LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe im „Journal“-Interview

Im Rahmen einer Lesung , die Felicitas Hoppe gemeinsam mit Georges Hausemer am kommenden Dienstag, den 11.November um 19.30 im Centre national de littérature (Cnl) in Mersch abhalten wird, haben wir der deutschen Autorin einige Fragen zu ihrer schriftstellerischen Tätigkeit gestellt.

Waren Sie überrascht, als Sie erfuhren, dass Ihr Buch gerade ins Luxemburgische übersetzt werden sollte?

Felicitas Hoppe Ja und nein. Erstens sind Deutsch und Luxemburgisch ziemlich verwandt, zweitens können in meiner Vorstellung Luxemburger sowieso alle Sprachen und brauchen gar keine Übersetzungen. Andererseits drängt sich der Gedanke an eine Übersetzung förmlich auf - schließlich spielt das Buch nirgendwo anders als in Luxemburg, selbst dann, wenn die Reise nach Indien geht.

„Paradiese, Übersee“ ist in einer „schiefen“ Vergangenheit angelegt, die zwischen historischem Fakt und poetischer Erfindung schwankt. Was passiert in so einem labilen, wunderlichen Raum mit Ihren Figuren? Und mit dem Leser?

Hoppe Was mit dem Leser passiert, vermag ich - gottseidank - nicht zu sagen, das entzieht sich ja der Kontrolle des Autors. Mir selbst erschien der Raum beim Schreiben kaum wunderlicher oder schiefer als die wirkliche Welt - schließlich werden wir fast alle zu „Fabulierern“, sobald wir anfangen, von unseren Vergangenheiten zu sprechen. Das Erzählen gehorcht anderen Gesetzen als die Wissenschaft.

Ihre Erzählungen zeichnen sich durch eine variantenreiche und polyphone Arbeit am Text aus. Denken Sie, dass die luxemburgische Sprache Ihrer Erzählform gerecht werden kann?

Hoppe Ob meinem Text in der Übersetzung „Gerechtigkeit“ widerfährt, spielt für mich eigentlich keine entscheidende Rolle - jeder übersetzte Text ist ein neuer, ein eigener Text, das ist dann eben Hausemer und nicht mehr Hoppe, und das finde ich eigentlich toll.

Für mich ist das Kriterium für eine gute Übersetzung, ob sie in sich, in ihrer Sprache stimmig ist, ob sie es also auch schafft, sich im besten Sinn von ihrer Vorlage zu emanzipieren, wenn die Sprache selbst das erfordert. So multipliziert sich das eigene Buch - wunderbar!

Neben „Paradiese, Übersee“ sind beispielsweise auch die Texte im Band „Verbrecher und Versager“ Reiseerzählungen. Welche besonderen poetischen Möglichkeiten birgt diese Erzählform für Sie?

Hoppe Das ist einfach: Weil diese Erzählform die klassischste, die naheliegendste ist. Reisen ist sozusagen Prosa pur, Prosa in Reinform, Aufbruch, Unterwegssein. Und dann irgendwo, irgendwann ankommen. Lebensgeschichten eben. Klingt ganz einfach, kann aber auch fürchterlich schief gehen!
Sie kennen sich seit Jahren im deutschen Literaturbetrieb aus. Denken Sie, dass eine viel kleinere Literaturszene, wie es sie in Luxemburg gibt, mehr Segen oder Fluch für ambitionierte Autoren ist?

Hoppe Groß und klein sind relativ, und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Literaturbetriebe weltweit immer klein, immer ein bisschen inzestuös sind - selbst im globalen Literaturbetrieb kennt jeder jeden. Fluch oder Segen - das ist keine Frage von Größenordnungen, sondern von Abhängigkeiten, eine Frage von Frischluftmöglichkeiten - da helfen, egal wo und in welcher Szene sie stecken, nur allgemeine Betriebsferien!


www.cnl.public.lu - Lesen Sie in unserer Dienstagsausgabe ein Interview mit Georges Hausemer