LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Gewalt als Mittel zur Reinigung: Wie Dichter die Fronten des Ersten Weltkriegs erlebten

Der schöngeistige Poet, der in wirren Zeiten als moralische Instanz vorausschaut und zur Vernunft aufruft: Das ist oft das Bild, das heute von der verse- und romaneschreibenden Zunft vorherrscht. Ein rosarotes Ideal allerdings, erst recht, wenn man in der Literaturgeschichte 100 Jahre zurückblickt: Viele europäische Dichter, die sich an die Fronten den Ersten Weltkrieges meldeten und im Stellungskrieg aus den Schützengräben dichteten, unterlaufen dieses Bild: Gewalt galt ihnen als legitimes Mittel für eine bessere Welt.

Der flämische Literaturwissenschaftler Geert Buelens hat in seinem Sachbuch „Europas Dichter und der Erste Weltkrieg“ unter anderem die Werke berühmter englischer „War Poets“, deutscher Expressionisten und russischer Futuristen analysiert - und viel Kriegsbegeisterung und Chauvinismus entdeckt, kritischer positionierten sich nur wenige, darunter Bernard Shaw oder Fernando Pessoa. Anlässlich der Veranstaltung „Europe’s Artists and the First World War“ stellt er heute Abend seine Ergebnisse vor. Zudem zeigt die schottische Musikwissenschaftlerin Morag Josephine Grant die Zusammenhänge zwischen Musik und Gewalt zu Zeiten des Ersten Weltkriegs auf.

Zum hundertjährigen Gedenken an den Ersten Weltkrieg wurde viel zur Kulturgeschichte geforscht. Weshalb haben Sie die Literatur dieser Zeit gewählt?

GEERT BUELENS Die Dichter des Ersten Weltkriegs, die „War Poets“, sind in Großbritannien eine der bedeutendsten Generation des 20. Jahrhunderts, nicht nur für die Literatur, sondern auch für die Erinnerungskultur. Schüler lesen das in der Schule und der Erste Weltkrieg wird als großer Moment der britischen Literatur betrachtet. Ich wollte die Sicht vergrößern und schauen, wie die großen Dichter auf dem Kontinent mit dem Krieg umgingen, die französischen Surrealisten, deutsche Expressionisten, die Dadaisten und russischen Futuristen. Das Buch, das ich geschrieben habe, gibt einen Überblick und stützt sich auf Gedichte und Biographien.

Lassen sich in den Gedichten des Großen Krieges von Land zu Land verschiedene Stimmungen ausmachen?

BUELENS Die meisten Gedichte sprachen sich bereits von den ersten Tagen für den Krieg aus. Wir haben heute das Bild des neutralen und hochgeistigen Poeten im Kopf, aber sogar ein hochsensibler Autor wie Rainer Maria Rilke schrieb über den Krieg als eine Möglichkeit, um dem Leben einen Sinn zu geben. Der Großteil der europäischen Autoren beurteilte die eigene Zeit sehr harsch und propagierte eine Reinigung von Dekadenz durch Krieg. Die Gedichte von den Schlachtfeldern ringen zwar mit Verlust und Tod, aber zu Kriegsende ging es in mehreren Teilen Europas revolutionär zu, viele Länder, darunter das Russische Reich, Griechenland, Finnland oder Irland, erlebten Bürgerkriege und selbst dann hofften einige nationalistische Dichter noch, etwas durch den Krieg zu gewinnen.

Sieht man in den Gedichten der Autoren eine Entwicklung?

BUELENS Viele starben ja im Krieg. Es gibt aber viele interessante Autoren, die für den Krieg waren und sich dann auf die schrecklichen Aspekte konzentrierten. Was allerdings stark auffällt, ist, dass die großen Autoren in allen Ländern in der Propagandamaschine oder in der Armee Teil des Krieges waren, Apollinaire in Frankreich, Rilke und Trakl im deutschsprachigen Raum, im Russischen Reich Majakowski, in Italien Ungaretti. Durch diese Dichter bekommt man einen guten Eindruck, wie die Elite diesen Krieg erlebte.

Gab es Autoren, welche die einfachen Leute vertraten?

BUELENS Poeten der niederen Schichten wurden später kritisch gegenüber der Elite und der Kriegsführung, aber der Großteil der Literaten war Teil der Mittelschicht oder stand gesellschaftlich höher und hatte eine literarische Bildung. „Worker Poets“ sind generell selten.

Wie wirkten diese Texte?

BUELENS Die Wirkung dieser Gedichte kann man mit den Sozialen Medien vergleichen, die Botschaft muss kurz und stark sein. Gedichte wurden damals in der Mittelschicht viel geschrieben, vor allem, wenn etwas Wichtiges passierte, und so entstanden während des Ersten Weltkriegs Millionen von Gedichten. Allein im August 1914 wurden in Deutschland gut 50.000 Gedichte pro Tag geschrieben, oft wurden sie in Lokalzeitungen veröffentlicht. Sie sind literarisch nicht interessant, spiegeln aber die damalige öffentliche Meinung aus Chauvinismus, aggressivem Patriotismus und Siegeshoffnung wider.

Was sind die Gründe für diese kriegsbefürwortenden Gedichte?

BUELENS Gute Frage. Es ist so, dass die Intellektuellen bis Anfang der 70er Gewalt als legitimes Mittel zur Veränderung ansahen. Einerseits standen während des Krieges einige Intellektuelle Militärkreisen nahe, andererseits hielt sich die Idee der sehr romantischen Sturm und Drang-Seele, die überzeugt war, die Welt könne nur durch Gewalt einen Wandel erfahren.

Gab es einen Wendepunkt, etwa nach den Schrecken von Verdun?

BUELENS Es gibt Gedichte über die Schlachten von Verdun oder der Somme, aber diese fokussierten sich auf die Schrecken des Krieges, hatten aber dennoch keine pazifistische Botschaft. Die Poeten an der Front hatten so viele Freunde sterben sehen und wollten nicht aufgeben. Sie wollten, dass die erlebten Schrecken nicht bedeutungslos waren und das konnten sie ihrer Meinung nach nur, wenn ihr Land den Krieg gewinnen würde. Aufgeben war keine Option, die Zahl der Soldaten, die raus wollte, war begrenzt.

„Europe’s Artists and the First World War“: Vorträge von Geert Buelens und Morag Josephine Grant mit Gespräch, heute um 20.15 in der Philharmonie. Eintritt frei.