beeindruckenden „Mivos Quartet“. Am Samstag standen fünf Kompositionen, die eindrucksvoll die aktuelle Aussagekraft der zeitgenössischen Kammermusik wiedergaben, auf dem Programm des schon seit über zehn Jahren bestehenden Ensembles.

Der achtminütige Essai „On Repetition And Reappearances“ von David Brynjar Franzson betonte gleich das perfekte konzertante Zusammenspiel der einzelnen Instrumentalisten durch äußerst variierte und kontrollierte Eigenarten.

Ein Leckerbissen waren die „6 Bagatellen für Streichquartett, opus 9“ von Anton Webern, einer der Hauptfiguren der „Wiener Schule“ um Arnold Schönberg. In den kompakten, expressionistischen Miniaturen gaben die vier Musiker eine außerordentliche Demonstration von subtiler Dynamik und höchster Konzentration zum Besten, wie man sie selten findet.

Mit „Doll Time For String Quartet“ der japanischen Komponistin Chikako Morishita stand auch an diesem Abend eine Uraufführung in Anwesenheit der Autorin an, auch diesmal ein Auftrag der Philharmonie. Hier war die klangliche Ausbeutung der Instrumente auf ein Minimum beschränkt und die wirkliche Beziehung zu den technischen Möglichkeiten der Auswirkenden und der Farbigkeit der Instrumentation nicht gegeben.

Wie am vorhergehenden Abend fand die Arbeit „Three Pieces“ des amerikanischen Pioniers Morton Feldman aus dem Jahr 1956 auf Grund der bestechenden Strukturen große Beachtung. Mit dem dritten Streichquartett des 1975 geborenen Alex Mincek fanden erstmals rhythmische Bewegungskomponenten Einzug in den Ablauf des eher meditativ anmutenden Konzerts. Harmonische Entwicklungen, ornamentale Figurationen und rasante Klangketten bestimmten den exemplarischen Aufbau des höchst reizvollen Stücks.

Schade nur, dass sich die zwei aufsehenerregenden Konzerte vor spärlich gefüllten Zuhörerreihen abspielten, war doch die Qualität beider Events sowohl von informativer, historischer und musikalischer Seite von höchstem Rang.