TETINGEN
SIMONE MOLITOR

Das „Centre national de la Culture industrielle“ wird konkret - vorerst aber ohne feste Bleibe

Das lange geforderte „Centre national de la Culture industrielle“ (CNCI) nimmt konkrete Züge an. Gleichzeitig erfährt das nationale Industrieerbe dadurch die nötige Aufwertung. Durch eine Vernetzung der bereits bestehenden Strukturen soll künftig dafür gesorgt werden, dass dieser wichtige Teil der nationalen Kultur und Geschichte nicht verloren geht. Eine entsprechende Konvention zwischen der „ASBL Industriekultur-CNCI“ und dem Kulturministerium wurde gestern unterzeichnet. In einer ersten Phase wird eine Finanzbeihilfe von 50.000 Euro vergeben.

Symbolisch fand die Pressekonferenz dann auch in einem ehemaligen Industriegebäude statt, nämlich der „Schungfabrik“ in Tetingen, wo Bürgermeister John Lorent auf die sich in Mutation befindende Region einging. „Da es keine Bergbauindustrie im eigentlichen Sinn mehr gibt, sucht die Region in gewisser Weise nach einer neuen Identität. Aus großen Teilen der Brachen rund um die Gemeinde Kayl sind inzwischen Naturparks geworden. Industriegebäude wurden anderen Zwecken zugeführt. Die ,Schungfabrik‘ beispielsweise ist als Kulturzentrum nicht mehr aus Tetingen wegzudenken“, sagte er. Es gibt indes weitere positive Beispiele, dennoch besteht in Sachen Schutz des Industrieerbes auf vielen Ebenen weiterhin Handlungsbedarf. Abhilfe soll nun das CNCI schaffen.

Fokus auf die Nachhaltigkeit

Kulturministerin Sam Tanson (déi gréng) erinnerte an die jahrelangen Diskussionen, die der Gründung des „Centre national de la Culture industrielle“ vorausgingen und freute sich deshalb, dass nun ein konkretes Konzept vorliege, das teils auf der Arbeit vergangener Arbeitsgruppen aufbaue. Sowohl im Kulturentwicklungsplan wie auch im Regierungsprogramm sei die Schaffung eines Zentrums für den Schutz des industriellen Erbes in Luxemburg vorgesehen. „Die Arbeit wird in einer ersten Etappe jetzt im Süden des Landes aufgenommen, zum einen natürlich, weil diese Region diesbezüglich besonders reich ist, zum anderen weil 2022 Esch mit weiteren Südgemeinden europäische Kulturhauptstadt sein wird. Ziel ist es ja, nachhaltige Projekte auf den Weg zu bringen“, rief die Ministerin in Erinnerung. Anschließend sollen aber auch Industriestätten im übrigen Land mit ins Boot geholt werden. In einer ersten Phase gehe es nun aber darum, im Süden aktiv zu werden und die einzelnen, bereits existierenden Institutionen, wozu viele kleine Vereine gehören, miteinander zu vernetzen und ihnen dadurch dann auch mehr Mittel zur Verfügung stellen zu können.

Wo das CNCI seine Niederlassung schlussendlich finden wird, ist noch unklar. „Der physische Ort ist jetzt auch nicht das Wichtigste. Diese Frage wird noch geklärt. Eine ganze Reihe an Missionen kommt aber jetzt schon auf das verantwortliche Team zu“, unterstrich Tanson. „Wichtig ist es jetzt erst einmal, als Netzwerk zu funktionieren, demnach die verschiedenen Strukturen miteinander zu verbinden“, meinte auch Marlène Kreins, Co-Präsidentin der „ASBL Industriekultur-CNCI“. Bislang gibt es eine solche Vernetzung nur unter der Form der „Minett Tour“. Diese etwa 35 Kilometer lange Route verbindet fünf Standorte mit unterschiedlichen thematischen Ausrichtungen miteinander und führt die Besucher durch die Geschichte der luxemburgischen Stahlindustrie. Dies sei eine gute Basis. Langfristig gehe es natürlich darum, zu einem Referenzzentrum für die Industriekultur zu werden, wo dann gemeinsame Projekte ausgearbeitet und initiiert werden können.

Auch der pädagogische Bereich liegt den Verantwortlichen am Herzen. „Industriekultur ist ein sehr abstrakter Begriff für die heutige Jugend. Es ist wichtig, ihnen näherzubringen, worum es geht, was zur Vergangenheit gehört und was es an Industrie heute noch gibt. Wir sind keine nostalgische Gruppe, die versucht, etwas zu valorisieren, was früher einmal da war. Wir bauen auf der Geschichte auf, vergessen die Gegenwart aber natürlich nicht“, erklärte Kreins.

Pro und Kontra zentrales Archiv

Misch Feinen, Co-Präsident, ging auf die Wichtigkeit der Archivierung ein. „Das ganze Material, die Dokumente und Fotos, das Werkzeug und die Maschinen müssen aufbewahrt und instandgehalten werden“, unterstrich er. Wie und wo archiviert werden soll, sei derweil nicht leicht zu beantworten. „In den bestehenden Strukturen wird bereits wertvolle Arbeit geleistet. Verschiedene Szenarien wären künftig denkbar. Wenn wir mittelfristig von einem zentralen Ort reden, wäre auf lange Sicht auch die Schaffung eines zentralen Industriearchivs möglich, wo man im Extremfall alles bislang Bestehende konzentrieren würde. Das hätte sicherlich Vorteile, jedoch würde es in gewisser Weise in der Region zu einer Verarmung der Aktivitäten führen. Die andere Möglichkeit beziehungsweise das andere Extrem wäre die Beibehaltung der landesweiten Archive in den verschiedenen Zentren. Das würde dann aber wieder die benötigten Mittel sowohl personell wie materiell multiplizieren“, gab Feinen zu bedenken. Im Moment tendiere man deshalb zu einer Art Kompromiss: Einerseits sollen die bestehenden Strukturen mit ihren jeweiligen Archiven gestärkt werden, und anderseits ein Expertenteam an einem zentralen Ort, angesiedelt werden, das im Bereich Restauration und Digitalisierung aktiv wäre und im regen Austausch mit den einzelnen Zentren arbeiten würde.

Auffangstation als Übergangslösung

„Wir befinden uns in einem Prozess, der sich zwar über Jahre ziehen wird, jedoch besteht auch eine gewisse Dringlichkeit. Sowohl die bestehenden Industriestandorte wie auch das ganze Material sind tagtäglich in Gefahr und riskieren zu verschwinden. Deshalb gibt es die Überlegung, eine Art Auffangstation für rostige Maschinen und so weiter einzurichten, wo dann in Erwartung einer langfristigen Lösung kurzfristig sozusagen Feuerwehrarbeit geleistet werden kann, um diese Sachen vorerst zu retten“, sagte Feinen. Auch die Recherche werde künftig vorangetrieben.

Was die „Minett Tour“ anbelangt, so behalte jeder der fünf Partner auch künftig seine Autonomie, wie Lynn Reiter, Co-Schatzmeisterin der ASBL informierte. Das CNCI wolle aber ein Besucherzentrum schaffen, demnach eine greifbare Anlaufstelle, wo sämtliche Informationen und Angebote gebündelt zu finden seien. Bislang gibt es nämlich keinen physischen Ort.