Swetlana Fedotowa und die East West United Bank (EWUB), deren Geschäftsführerin sie ist, haben ein hartes Jahr hinter sich. Zwischen dem letzten Interview vor etwas mehr als einem Jahr und heute ist auch viel passiert: Die Annexion der Krim, der Krieg in der Ostukraine, der Abschuss des Passagierflugzeugs MH017 und Sanktionen gegen Russland. Den Härtetest habe die Bank und deren Mitarbeiter aber bestanden, meint Fedotowa im Gespräch.
Ist die East West United Bank von den Vorgängen rund um die Ukraine betroffen?
Swetlana Fedotowa Wie Sie wissen beziehen sich die Sanktionen auf russische Staatsunternehmen oder Unternehmen mit staatlicher Beteiligung beziehungsweise auf bestimmte Einzelpersonen. Da unsere Bank in Privatbesitz ist, sind wir nicht direkt von den Sanktionen betroffen. Indirekt haben sie natürlich schon einen gewissen Effekt auf uns. Eines der Resultate der Sanktionen ist, dass europäische Firmen unsicher sind, wie unter den neuen Bedingungen zu agieren ist, und uns darum konsultieren. Vor einigen Wochen sprach ich in Brüssel auf einer Konferenz, die von der belgisch-luxemburgischen Handelskammer in Russland organisiert war, wo mir stets eine ganz bestimmte Frage gestellt wurde: Wie findet man eine Bank, die europäische Unternehmen begleitet, ihren Platz auf dem russischen Markt zu finden. Die EWUB hat seit jeher die Mission, eine Brücke zwischen Ost und West zu bilden, eine Mission, die immer wichtiger wird unter den gegenwärtigen Bedingungen.
Letztes Mal empfahlen Sie auch Investitionen über die EWUB in die Ukraine - tun Sie das noch immer?
Fedotowa Ja, wir machen dort nach wie vor Geschäfte, obwohl wir aufgrund der dortigen komplizierten wirtschaftlichen Situation unser Geschäft vor Ort umstrukturieren mussten. Berücksichtigt man die geopolitische Situation und die Tatsache, dass wir eine europäische, eine luxemburgische Bank sind, wenn auch mit russischen Wurzeln, so sind wir wie auch die anderen Marktteilnehmer vorsichtig und haben uns auch Limits für unser Engagement gesetzt.
Ich muss aber sagen, dass wir uns glücklich schätzen können, vor Ort solide Assets zu haben, auch in dieser schwierigen Situation. Selbst reise ich auch hin und wieder geschäftlich in die Ukraine, wo ich bei meinem letzten Aufenthalt mit dem Gouverneur der ukrainischen Zentralbank zusammentraf wie auch mit großen ukrainischen Unternehmen. Nach den Gesprächen, die ich dort hatte, kann ich offen sagen, dass ich nach wie vor an die Ukraine glaube.
Spüren Sie dort keine Vorbehalte oder eine Distanz Ihnen gegenüber?
Fedotowa Nein, das fühle ich nicht. Die EWUB ist neutral, wir verknüpfen Geschäfte und versuchen professionell unseren Job zu machen. Die Sistema-Gruppe, von der wir ein Teil sind, hat eine starke Position auf dem Telekommunikationssektor in der Ukraine und ist genauso neutral. Wir machen nur Geschäfte.
Der Sistema-Gründer und Besitzer der EWUB, Wladimir Jewtuschenkow, wurde letztes Jahr unter Hausarrest gestellt , und die russische Regierung hat ihm seine Anteile an der Bashneft Oil Group, die er Jahre zuvor gekauft hatte, wieder abgenommen. Ist Russland ein guter Investitionsstandort?
Fedotowa Solche Risiken existierten stets. Die Privatisierung in Russland vor zwanzig Jahren fand nicht transparent statt. Als Ergebnis davon weisen russische Unternehmen stets, wenn sie an die Börse gehen, auf solche Risiken hin. Was mit unserem Hauptaktionär passierte, könnte aber auch überall sonst geschehen, nicht nur in Russland, sondern auch in Europa oder den USA. Das wichtigste ist, die richtige Lösung daraus zu finden. Offen gesprochen glaube ich an Russland und den russischen Markt, der riesig ist und gute Möglichkeiten bietet.
Da sind einmal die Konfrontation zwischen Ost und West und zum anderen der Abschwung der russischen Wirtschaft. Was sollte geschehen, damit sich die Situation verbessert?
Fedotowa Ich nahm in Sankt Petersburg am Economic Forum teil, wo ich viele Treffen und Konversationen hatte mit Vertretern russischer und ausländischer Unternehmen und Politikern. Viele stimmen dem, was der frühere russische Finanzminister Alexej Kudrin sagt, zu, dass der Entwicklung des internen Markts mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte und dass staatliche Reformen fortgeführt werden müssen. Als Bank ziehen wir den Schluss, dass wir selektiver bei der Wahl unserer Deals und unserer neuen Partner vorgehen als es in der Vergangenheit der Fall war.
Und für die EWUB läuft das Geschäft wieder?
Fedotowa Im letzten Jahr sahen wir uns mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert, angefangen mit der Ukrainekrise, den Sanktionen, dem Bashneft-Fall, etcetera. Dennoch, gerade unter diesen angespannten Umständen, hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, wenn eine Bank bei den Kunden eine gute Reputation und Vertrauen genießt. Somit war letztes Jahr tatsächlich eine Probe, ein Test für das Risikomodell der Bank und auch für unseren Teamgeist. Die Tests haben wir erfolgreich bestanden.
Ich hoffe, dass sich dieses und nächstes Jahr die Situation global stabilisieren wird und unsere Bank sich darauf konzentrieren kann, Geschäftslösungen für unsere Kunden zu finden. Wir betrachten dabei verschiedene Möglichkeiten und sind nicht notwendigerweise allein auf Russland oder den Markt der ehemaligen Sowjetrepubliken beschränkt. Ich kann deswegen nur wiederholen, dass wir als Brücke zwischen Ost und West fungieren und versuchen, zweiseitige Geschäftsbeziehungen zwischen Russland und anderen Ländern via Luxemburg aufzubauen, Ziele sind zum Beispiel auch Lateinamerika oder China.
Sie haben Geschäftsbeziehungen zu chinesischen Banken?
Fedotowa Natürlich, und die chinesischen Banken hier in Luxemburg unterstützten uns letztes Jahr sehr. Unter den „russischen“ Banken sind wir sogar die Nummer 1 der Banken, bei denen chinesische Institute Korrespondenz-Konten eröffnen. Das wird in Zukunft sicher noch intensiver werden. Auch in anderen Geschäftsfeldern entwickeln wir uns weiter. Ein Beispiel ist IT, heute ein wichtiger Pfeiler des Bankgeschäfts. Wir versuchen, diese Technologie zu nutzen und damit ins Privatkundengeschäft auf unserem Hauptmarkt und dem benachbarten Deutschland einzutreten, indem wir „East West Direkt“ als Marke starten. Wir haben dazu eine französische Softwarefirma, einen belgischen Think-Tank, eine deutsche Marketingagentur und einen örtlichen luxemburgischen Web-Entwickler sowie die Post Luxembourg zusammengebracht, um eine effiziente Plattform für dieses Produktangebot zu schaffen.
Persönlich leben Sie nun etwas mehr als zwei Jahre in Luxemburg. Haben Sie sich in der Zwischenzeit mit dem Land vertraut gemacht?
Fedotowa (lächelt) Leider glaube ich, dass ich fast mehr in Flugzeugen als in Luxemburg lebe, aber ja, wenn ich hier bin, genieße ich es, hier zu sein, sogar das Wetter - in Moskau, woher ich komme, ist es entweder heiß oder kalt, nichts dazwischen wie hier.


