WALFERDINGEN
CLAUDE KARGER

Das „European Center for Geodynamics and Seismology“ in Walferdingen erforscht, was tief unter Luxemburg passiert

Im Eingangsbereich des „European Center for Geodynamics and Seismology“ in Walferdingen hängt ein großer Bildschirm. Darauf sind eine Menge Zitterkurven zu sehen. Die auf der rechten Seite stammen von Messstationen aus Luxemburg und Belgien. Die auf der linken kommen direkt aus der Demokratischen Republik Kongo.

Lëtzebuerger Journal

Am Puls des Nyiragongo

Genauer gesagt aus der Region um die Millionenstadt Goma an der Grenze zu Ruanda, die am Fuß eines der aktivsten Vulkane Afrikas liegt, dem 3.400 Meter hohen Nyiragongo, von dem aus ein weiterer Vulkan, der Nyamulagira nur 13 Kilometer weiter weg nordwestlich liegt.

Hier, am Kivu-Rift, wo der afrikanische Kontinent auseinander zu brechen beginnt, überwachen Forscher aus Belgien und Luxemburg mittels Messstationen die Bewegungen im Untergrund und sammeln Daten, um die Entstehungsmechanismen der Erdbeben und Vulkanausbrüche in der Region besser zu verstehen. Dieses Wissen hilft dann in der Zukunft, Ausbrüche besser vorhersagen zu können.

Während es unter Goma unablässig rumort, ist es tief unter Luxemburg ziemlich ruhig. Wie tief es runter geht bis zum Erdmantel hat man zwar noch nicht berechnet, erklärt Adrien Oth, der wissenschaftliche Direktor des Zentrums, aber eine kontinentale Erdkruste hat einen mittleren Durchmesser von 30 bis 35 Kilometer.

Stärkstes Beben in der Region 1692

Aber auch mitten unter einem Kontinent können sich gigantische Gesteinsmassen verschieben und ineinander verhaken, die afrikanische Kontinentalplatte drückt immer noch nach Norden und faltet etwa die Alpen weiter auf. Östlich von Luxemburg liegt in der Vulkaneifel eine noch aktive Vulkanregion, in der es auch ständig rumort. Wenn sich die Spannungen im Gestein plötzlich entladen, kommt es zu Erdbeben. Auch unter Luxemburg zittert deshalb der Boden in regelmäßigen Abständen.

„Das historisch belegte stärkste Beben in unserer Region war das von 1692 bei Verviers mit einer Magnitude von 6,2 bis 6,5 auf der Richterskala. Da gab es auch in Luxemburg Schäden“, sagt der Geophysiker. Damals gab es natürlich noch keine Aufzeichnungen, die Stärke des Verviers-Bebens hat man aus den historischen Quellen abgeleitet.

Messungen in den Kasematten

Das stärkste Beben der rezenten Geschichte – 5,8 auf der Richterskala - erschütterte auch das Großherzogtum in den frühen Morgenstunden des 13. April 1992. Das Epizentrum lag bei Roermond im Süden der Niederlande. „Die seismische Gefährdung Luxemburgs ist sehr niedrig, aber nicht Null“, erklärt Adrien Oth, der darauf hinweist, dass wir nur einen kleinen Augenblick der geodynamischen Prozesse kennen, die die Welt von Anbeginn der Zeiten geformt haben - Während die Seismologie noch eine junge Wissenschaft ist, gibt es systematische Messungen in Luxemburg erst 1963. Damals installierte der Geowissenschaftler Johny Flick in Zusammenarbeit mit dem königlich belgischen Observatorium erste Messgeräte in den hauptstädtischen Kasematten. Die Messungen wurden allerdings schnell durch das „Rauschen“ der boomenden Stadt beeinträchtigt.

Weg vom „Zivilisationsrauschen“

Baustellen, die Vibrationen vorbeifahrender Autos, das Wasser, das durch die Kanalisationen schießt... – Zivilisationsgeräusche verfälschen die Aufzeichnungen der hochsensiblen seismologischen Geräte. Im immer dichter besiedelten Luxemburg schrumpfen die Möglichkeiten, die Apparaturen unter optimalen Bedingungen aufzustellen. „Man braucht nicht nur größtmögliche Ruhe“, erklärt Adrien Oth, „sondern auch einen Untergrund, der so nahe wie möglich an festem Fels liegt, sowie ununterbrochene elektrische Versorgung an Ort und Stelle für die Geräte selbst aber auch für die Funkübertragung“. Seismologie schaut nicht nur nach unten: Heutzutage ist die Wissenschaft, bei der natürlich auch Satelliten zum Einsatz kommen, eine Kombination aus vielen Technologien. Zehn Messstationen betreibt das „European Center for Geodynamics and Seismology“ in Luxemburg. Wobei das Epizentrum der Erdwissenschaften in Luxemburg seit 1967 im ehemaligen Gipsbergwerk in Walferdingen liegt, wo 1998 auch das ECGS entstand.

Mehr: www.ecgs.lu