LUXEMBURG
MARCO MENG

Der internationale Kunstmarkt boomt - auch der für zeitgenössische Künstler

Wachsende Nachfrage und steigende Preise. Wie dem neusten Bericht „Art and Finance“ des Beratungsunternehmens Deloitte zu entnehmen ist, erlösten die Kunst-Auktionen bei Sotheby’s und Christie’s mit sechs Milliarden US-Dollar schon im ersten Halbjahr des laufenden Jahres fast so viel wie im gesamten Jahr 2013 (7,7 Mrd.). „Die Vermögensverwaltungsbranche sieht Kunst als Anlageklasse eindeutig als strategisches Mittel“, so dass Fazit der Studie. Die Erkenntnisse legten nahe, dass Kunstkäufer und -sammler, Kunst und Sammlerobjekte als Anlage erwerben (76% gegenüber 53% im Jahr 2012). Dementsprechend werde auch der Bedarf an professionellen Beratungs- und Vermögensverwaltungsdiensten im Zusammenhang mit dem Management, dem Erhalt, der Fremdfinanzierung sowie der Aufwertung von Vermögen in Form von Kunst und Sammlerobjekten steigen.

Dass Online-Märkte von der steigenden Nachfrage profitieren, ist kaum verwunderlich. Und nach Einschätzung von Deloitte werden Internetplattformen im Kunstbereich weiter an Bedeutung gewinnen. Die in Luxemburg ansässige Investmentgesellschaft Redline Capital Management des russischen Milliardärs Wladimir Jewtuschenkow hatte im Zuge des Baus des Luxemburger Freeports auf diesen Zug aufspringen und das deutsche Kunsthandelsunternehmen Artnet übernehmen wollen. Die Mehrheit der Aktionäre hatte aber nicht verkaufen wollen, so dass das Vorhaben, aus Artnet ein „Amazon des Kunsthandels“ zu machen, letztes Jahr aufgegeben wurde. Dass Online-Kunstmärkte wie Online-Auktionen „wie Pilze aus dem Boden“ schießen, lässt für Deloitte eine Konsolidierung aber durchaus möglich erscheinen: „Diese könnten der Kunst und dem Corporate Finance neue Möglichkeiten bieten.“

Fondsbranche hat Nachholbedarf

„Das Vertrauen in die Kunstfondsbranche ist durchwachsen“, erklärt Vincent Gouverneur, Partner und Leiter des Bereichs Art & Finance bei Deloitte Luxemburg. Die meisten der befragten Kunstfachleute und Kunstsammler rechneten mit einem Wachstum der Kunstfondsbranche in den kommenden Jahren. „Die Kunstfondsbranche muss möglicherweise ihr aktuelles Modell überdenken, um die Gründe zu berücksichtigen, aus denen Kunstanleger in erster Linie Kunst kaufen.“ Heute gibt es schätzungsweise 72 reine Kunstinvestmentfonds, 55 davon befinden sich nach Deloitte in China.

Nicht nur tote Künstler

Der gestern von Artprice, Weltmarktführer für Kunstmarktinformationen, herausgegebene Jahresbericht über den Markt der zeitgenössischen Kunst unterstreicht diese Entwicklung. Das Unternehmen sammelt Daten von weltweit 4.500 Auktionshäusern und veröffentlicht regelmäßig die Tendenzen des Marktes. Mittlerweile habe der Markt für zeitgenössische Kunst die Schwelle von zwei Milliarden Dollar an Einnahmen überschritten – das heißt, dieser Markt ist so wertvoll wie nie. Jeff Koons’ Werke beispielsweise brechen alle Rekorde und machen den US-amerikanischen Künstler zu einem der bestverdienenden seiner Zunft. Sein „Balloon Dog“ brachte letzte Jahr bei Christie’s mehr als 58 Millionen US-Dollar ein. Die Umsätze aller Kunst-Auktionshäuser haben sich demnach seit dem Einbruch 2009/10 – damals ging die Zahl um 48% zurück – in den letzten vier Jahren mehr als verdoppelt. Der Marktwert der nach 1945 geborenen Künstler folgt diesem Trend – und ist höher denn je. Die 100 rentabelsten zeitgenössischen Künstler wurden in den letzten zwölf Monaten für eine Milliarde Euro verkauft, gegenüber 102 Millionen noch vor zehn Jahren. „Nie war der zeitgenössische Sektor so wettbewerbsfähig und spekulativ“, so Artprice. Doch das an der Euronext Paris gelistete Unternehmen warnt auch: „Mächtige Netzwerke marktbestimmender Galerien, renommierte Institutionen, Kuratoren und Berater sowie diverse starke Akteure des Kunstmarkts, zu denen auch die führenden Auktionshäuser zählen, treiben die spekulativsten Signaturen des Kunstmarkts an, die von einigen trotz der Preisexzesse und der Volatilität des Sektors als sichere Werte angesehen werden.“ Gut geölte Mechanismen und ein unersättlichen Appetit der Investoren trieben den Auktionsmarkt „zu einem wirtschaftlichen Ufo“.

Freihäfen wie der jüngst am Luxemburger Flughafen eröffnete können sich nach Einschätzung von Deloitte zu strategischen Drehscheiben für die Kunst- und Vermögensverwaltungsbranche entwickeln. Aber auch Deloitte weist darauf hin, dass „nicht nur der Kunst- und Finanzbranche, sondern der gesamte Kunstmarkt von einer gewissen Regulierung profitieren“ könnten.