CLAUDE KARGER

Michael Heseltine ist ein Urgestein der britischen Konservativen, war Minister unter Margaret Thatcher und John Major und sitzt noch immer im Oberhaus des britischen Parlaments. Er ist einer der prominenten Tories, die sich resolut für den Verbleib seines Landes in der EU einsetzten und zu verhindern versuchten, dass die „Brexit-Bill“ es durchs Parlament packte.

Was ihn unter anderem seinen Job als langjähriger Regierungsberater kostete und eine Menge Anfeindungen jener europafeindlichen Konservativen, die der frühere Premier David Cameron einst mit der Aussicht auf ein „Brexit-Referendum“ zu beruhigen versuchte, damit sie nicht zur UKIP kippten, und die nun von einer neuen Freiheit außerhalb der „Ketten der EU“ schwärmen. Lord Heseltine, der Cameron bereits 2013 vor dem „unnötigen Spiel“ mit einem Referendum über die EU-Zugehörigkeit Großbritanniens warnte, sieht das ganz anders und spricht derzeit auf allen Fernsehkanälen vom 29. März 2017 als dem Tag, „an dem Großbritannien mehr Macht und Einfluss verlor als an jedem anderen Tag“. Denn sein Land gebe alle Karten aus der Hand und überlasse es den EU-Staaten, die Bedingungen für den Zugang Großbritanniens zu seinem größten Markt festzulegen. Eine Situation, die der „größte Albtraum“ aller vorigen Premiers gewesen sei. Heseltine, der sich als Anwalt der 48 Prozent der Wähler sieht, die am 23. Juni für „Bremain“ stimmten und „alles in seiner Macht stehende“ unternehmen will, damit das Parlament das letzte Wort über das Austrittsabkommen behält und sogar ein zweites Referendum über das Verhandlungsresultat fordert, steht nicht alleine da mit seiner Meinung in seiner Partei, deren interne Wirrungen natürlich auch eine bedeutende Rolle im nun gestarteten „Brexit“-Vorgang spielen. Man stelle sich mal vor, Tory-Chefin Theresa May würde abgesetzt, weil die Verhandlungsresultate nicht den Erwartungen einer Partei-Mehrheit entsprechen, oder sich abzeichnet, dass ihr „Plan for Britain“, ein stärkeres, gerechteres und vereinteres Land zu schaffen ins genaue Gegenteil abdriftet - das mit „vereinteres“ ist schon mal deutlich dabei, haben die Schotten doch gestern formell den Antrag für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum eingereicht.

Das Risiko, dass Großbritannien auseinander bricht scheint derzeit auf jeden Fall weit höher als das einer Explosion der EU. Für May beginnt indes ein jahrelanger Kampf auf zahlreichen Fronten, ein Rennen gegen die Zeit auf sehr dünnem Eis. Wobei sie nicht wie ihre Vorgänger die Option hat, bei den anstehenden Verhandlungen schon mal die Tür zu knallen und dann mit dem einen oder anderen EU-Partner Allianzen zu suchen, um das Gefeilsche unter günstigeren Bedingungen weiter zu führen. Denn sie weiß, dass ein echter „Hard Brexit“ die Wirtschaft ihres Landes sehr stark schädigen würde. Wie die Karten ihr aus der Hand gleiten, zeigte die Reaktion der EU-Ratspräsidentschaft auf ihre Vorstellung zum Verhandlungstempo: Erst den Austritt klären und dann eine neue Partnerschaft aufbauen lautet das Credo aus Brüssel. May wollte beides gleichzeitig anpacken. Ein No-Go. „Es werden harte Verhandlungen, aber es wird kein Krieg“, sagte Maltas Regierungschef Muscat gestern. Zu hoffen bleibt vor allem, dass es nicht auf der Insel zu einem Konflikt kommt.