LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Plan de relance“ sieht finanzielle Unterstützungen in Höhe von 5 Millionen Euro vor

Die Kultur war einer der ersten Sektoren, der die Folgen der Corona-Pandemie zu spüren bekam, und sie wird wohl auch am längsten von Einschränkungen betroffen sein. Zwischen dem 14. März und 11. Mai waren alle kulturellen Einrichtungen geschlossen und sämtliche Veranstaltungen gestrichen. „Mehr als 100 Ausstellungen und über 1.000 Events wurden abgesagt oder verlegt. Über eine Million Zuschauer waren von diesen Absagen betroffen“, listete Kulturministerin Sam Tanson gestern bei einer Pressekonferenz auf, bei der es um die Vorstellung des „Plan de relance pour le secteur culturel“ ging.

Die Kultur habe während des Lockdown jedoch weitergelebt. Künstler und Institutionen hätten auf digitale Angebote gesetzt, um die Verbindung zum Publikum aufrechtzuerhalten. „Dennoch wollten wir diese Situation nicht ewig beibehalten“, unterstrich sie. Die finanziellen Auswirkungen auf den Sektor seien groß. Was die Infrastrukturen anbelange, so gehe man von Umsatzeinbußen zwischen 15 und 30 Prozent aus. „Die Kultur ist auch ein wichtiger Arbeitgeber. Geschätzt macht dieser Sektor 5,3 Prozent der Beschäftigung in Luxemburg aus. 12.200 Personen arbeiten im Kulturbereich, darunter überdurchschnittlich viele Freischaffende. Einer von fünf ist selbstständig und spürt die Konsequenzen der Krise natürlich besonders heftig“, gab Tanson zu bedenken. Früh habe man deshalb erste Hilfsmaßnahmen auf den Weg gebracht. So wurde am 17. März das Beihilfesystem des Kulturministeriums angepasst. Digitale Projekte wurden von Anfang an unterstützt. Am 3. April wurde das Gesetz über Sozialmaßnahmen für die „Intermittents du spectacle“ und unabhängigen Künstler abgeändert, die Zugangsbedingungen erleichtert und die Beträge erhöht. Bis dato seien 1,2 Millionen Euro überwiesen worden.

Etappenweise Öffnung

Parallel zur Wiederöffnung anderer Einrichtungen sollte auch die Kultur in Gang gesetzt werden. „Die Kultur sollte nicht wie ein Stiefkind behandelt werden. Auch wenn die einzelnen Institutionen nicht wie vorher funktionieren können, ist es wichtig, dass die Möglichkeit besteht, wieder Ausstellungen und bald auch Konzerte und Theaterstücke zu besuchen“, unterstrich die Ministerin. Am 11. Mai haben die Museen, Bibliotheken und Archive ihre Türen geöffnet, und ab diesem Freitag (29. Mai) dürfen auch die anderen Veranstaltungsorte erneut ein Publikum empfangen. Zwei Meter Abstand müssen eingehalten und eine Schutzmaske getragen werden, sofern man nicht auf dem vordefinierten Platz im Theater, Konzertsaal oder Kino sitzt. „Nach zwei oder drei Wochen wird die Situation erneut evaluiert und die Bedingungen gegebenenfalls überdacht“, informierte Tanson. Sie glaube fest an die Kreativität und Anpassungsfähigkeit der Kulturschaffenden.

Sektor nachhaltig stärken

Wenn man den Kultursektor nachhaltig stärken wolle, müsse man ordentlich mit anpacken. „Wir müssen dafür sorgen, die existierende Prekarität über soziale Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Künstler angemessen bezahlt werden. Deshalb müssen wir auch den kulturellen Institutionen und Vereinigungen die nötigen Mittel geben. Es gilt, die Effekte dieser Krise auszugleichen. Wir müssen folglich alles daran setzen, dass es für die Kultureinrichtungen trotz dieser Einschränkungen möglich ist, Zuschauer zu empfangen. Dies alles ist nötig, um eine nachhaltige Stärkung des Kultursektors zu erreichen“, führte die Ministerin weiter aus, bevor sie dann auf die Inhalte des „Plan de relance“ überging.

Ein Gesamtpaket über 5 Millionen Euro wurde geschnürt, die in den nächsten Monaten in die Kultur fließen: Mit insgesamt 1,5 Millionen Euro werden die konventionierten Institutionen und Vereine unterstützt. Weitere 1,5 Millionen Euro sind projektgebunden. Jeweils 1 Million Euro soll einerseits in die regionalen Museen („Soutien à l´investissement et à la revalorisation des musées régionaux“) und andererseits in die touristischen Kulturstätten („Soutien à l´investissement et à la revalorisation des sites culturels à vocation touristique“) investiert werden.

Projektgebundene Hilfe

Was die projektgebundenen Unterstützungen anbelangt, so listete die Ministerin eine ganze Reihe an Möglichkeiten auf. So werden etwa die „Annexes du Château de Bourglinster“ einem Kollektiv für die Dauer von zwei Jahren zur Verfügung gestellt. Noch dazu gibt es 100.000 Euro, um den ganzen Ort zu bespielen. Ein weiterer Posten ist mit „Artistes-associés en résidence“ überschrieben: Einrichtungen werden mit 15.000 bis 30.000 Euro unterstützt, wenn sie einem Künstler oder Kollektiv während sechs Monaten eine Künstlerresidenz anbieten, um Projekte zu realisieren (Gesamthöhe 150.000 Euro). Das „Commandes musicales“-Programm wird ausgebaut und das Budget auf 50.000 Euro angehoben. Auch das Budget für die Erweiterung der Kunstsammlung des Ministeriums wird aufgestockt (150.000 Euro). Die Hilfe „Soutien à la commande d´écriture d´oeuvres dramatiques“ soll Autoren zusammen mit Häusern unterstützen, um Theaterstücke zu schreiben und aufzuführen (Gesamthöhe 100.000 Euro). Die „Aide à la recherche et au montage de nouveaux formats de spectacle“ soll dabei helfen, trotz der einschränkenden Bedingungen, Spektakel stattfinden zu lassen (zwischen 5.000 und 15.000 Euro pro Projekt, Gesamtbudget 100.000 Euro).

Diskussion um BnL-Direktion

Die Kulturministerin nutzte die Gelegenheit gestern auch, um Claude D. Conter als neuen Direktor der Nationalbibliothek vorzustellen. Sie kam nicht umhin, auf die Geschehnisse der letzten Wochen einzugehen. Bekanntlich war Joanne Goebbels als Nachfolgerin von Monique Kieffer zurückbehalten worden. Allerdings zog sie sich nach verbalen Attacken und Vorwürfen der Vetternwirtschaft wieder zurück. „Ich bedauere diese Diskussionen. Ich habe es als sehr verletzend empfunden, was gesagt und geschrieben wurde“, sagte Tanson. Bei der ersten Ausschreibung sei kein geeigneter Kandidat gefunden worden, erklärte sie noch einmal. Daraufhin habe sie ein Gespräch mit Claude D. Conter, Direktor des „Centre national de littérature“ (CNL), geführt. „Für mich war er die einzige Person, die ohne Ausschreibung hätte ernannt werden können, dies wegen seiner Erfahrung, der sehr guten bisherigen Zusammenarbeit, der Anerkennung, die er im Milieu genießt, der hervorragenden Arbeit, die er leistet, und dem Umgang, den er mit den Leuten pflegt, mit denen er zusammenarbeitet“, beschrieb sie. Conter habe das Angebot allerdings abgelehnt. Es folgte eine zweite Ausschreibung. Am Ende standen zwei Kandidaten zur Auswahl. Nach einer ganz strengen Prozedur sei eine klare Empfehlung zugunsten von Joanne Goebbels ausgesprochen worden. „Ich habe mir viel mehr Regeln gegeben, als im Gesetz vorgesehen, und schließlich die Kandidatin ernannt, die sich als am besten geeignet herausgestellt hat. Es tut mir persönlich sehr leid, wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt wurde, und ich kann ihre Entscheidung nachvollziehen“, sagte Tanson. Daraufhin habe sie den Direktor des Literaturarchivs erneut kontaktiert, der schließlich „aus seinem gewohnten Verantwortungsgefühl heraus“ zugesagt habe.

Auch Conter selbst bedauerte den Rückzug von Joanne Goebbels. „Ich bin davon überzeugt, dass sie die richtige Person für diese Aufgaben gewesen wäre“, sagte er. Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, weil er sich eng mit dem Literaturarchiv und seiner Mannschaft verbunden fühle. „Ich war im CNL zuhause und verlasse es nicht ohne Emotionen. Das verhindert aber nicht, dass ich mich sehr auf die neue Mannschaft und die neuen Missionen freue. Ich darf ein Haus übernehmen, das Monique Kieffer schon ganz früh ins 21. Jahrhundert geführt hat. Zu ihren vielen Verdiensten gehört, dass sie bereits vor 20 Jahren darauf gepocht hat, die digitale Herausforderung anzugehen“, so Conter. Geht es nach seinem Wunsch übernimmt in Mersch übrigens eine Person aus der CNL-Mannschaft.