LUXEMBURG
INGO ZWANK

Ein Blick auf den Gay Travel Index 2019 und persönliche Erfahrungen von LGBTI-Touristen

Stefan Gantner (30 Jahre) reist mit seinem Partner gerne und viel. Gran Canaria ist für ihn bisher „der liberalste Ort der Welt, was die Offenheit angeht. Dort haben Homosexuelle eine Akzeptanz, die ich sonst noch nirgends erlebt habe. Daher kenne ich viele Leute, die sich dort ausleben“, sagt Stefan.

Immer mehr Menschen aus immer mehr Ländern reisen um die Welt. Der internationale Tourismus übertrifft das globale Wirtschaftswachstum; Städte wie Venedig, Amsterdam oder auch Dubrovnik klagen über Overtourism. Doch das Reisen für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender sowie Intersexuellen (LGBTI) ist nicht immer so einfach wie für heterosexuelle Touristen. In manchen Ländern ist es für LGBTI-Touristen sogar lebensgefährlich. Insbesondere wenn man in etwas „exotischere“ Länder außerhalb Europas fliegen möchte, sollte man vorher einen Blick auf den Gay Travel Index werfen. Der Gay Travel Index wird jedes Jahr aktualisiert, um Reisende über die Situation von LGBTI in 197 Ländern und Regionen zu informieren. Er bildet sich anhand von 14 Kriterien in drei Kategorien: allgemeine Bürgerrechte, Diskriminierung und Gefährdung von LGBTI durch Verfolgung, Gefängnis oder Tod. Wie in jedem Jahr gab es viel Bewegung und neue Entwicklungen im Ranking.

Dank gesetzlicher Verbesserungen sowie Initiativen zur Bekämpfung von Hassverbrechen stürmte Portugal vom 27. Platz an die Spitze. Das Land liegt gemeinsam mit Schweden und Kanada auf Platz 1 der homofreundlichsten Reiseländer weltweit. Weitere positive Veränderungen gab es in Trinidad und Tobago sowie Angola: Hier wurde im vergangenen Jahr die Kriminalisierung homosexueller Handlungen abgeschafft.

„In Israel (Anmerkung: Platz 23 des Rankings) fing es schon bei der Einreise an“, erzählt Stefan weiter. „Mein Partner und ich wurden wie alle Fluggäste vom Sicherheitsdienst befragt - aber getrennt. Während mein Partner unsere Beziehung bestätigte, druckste ich rum. Ich wusste nicht, ob Israel offen dafür ist. Die Beamten bemerkten dann meine Lüge. Ich sagte, wir seien nur Freunde. Da ich als Lügner natürlich verdächtig für irgendwelche Anschläge war, konfrontiert man mich damit, doch bitte ehrlich zu sein. Ich bestätigte also die Beziehung. Man sagte mir dann: ‚Alles okay! Du reist nach Israel und nicht in die arabische Welt. Du bist willkommen bei uns‘. Tatsächlich erlebten wir in Tel Aviv viele Bars mit Regenbogenflaggen und sahen auch Einheimische, die ihre Homosexualität nicht verstecken mussten.“ Thailand war für Stefan ebenfalls „sehr offen und wir hatten kein Gefühl des ‚Wir müssen uns hier verstecken‘“. Übrigens ist Thailand (auf Platz 47) neben den USA und Großbritannien das einzige Land mit einer TV-Castingshow für „Drag Queens“. Auch in Panama (Platz 57) fühlte sich Stefan willkommen. „Zitat einer Dame aus Panama: ‚Wir sind ein friedliches Land und jeder soll leben, wie er möchte. Wichtig ist uns, dass man jeden akzeptiert und respektiert‘.“

Russland - ein ungutes Gefühl

In Russland (Platz 159), genauer in Moskau und Sankt Petersburg, „fühlte ich mich tatsächlich sehr unwohl, alleine schon wegen der Berichtserstattung in den Medien. Dort war ich auch nur mit weiblicher Begleitung unterwegs. Schaute man sich dann interessehalber einmal einschlägige Dating-Apps an, kam man schnell zur Erkenntnis: Okay. Hier ist man wirklich alleine…“

Luxemburg befindet sich übrigens auf Platz vier im Index, erreicht 9/10 Punkte und hat somit nur Canada, Portugal und Schweden vor sich, ist punktgleich unter anderem mit Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Malta oder auch Spanien und England.

Doch mancherorts hat der Regenbogen auch an Farbe verloren - so in Deutschland. Auch in Brasilien, den USA und eben Deutschland hat sich nach offiziellen Angaben die Situation für LGBTI-Reisende deutlich verschlechtert. Sowohl in Brasilien als auch in den USA haben die rechtskonservativen Regierungen Initiativen zur Aufhebung der in der Vergangenheit erreichten LGBTI-Rechte eingeleitet, mit der Folge von Homophobie und Transphobie, wie auch in Deutschland, wo auch das Fehlen eines Aktionsplans gegen homophobe Gewalt dazu geführt hat, dass Deutschland vom dritten auf den 23. Platz im Gay Travel Index rutscht.

Martin Richter ist beruflich viel unterwegs, er ist Geschäftsführer bei dem Reiseanbieter „Kerle.Reisen“. „Wir bieten ausgefallene Gruppenreisen für Gays an - in kleinen Gruppen von maximal zwölf Teilnehmern mit deutschsprachigem Guide. Es handelt sich bei den Reisen um einen Mix aus Natur, Bewegung, Kultur und Genuss.“ Es gehe darum, zusammen fremde Länder zu erkunden und eine schöne Zeit zu verbringen - „und dabei ähnlich tickende Gays kennenzulernen, die man sonst nie getroffen hätte“, beschreibt Martin die Zielrichtung. „Wir sind bislang schon viel in der Welt herumgekommen. Besonders positiv wurden wir als Gays auf Island aufgenommen. Hier ist Homosexualität etwas ganz Normales und das fühlt man auch als Tourist. Sehr positiv überrascht waren wir auch von Kuba. Trotz politischer Hintergründe hat sich hier ein schwules Leben etabliert, das lebensbejahend ist und auf jeden schwulen Touristen ausstrahlt. Bislang hatten wir nur ein wirklich negatives Erlebnis mit unseren schwulen Reisegruppen - und das war an der Amalfiküste in Italien. Hier wollten wir in ein Café gehen und etwas trinken und der Ober weigerte sich, uns zu bedienen. Daraufhin haben wir die Location gewechselt.“

Lëtzebuerger Journal

Viele machen auf tolerant...

Zwiespältige Erfahrungen hat die Luxemburgerin Maria (Name geändert) in Barcelona gemacht: „Es war so, dass wir in Barcelona waren und in einem Stadtteil war Homosexualität ein offenes, (halb) toleriertes Thema mit Gay Clubs,... und auf der anderen Seite der Stadt konnte man es nicht wagen, Händchen zu halten oder auch nur den Anschein zu erwecken, homosexuell zu sein.“ Generell werde behauptet, dass Homosexualität überall total toleriert wird „und dass es heutzutage kein Thema mehr ist: Doch, ist es aber“, sagt die junge Frau. „Denn egal, wo ich hingeh‘, ich komme mir oft fehl am Platz vor, sobald gefragt wird, ob ich einen Freund habe - und ich dann FreundIN antworte - was bei vielen nur ein ‚Oh...‘ entlockt. Die meisten Leute, besonders in Luxemburg, machen auf tolerant bei Homosexualität, aber dem ist nicht so“, sagt Maria. „Weiterhin wagen wir es nicht, uns den Leuten ‚aufzudrängen‘, indem wir auf offener Straße unsere Liebe mit Küssen, Händchen halten etc. zeigen. In Deutschland bekam ich immer sehr gute Gefühle und Einblicke! Deutschland ist für mich sehr tolerant diesbezüglich. Niemand schaute uns an oder tuschelte, uns wurde keine Aufmerksamkeit gewidmet.“

Polen nicht regenbogenfreundlich

Negative Erfahrungen in Europa machte auch Corinne (Name geändert). „Ich war zusammen mit meinem Freund in Polen - ich identifiziere mich selbst als Trans-Mann, bin jedoch nicht geoutet, genau wie mein Partner“, beschreibt sie ihre Erfahrung im Land auf Platz 83 des Rankings. „Wir mussten beruflich dorthin, obwohl ja bekannt ist, dass es nicht das regenbogenfreundlichste Land ist. Diese Erfahrung mussten wir dann auch machen, weil sich in der Innenstadt ein Stand befand, der sich ausdrücklich gegen Homosexualität aussprach mit lauten, polnischen Hassparolen und der Gleichsetzung von Homosexualität mit Pädophilie“, berichtet Corinne weiter, die die Erfahrung als beängstigend und „so auch noch nicht erlebt“ darstellt. In solchen Ländern bevorzuge sie es dann, so zu tun, als seien beide nur befreundet. Auf einer anderen Reise nach Madrid sei das etwas ganz anderes, denn dort gäbe es sogar eine Metrostation, die in Regenbogenfarben gestrichen ist, „um das LGBTQ+ Viertel schlechthin zu markieren. Vor jeder Reise recherchiere ich so zuerst, wie es in dem Land mit der Gesetzgebung steht, was leider sehr einschränkend sein kann.“

Schaut man sich abschließend den Travel Index an, so finden sich auf den letzten drei Plätzen des Rankings unter 197 Ländern Saudi-Arabien (-14), Somalia (-15) und Tschetschenien (-16). Tschetschenien führt seit Monaten eine regelrechte Verfolgungsjagd auf homosexuelle und bisexuelle Männer. Seit Dezember 2018 wurden 23 Männer festgenommen und missbraucht. Die Opfer seien von Polizisten geschlagen und mit Elektroschocks gefoltert worden. Außerdem soll ein Opfer mit einem Polizeistock vergewaltigt worden sein. Human Rights Watch zitiert einen von vier Männern, der sich der NGO gegenüber geäußert hatte: „Er betätigte den Drehknopf des Elektroschockers, zuerst langsam, dann immer schneller … Mit jedem Dreh hüpften meine Hände auf und ab und ein entsetzlicher Schmerz ging durch sie durch. Er hörte erst auf, nachdem ich schrie, dass mein Herz bald explodieren würde.“

 Den Gay Travel Index mit allen Unterpunkten kann man sich unter tinyurl.com/GTI2019 ansehen