MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Die dritte Rettung des französischen Automobilkonzerns

Der europäischen Automobilindustrie geht es nicht gut. Die Verkäufe sind in der Coronakrise dramatisch eingebrochen. In Frankreich trifft es Renault. Der Konzern geht eine umfassende Sanierung mit Werksschließungen, Umbau der Modellflotte, und einem Einsparprogramm von zwei Milliarden Euro an.

Die Wochenzeitung „Le Canard Enchaîné“ ist nicht gerade für Skandale aus der Wirtschaft bekannt. Häufig sind es Ereignisse aus der Politik oder der Gesellschaft, die nach ihrer Berichterstattung eine weitreichende Polemik auslösen. Ihre jüngste Berichterstattung über Renault hat das Land erschüttert. Der Konzern steht vor einer umfangreichen Veränderung, so tiefgreifend, dass am Ende ein neuer Renault Konzern herauskommen könnte. Derzeit sind drei Standorte bekannt, an denen es Veränderungen geben soll.

Ein vierter, Dieppe, wo die Neu-Auflage des Alpine hergestellt wird, soll zur Disposition stehen. Eine Fabrik in der Bretagne soll geschlossen werden, eine andere im Großraum Paris. Gelände und Gebäude sollen verkauft werden. Das mythische Werk in Flins, 1952 gebaut, von wo aus die Arbeiter sich 1968 der Studentenrevolte anschlossen, soll keine Autos mehr produzieren. Die Produktion des neuen Clio ist weitgehend in die Türkei ausgelagert worden. Die Fertigung des Elektroautos Zoe, das auch nach sieben Jahren Bauzeit noch keinen Gewinn abwirft, soll nach Douai verlegt werden. Offen ist das Schicksal des Nissan Kleinwagens Micra, der ebenfalls in Flins produziert wird. In Flins arbeiten derzeit 2.600 Renault-Mitarbeiter. Eine Schließung des Werkes würde in der derzeitigen Situation einem sozialen und wirtschaftlichen Erdbeben in Frankreich gleich kommen. Die Frage ist, welche Zukunft Standort und Mitarbeiter haben.

Hinzu kommt, dass Renault über eine alternde Fahrzeugflotte verfügt, zu der Entscheidungen getroffen werden müssen. Das China Geschäft läuft nicht wie erwartet und auch Russland soll nicht viel Freude bereiten. Im Gespräch ist weiter eine erhebliche Verkleinerung des Technikzentrums, das in Guyancourt etwa 11.000 Personen beschäftigt. Die Kosten für Forschung und Entwicklung sollen im Vergleich zu den 55 Milliarden Euro Umsatz zu hoch sein, schreiben französische Medien.

Vor der für den 28. März angekündigten Pressekonferenz wird sich die Renault Geschäftsführung mit den Vorständen von Nissan und Mitsubishi Motors treffen. Beiden Unternehmen geht es nicht gut. Die Verkaufszahlen gehen zurück, Mitsubishi macht Verluste. Einschneidende Maßnahmen werden daher auch in der französisch-japanischen Allianz erwartet. „Es gibt keine Tabus“, hatte Clotilde Delbos im Februar erklärt. Der Restrukturierungsplan, der in der kommenden Woche offiziell vorgestellt werden soll, umfasst Einsparungen in Höhe von zwei Milliarden Euro.

Renault hat im vergangenen Jahr eine Einbuße von 3,3 Prozent beim Umsatz hinnehmen müssen. Die Verkäufe sanken um 3,4 Prozent auf 3,75 Millionen Autos ab. Die operative Marge sank von 6,3 auf 4,8 Prozent, was einer Summe von 950 Millionen Euro entspricht.

Fünf Milliarden Euro vom Staat

Der französische Staat springt mit einer Summe von fünf Milliarden Euro ein, um dem Unternehmen Liquidität zu beschaffen. Das bewahrt die Beschäftigten nicht davor, sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze machen zu müssen. Diese Summe entspricht dem derzeitigen Börsenwert.

Die Coronakrise hat allerdings nicht unmittelbar etwas damit zu tun. Die Ursachen liegen tiefer, gehen auch in das Ende der Ära Carlos Ghosn zurück, der wegen seines Gefängnis Aufenthaltes in Japan allerdings nicht mehr gegensteuern konnte. Renault hat im vergangenen Jahr erstmals seit zehn Jahren mit minus 141 Millionen Euro einen Verlust produziert, erklärt Generaldirektorin Clotilde Delbos hatte im Februar dieses Jahres bei der Vorstellung des Geschäftsberichtes 2019. Sie ließ erkennen, dass man bei Renault bis in die Grundfesten hinein renovieren, sogar sanieren müsse.

In der kommenden Woche, am 28. Mai, wollte der Konzern das Programm nach intensiven Diskussionen mit den Tochtergesellschaften Nissan und Mitsubishi erläutern. Denn nicht nur Renault geht es nicht gut, auch Nissan leidet und Mitsubishi Motors gilt als Sanierungsfall. So erhielt Renault für das vergangene Jahr von Nissan nur 242 Millionen Euro Dividende statt der 1,5 Milliarden, die es noch für 2018 gegeben hatte. Mit der Dividende von 2018 wäre auch der Zustand des Konzerns, an dem der französische Staat mit 15 Prozent und doppeltem Stimmrecht beteiligt ist, vermutlich nicht aufgefallen.

Aufgefallen ist aber, dass nicht – wie üblich – Wirtschaftsminister Le Maire Stellung bezog, sondern Premierminister Edouard Philippe selbst. In der Interpretation französischer Verhältnisse heißt dies, dass der Wirtschaftsminister in die Sanierungspläne voll eingeweiht ist. Im Wirtschafts- und Finanzministerium soll man sich andererseits darüber im Klaren sein, dass Renault vor der Frage des Überlebens steht und deswegen politische Überlegungen hinter wirtschaftlichen zurückstehen müssen, soll das Unternehmen in zwei Jahren noch existieren.

Immer wieder Milliarden

Die Rettungsaktion für Renault ist die dritte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Unternehmen war 1945 verstaatlicht worden, weil die Familie Renault mit den Nazis kooperiert hatte. 1980 geriet die „Régie Renault“. Die Regierung öffnet ihre Schatulle und rekapitalisiert das Unternehmen mit 18 Milliarden Francs und übernimmt die Schulden. Konkurrent Peugeot muss der Wettbewerbsverfälschung tatenlos zuschauen. Von 1990 an wird das Unternehmen nach und nach privatisiert.

Staatspräsident Nicolas Sarkozy zahlt im Herbst 2008 an Peugeot und an Renault einen Kredit in Höhe von je drei Milliarden Euro zum Zinssatz von sechs Prozent mit harten Auflagen. Beide Hersteller verpflichten sich, während der Laufzeit des Kredites keine Fabrik in Frankreich zu schließen. Entlassungen sollten vermieden werden. Renault vereinbart einen Plan zum freiwilligen Ausscheiden von 6.000 Mitarbeitern. Die Rettungsfinanzierung 2020 soll, so versichern der Aufsichtsratsvorsitzende Jean Dominique Senard und Clotilde Delbos der Zeitung „Les Echos“ zufolge, nur mit der Auflage verbunden sein, dass Renault während der Kredit-Laufzeit keine Dividende zahlt. Bei Investoren weckt sie mit dem Dividendenverzicht nicht unbedingt Interesse. Am Donnerstag verlor sie 1,65 Prozent an Wert und notierte bei Börsenschluss mit 17,68 Euro.