CHRISTINE MANDY

Über Normen, Sitten und Gebräuche

Es gibt so viele Regeln, die wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben, so viele ungeschriebene Gesetze, an die wir uns halten und derer wir uns oft erst dann bewusst werden, wenn gegen sie verstoßen wird. Erst dann stellen wir fest, dass es ein vorgefertigtes Skript gibt, nach dem wir unser Handeln richten müssen, wenn wir uns in die Gesellschaft einfügen wollen. Ob dieses Skript uns nun in unserer Freiheit einschränkt oder ob sich diese Regeln letzten Endes positiv auf unser Verhalten auswirken, darüber lässt sich diskutieren.

Konventionen der Sprache

Die Sprache funktioniert im Prinzip nur nach solchen Gesetzen. Für den Philosophen Ludwig Wittgenstein beispielsweise ist die Bedeutung eines Wortes vor allem an den Regeln seines Gebrauchs festzumachen. Wir lernen, dass ein Tisch „Tisch“ genannt wird. Im Grunde aber ist das Wort rein willkürlich ausgewählt und die Kommunikation funktioniert nur, weil die Begriffe auf Konvention beruhen, denn die Bezeichnung „Tisch“ kommt dem Tisch ja nicht von Natur aus zu. In Peter Bichsels Kurzgeschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ stellt ein alter Mann ebendiese Willkür in Frage, beschließt, den Tisch fortan „Bild“ zu nennen, gibt auch allen anderen Gegenständen eine neue Bezeichnung, bis er schließlich nicht mehr verstanden wird und ein einsames Dasein fristen muss. Ganz ohne diese Regeln zu befolgen, kann es also kein intaktes Zusammenleben geben.

Unendliche Anzahl an Beispielen

Wir werden im Alltag aber auch mit vielen anderen Regeln konfrontiert, an die wir uns unbewusst halten. Wir wissen beispielsweise, dass es sich nicht ziemt, andere Menschen im Bus anzustarren und mit dem Finger auf sie zu zeigen. Das Prinzip ist das Gleiche wie das der Sprache: Wir beobachten dieses Verhalten und imitieren es. Mit natürlichem oder instinktgeleiteten Verhalten hat das aber wenig zu tun. Kleinkinder kennen den Großteil dieser Regeln noch nicht und starren uns sehr wohl manchmal an oder zeigen mit dem Finger auf uns. Ihre Mutter wird ihnen sagen, dass dieses Verhalten unangebracht ist und sie werden es sich abgewöhnen. Dass sie aber wirklich verstehen, warum sie das nicht tun dürfen, das dürfte zweifelhaft sein.

Immerhin verstehen wir es oft selber nicht und können keine bessere Erklärung liefern als die: „Das macht man einfach nicht.“ Genauso, wie man einen Tisch eben auch nicht „Bild“ nennt, das Essen nicht mit den Fingern oder einer Schaufel isst, dem Frisör das Trinkgeld nicht in Form von einem Paar selbst gestrickter Socken überreicht, der Familie zur Begrüßung nicht einen Kuss auf die Füße gibt, sondern auf die Wange, den Regenschirm nicht drinnen aufspannt, das Kaninchen nicht an der Leine spazieren führt, nicht im Pyjama oder Badeanzug zur Arbeit geht, sich in der Schule nicht auf den Platz des Lehrers setzt oder Gummistiefel nicht zum Abendkleid trägt.

Widernatürliches Verhalten?

Die Liste ließe sich endlos lange weiterführen. Ein Verstoß erscheint uns oftmals absurd und allein die Vorstellung davon bringt uns schon zum Schmunzeln oder versetzt uns in Rage. Einige Regeln lernen und verinnerlichen wir wahrscheinlich schon in den allerersten Augenblicken unseres Lebens, andere werden wir uns nie zu eigen machen, weil wir sie gar nicht fassen werden. So genau lässt sich das aber nicht sagen. Aufgrund der Fülle und Diversität dieser Regeln und aufgrund der Tatsache, dass sie sich oftmals im Unterbewusstsein abspielen, verschwimmen die Grenzen zwischen genormtem und natürlichem Verhalten. Dabei muss man sich allerdings fragen, wie widernatürlich Gesellschaftsnormen wirklich sind. Haben manche Tierarten nicht auch ihre eigenen Regeln? Beruht ein Großteil ihres Verhaltens nicht ebenfalls auf Beobachtung und anschließender Imitierung? Sind wir vielleicht so gestrickt, dass wir uns gar auf solche Regeln einigen müssen, um überhaupt zusammen leben zu können? Würden wir uns nicht sogar solche Regeln auferlegen, wenn wir der einzige Mensch auf Erden wären?

Den Sinn hinterfragen

Fest steht, dass ein permanentes Widersetzen gegen ungeschriebene Gesetze die gleichen Folgen haben wird, wie ein Verstoß gegen diejenigen Gesetze, die im Gesetzesbuch verankert sind, nämlich der Ausschluss aus der Gesellschaft und das Leben in dessen Abseits, mal in einem materiellen Gefängnis, mal im selbsterbauten, symbolischen Gefängnis lebend. Womöglich fürchten wir das eine sogar mehr als das andere. Denn die Angst, nicht dazuzugehören und von anderen nicht anerkannt zu werden ist diejenige, die überwiegt.

Das Problem hierbei ist, dass es Fälle gibt, in denen unterschiedliche Gesetze nicht miteinander in Einklang zu bringen sind oder in denen wir uns selbst schaden, nur um den Regeln der Gruppe zu folgen, der wir zugehörig sein möchten. Alkohol, Drogen, Zigaretten - sind das nicht teilweise auch Beispiele dafür, in denen wir ein Verhaltensmuster an den Tag legen, das einem bestimmten Schema entsprechen soll? Manchmal müssen wir uns zu unserem eigenen Schutz dafür entscheiden, manche Regeln nicht zu befolgen. Und das ist das wohl schwerste überhaupt, da wir doch von klein auf gelernt haben, dass wir genau das tun müssen.