GIVENICH
CLAUDE KARGER

„Centre Pénitentiaire de Givenich“-Direktor Claude Lentz und der beigeordnete Direktor Jean-Christian Meyer über Funktionsweise und Ziele der Einrichtung

Claude Lentz ist seit rund 20 Jahren im Strafvollzug tätig. Mit dem Direktor des „Centre Pénitentiaire de Givenich“ und dem beigeordneten Direktor Jean Christian Meyer sprachen wir über die Besonderheiten und Ziele des halboffenen Vollzugs.

Herr Lentz, was bedeutet „halboffener Vollzug“ eigentlich genau?

Claude Lentz Erstens gibt es keine Mauern. Die Häftlinge können sich auf dem Areal frei bewegen und die, denen es erlaubt ist, draußen einer Arbeit nachzugehen, starten von hier aus in ihren Berufsalltag. Bei uns tragen die Wärter keine Uniformen. Und es ist den Insassen, von denen jeder ein eigenes Zimmer hat, auch gestattet, Smartphones und Internetzugang zu haben. Kurz: Sie stehen mit einem Bein in der Freiheit. Aber die Mauern im Kopf bleiben.

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Was bedeutet das?

Lentz Dass sie ihre Strafe noch nicht ganz verbüßt haben, sich an eine strikte Hausordnung halten und ihr Reintegrationsprogramm genauso diszipliniert befolgen müssen. Das ist wesentlich, damit unsere Mission, die Wiedereingliederung von Straftätern in die Gesellschaft, gelingt.

Haben Sie einige Beispiele für die strikte Hausordnung, von der sie sprechen?

Lentz Die Höflichkeit gegenüber dem Personal und den Besuchern und der friedliche Umgang unter den Insassen ist selbstredend. Pünktlichkeit wird bei uns groß geschrieben. Verschlafen oder systematisch zu spät kommen, wird geahndet. Genau wie Versuche, Alkohol und andere Drogen ins CPG zu schmuggeln. Auch öffentliche Liebeleien zwischen Insassen sind verboten. Bei leichteren Zuwiderhandlungen kann der Direktor etwa den Entzug verschiedener Privilegien beschließen. Wenn ein Insasse nicht wie vorgesehen nach einem Arbeitstag oder einem Hafturlaub nach Givenich zurückkehrt oder die Hausordnung mehrfach verletzt hat, geht es im Prinzip nach Schrassig zurück. Es gab allerdings auch seltene Fälle von Insassen, die freiwillig ihre Rückkehr dorthin beantragen.

Warum?

Lentz Die Ursache eines solchen Rückkehrwunsches liegt darin begründet, dass sie nicht mit dem Lebens- und Arbeitsrhythmus hier klarkommen. In Givenich haben sie einen streng organisierten Tag, der meist schon um 6.00 beginnt. Die Häftlinge müssen sich prinzipiell selbst um ihre administrativen Belange kümmern, gegebenenfalls erfolgt dies mit Unterstützung durch interne Sozialarbeiter, Weiterbildungen absolvieren, mit ihren Ansprechpartnern beim internen Sozialdienst - „conseiller en insertion“ - oder Therapeuten sprechen und auch alles arrangieren, was sie später draußen brauchen. Das alles ist harte Arbeit, besonders, wenn man mitunter jahrelang in einer geschlossenen Haftanstalt verbracht hat. Nicht jeder ist dieser Herausforderung gewachsen, die auch bei jenen kein Selbstläufer ist, die entschlossen sind, die Chance des halboffenen Vollzugs zu nutzen. Unser Personal hält die Häftlinge dauernd an, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Und alle zwei Stunden wird kontrolliert, was sie tun. Sie stehen also schon unter Druck.

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Wer darf eigentlich ins CPG kommen?

Lentz Prinzipiell erstmal Einwohner Luxemburgs und der Großregion. Zu den Bedingungen gehört natürlich auch, dass sie keine Gefahr mehr für die Gesellschaft darstellen, dass sie prinzipiell Aussicht auf eine berufliche Tätigkeit haben, familiäre Verbindungen pflegen wollen und ein gutes Führungszeugnis in Schrassig aufwiesen. Meist erfolgt ein Transfer nach Givenich, wenn der Häftling mindestens ein Drittel seiner Strafe abgesessen hat - bei Wiederholungstätern liegt diese Grenze bei der Hälfte des Strafmaßes. Es kann aber auch sein, dass die Generalstaatsanwaltschaft Verurteilte direkt zu uns schickt, wenn sie Chancen für eine schnelle Reintegration sieht. Dann und wann haben wir auch Leute hier, die sich selbst bei der Polizei gestellt haben.

Was passiert, wenn der Häftling in Givenich ankommt?

Jean-Christian Meyer Erstmal gibt es ein Gespräch, welches über die Einteilung des Gefangenen in eines der Arbeitsateliers entscheidet. Auf dieser Basis werden sie dann einem der acht Ateliers zugeteilt - Landwirtschaft, Gärtnerei, Küche, Schreinerei, Schlosserei, Malerbetrieb, Elektrobetrieb und Hygienemannschaft. Anschließend erfolgt ein Gespräch mit dem internen Sozialdienst, welches uns ermöglicht, uns ein Bild über die jeweilige Person machen zu können.

Während wir die Insassen aus Schrassig durch ihre Akten relativ gut kennen, ist das für andere nicht unbedingt der Fall. Im Gespräch werden die Neuzugänge etwa auf ihre Betreuungsbedürfnisse angesprochen, auf ihre Kompetenzen und Zukunftspläne. Des Weiteren wird dem Gefangenen auf der Basis der gemeinsamen Gespräche ein Maßnahmeplan, den sogenannten „plan volontaire d’insertion“ angeboten, welcher spezifische Maßnahmen enthält, die sich an den Bedürfnissen des Gefangenen orientieren. Ziel dieses „plan volontaire d’insertion“ ist es, den Inhaftierten zu ermöglichen die Zeit der Inhaftierung sinnvoll zu nutzen, sich weiterzuentwickeln sowie ihre Verantwortungsübernahme zu stärken, damit sie in der Gesellschaft eine aktive Rolle übernehmen können.

Wie ist denn die Arbeit konkret organisiert?

Lentz Im CPG selbst arbeiten die Häftlinge sieben Stunden täglich bis 16.00. Es gibt eine Mittagspause, bei der sie im gleichen Gebäude essen, wie das Personal. Übrigens stammt ein bedeutender Teil der Lebensmittel, die in der Küche verwendet werden, aus Eigenproduktion. Nach 16.00 haben die Gefangenen Freizeit. Diese können sie nutzen, indem sie an speziell organisierten Freizeitaktivitäten teilnehmen, oder sich auch in ihr Zimmer zurückziehen. Für Häftlinge, die einen Beruf haben, ist das etwas anders, sie haben unterschiedliche Arbeitszeiten. Es gibt welche, die sich schon um 5.00 auf den Weg zu ihrer Arbeit machen und welche, die erst um Mitternacht wieder zurück sind.

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Wird die Arbeit im CPG auch bezahlt?

Lentz Ja. Der Stundentarif reicht von 2,05 Euro bis 4,75 Euro und ist auch dann gewährleistet, wenn der Betroffene krankheitshalber ausfällt oder Hafturlaub hat. Ein Häftling kann aufgrund seines Fleißes hochgestuft werden, er kann aber auch wieder zurückgestuft werden, wenn er sich gehen lässt. Es gibt auch ein Prämiensystem für besondere Arbeiten mit besonders viel Engagement. Mit seinem Lohn kann sich der Häftling ein kleines Kapital für später aufbauen kann. Es ist ihm erlaubt, 200 Euro monatlich für den Kauf von Gütern etwa beim fahrenden Händler zu verwenden, der regelmäßig nach Givenich kommt. Die Häftlinge sollen auf diese Weise auch lernen, respektive wieder lernen, wie man mit Geld umgeht. Das ist ein Teil unserer Bemühungen, ihnen wieder Selbstverantwortung beizubringen.

Wann endet die Verantwortung des CPG? Wenn der Häftling seine Strafe verbüßt hat?

Lentz Im Prinzip ja. Aber auch danach kann er noch bei uns Rat suchen. Auf jeden Fall arbeiten wir darauf hin, dass die Häftlinge am Ende ihrer Strafe ihre administrative Situation geklärt haben, dass sie einen Job oder zumindest die Aussicht auf einen Job oder eine Arbeitsmaßnahme haben und auf eine Wohnung. Wenn das mit der Wohnung nicht gleich klappt, haben wir die Möglichkeit, sie maximal sechs Monate unter dem Statut des „reclus volontaire“ im CPG unterzubringen, dies erfolgt vorzugsweise in unserer „Maison Casel“. Des Weiteren setzt sich unser interner Sozialdienst mit externen Organisationen und Ansprechpartnern in Verbindung, um eine Unterkunft für den jeweiligen Gefangenen zu finden.

Wie hoch ist eigentlich die Erfolgsquote in punkto Reintegration?

Lentz Leider kann ich Ihnen diese Frage so nicht beantworten, da es keine Statistik dazu gibt. Bis auf die, die leider wieder im Strafvollzug landen, kennen wir die Laufbahnen der ehemaligen Häftlinge nicht. Es ist aber kein Geheimnis, dass die Wiedereingliederung manchmal sehr schwierig ist. Die Chancen für Leute mit einer kriminellen Vorgeschichte einen Job zu finden sind immer geringer als bei Menschen mit normalen Laufbahnen. Wir merken, dass immer weniger Betriebe bereit sind, ehemaligen Sträflingen eine Chance zu geben. Während die meisten Häftlinge zwischen 26 und 40 Jahre alt sind, sind einige bereits zwischen 40 und 50 Jahren, auch das drückt die Chance auf einen Job. Und die Wohnungspreise hierzulande kennen Sie ja. Da ist mit einem kleinen Einkommen die Auswahl sehr eingeschränkt.

Zwei Insassen erzählen

„Der Beginn zurück ins Leben“

Romain und Pierre* sitzen etwas hibbelig in einem der Schulungszimmer im Wärterpavillon der Haftanstalt Givenich. Sie haben ein Interview akzeptiert, dennoch sind sie zunächst etwas zurückhaltend. Doch die Lage entspannt sich schnell. Es wird gelacht. Romain ist bester Laune, hat er doch im Laufe des Tages Bescheid bekommen, dass er demnächst den halboffenen Vollzug antreten und wieder bei seinem ehemaligen Arbeitgeber tätig sein darf. „Das ist der Beginn zurück ins Leben“, sagt Romain und gelobt, alles zu tun, um nicht mehr auf die schiefe Bahn zu geraten. Er habe viel gelernt in Givenich, wo er im landwirtschaftlichen Betrieb arbeitet. Das sagt auch Pierre, der bereits zum zweiten Mal im CPG einsitzt und erst Ende des Jahres seinen ersten Freigang wird beantragen dürfen. Als er wieder hier ankam, hatte er gerade eine Schulteroperation hinter sich und konnte nicht viel tun, das lastete auf seinem Gemüt. Er erhielt die notwendige Unterstützung. „Der psychosoziale Dienst schaut wirklich nach den Leuten“, sagt Pierre, der die Chance ergreifen will, sich wieder eine berufliche Zukunft aufzubauen. Beide Interviewpartner werden ihre Strafe im Laufe des kommenden Jahres verbüßt haben. *Namen von der Redaktion geändert