CORDELIA CHATON

Warum sollen Reiche noch reicher werden? Damit sie eine Liste anführen! So ähnlich muss wohl Kylie Jenner gedacht haben, die mit Lipgloss und dem Familienruhm der Kardashians noch reicher werden wollte, endlich Milliardärin sozusagen. Deshalb hat sie auf Twitter Fans aufgefordert, ihr Geld zu überweisen. Und das haben tatsächlich viele gemacht. Ich war sprachlos - über die Dummheit der Fans und die Maßlosigkeit der Aufforderung.

Reichtum hat in den letzten Jahrzehnten eine sehr merkwürdige Entwicklung genommen. Es liegt nicht nur an den Milliardärslisten, Forbes-Rankings und sozialen Medien, auf denen Fotos von Villen samt Pool und teuren Wagen gut laufen. Es ist ein Zeitgeist-Phänomen, das sich wie eine Pest ausbreitet; und zwar global. Reich sein um des reich seins willen.

In den USA beispielsweise gibt es Kinder, die sich Schönheits-OPs unterziehen, damit sie gewinnen; Geld natürlich. Menschen wie Jackie und Daniel Siegel haben dort das Schloss von Versailles nachgebaut, bis ihnen das Geld ausging. Diamanten sind nicht nur die besten Freunde von Marilyn Monroe, sondern auch von so ziemlich jedem Rapper, der was auf sich hält. Der „American Dream“ ist längst nicht mehr von Freiheit, Unternehmergeist und Selbständigkeit bestimmt, sondern von Dollars, mit denen sich Ruhm und offenbar auch Wertschätzung erkaufen lassen. Der jetzige Präsident Donald Trump selbst hat sich an die Spitze dieser Bewegung gestellt.

Zeitgleich wuchs in Osteuropa und vor allem Russland eine Kaste von Oligarchen heran, die sich die Welt kaufen konnte und das Recht, sich daneben zu benehmen gleich dazu. In Asien, vor allem in China, gibt es immer mehr Millionäre und Milliardäre und die Kultur will es, dass der neue Wohlstand vorgezeigt wird. Selbst in der Mittelschicht wird der Plastikbezug von neuen Handtaschen nicht entfernt - wer sollte denn sonst erkennen können, dass sie neu sind? Tiffany´s boomt und auch alle anderen Luxushersteller setzen auf den asiatischen Markt.

Diejenigen, die bei diesem Wettlauf am meisten zu verlieren haben, sind häufig Frauen. Bei Typen wie Trump werden sie zu Beiwerk, zu „Trophy-Women“, die man sich leistet, denen man etwas zahlt und die man begrapschen kann, wie man will. Charakter, Wissen, Fähigkeiten - interessieren nicht. Noch krasser ist es in den Rapper-Videos.

In Russland machen stets reiche Männer Schlagzeilen. Manchmal auch, weil sie sich auf der Höhe der Macht von ihrer Ehefrau nach vielen Jahren scheiden lassen - und ihr kaum etwas zahlen wollen. So wie Staats-Chef Vladimir Putin selbst. Und in Asien gilt in sehr vielen Ländern auf dem Papier eine Gleichberechtigung, die in der Praxis nicht gelebt wird. Bei Geschäftsessen wird - unter Männern - getrunken. Frauen sind da nicht erwünscht; außer als Geishas oder Bedienung.

Die Milliardärin Kylie Jenner hat auf ihrem Instagram-Account neue Bilder gepostet: Sie im knappen weißen Bustier und rosa Lackjeans, blond und lasziv. Es sieht irgendwie, mmmh, billig aus. Nein, ich bin nicht neidisch. Aber sollten Sie mich zu Milliardärin machen wollen, müssen wir bald anfangen. Schicken Sie die Schecks noch heute. Sonst tröste ich mich mit Thomas Carlyle: Nicht, was ich habe, sondern was ich schaffe, ist mein Reich.