NIC. DICKEN

Diversifizierung hat Tradition in Luxemburg. Aus dem zum großen Teil nur mäßig fruchtbaren Landstrich, der zu Napoléons Zeiten noch als „Département des Forêts“ geführt wurde, ist in den letzten zweihundert Jahren einer der am stärksten prosperierenden Staaten in Europa geworden, um dessen wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und engmaschige Sozialabsicherung uns so manche weitaus größere Partnerländer beneiden. Was über anderthalb Jahrhunderte hinweg zum wesentlichen Teil durch glückliche Zufälle und die Umsetzung von auswärtigen Entdeckungen und Entwicklungen zustande kam, wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts gezielt und konsequent eingesetzt, um das Land wirtschaftlich voran zu bringen. Der Erfolg dieser Strategie spricht für sich.

Möglich gemacht wurden die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte durch die geschickte Öffnung und Nutzung von Aktivitätsnischen, die sich aus anfänglich nach Verlegenheitslösungen aussehenden Chancen zu tragenden Säulen der Gemeinschaft entwickeln konnten. Die rein wirtschaftliche Diversifizierung, die ihren Ausdruck im Wandel vom Agrar- über den Industriestaat zum international herausragenden Dienstleistungszentrum fand, hat aber nicht nur eine rein technische und organisatorische Komponente.

Die fast schon sprichwörtliche Offenheit unseres Landes hat sich nämlich nicht nur für die eigene Bevölkerung, sondern auch für die Grenzregionen der Nachbarstaaten als Segen erwiesen: Die Demographie unseres Arbeitsmarktes darf weltweit als einzigartig angesehen werden, kein anderes Land auf dem Globus hat eine auch nur annähernd ähnliche Bevölkerungsstruktur vorzuweisen, die zudem so harmonisch funktioniert, gerade vielleicht auch, weil die enorme Vielfalt Zuspitzungen der einen oder anderen Art von vornherein unterbindet.

Oder würde es irgendjemand einfallen, die Tatsache zu kritisieren, dass die einheimische Bevölkerung in der Arbeitswelt inzwischen zu einer Minderheit geworden ist, ohne dass dies zu echten Konflikten geführt hätte, wie wir sie aus anderen, gar nicht mal so weit entlegenen Ländern her kennen?

Das Modell Luxemburg, das so recht erst Ende der 70er Jahre ins Bewusstsein gerückt ist und des Öfteren schon als Auslaufmodell gescholten wurde, funktioniert weiterhin und sorgt für eine permanente Dynamik und Erneuerung, mit denen sich Perspektiven und Wege in die Zukunft auftun. Dieser Strategie auch weiterhin zu folgen hat zuletzt am vergangenen Samstag der amtierende Wirtschaftsminister und Vizepremier bekräftigt, der genau so auf Pragmatismus setzt wie seine Vorgänger über die letzten 50 Jahre.

Einfallsreichtum und Anpassungsfähigkeit waren Tugenden, die Luxemburg in der jüngeren Vergangenheit sehr viel geholfen haben. Gebraucht wurden aber auch immer wieder Menschen, hiesige und zugewanderte, die bereit waren und sich engagiert in die Erschließung neuer Wege einbrachten. Gerade dieses Phänomen und dessen durchwegs positive Konsequenzen sollten wir nicht aus den Augen verlieren, wenn wir uns der Frage der Flüchtlingsaufnahme zu stellen haben. Schon oft ist es gelungen, aus der Not eine echte Tugend zu machen.