LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Die Konjunkturindikatoren stehen zwar insgesamt auf Erholungskurs nach Monaten des Quasi-Stillstands ganzer Wirtschaftszweige wegen der Covid-19-Pandemie, aber zurück auf Vorkrisenniveau sind die meisten Branchen längst nicht. „Es wird Zeit und Arbeit brauchen, um den Schaden rückgängig zu machen, den die Krise verursacht hat“, sagte gestern etwa Eurogruppenchef Paschal Donohue beim Treffen der Eurozonen-Finanzminister in Berlin. Alle warnen davor, die fragile Erholung durch ein zu frühes Zurücknehmen der massiven Unterstützungsprogramme für die Wirtschaft abzuwürgen. Auch 2021 sei man womöglich noch nicht über den Berg. Den Regierungen stehen also noch gigantische Hausaufgaben ins Haus, um das zarte Pflänzchen Konjunktur vor dem Eingehen zu bewahren.
Kurz vor der „Rentrée“, die für viele eigentlich längst bereits angebrochen ist, während manch andere ganz auf die Sommerpause verzichten mussten, gab es diese Woche eine harte Erinnerung daran, was die Stunde geschlagen hat: 570 Arbeitsplätze stehen bei ArcelorMittal in Luxemburg auf dem Spiel.
Die Nachfrage nach Stahl ist enorm eingebrochen. Allein beim Großabnehmer Automobilindustrie, der mit vielfältigen Krisen zu kämpfen hat, werde ein „beispielloser“ Rückgang von 26 Prozent in diesem Jahr erwartet. Während die Gewerkschaften eine Stahl-Tripartite fordern, steht das Dossier ArcelorMittal übrigens bereits am Dienstag auf der Tagesordnung des zuständigen „Chamber“-Ausschusses.
Fast täglich gibt es internationale Hiobsbotschaften aus vielen Branchen und die schlechten Nachrichten betreffen natürlich auch eine Menge von Zulieferern und Dienstleistern, deren Hauptquartiere und Produktionsstätten in Luxemburg stehen. Nicht von ungefähr richtete gestern die FEDIL einen Appell an die Regierung, durch eine „ehrgeizige“ Politik das industrielle Gefüge zu erhalten und die lokale Produktion wiederzubeleben. Nicht auszuschließen, dass es bald zu einer Industrie-Tripartite kommt. Programmiert ist indes für den 17. September eine Dreierrunde für die Flugbranche, vor allem für Luxair, die ihren Passagierbetrieb monatelang hatte einstellen müssen. Unter riesigen Einbußen ächzen auch viele Betriebe aus Handel und Gastronomie. Guy Hoffmann, der Präsident der Bankenvereinigung ABBL, meinte gestern im RTL Radio dass die Finanzinstitute derzeit noch keine bedeutenden Auswirkungen der Corona-Krise spüren, dass diese aber in den nächsten Monaten und Jahren „gewaltig“ sein könnten. Das hänge vor allem damit zusammen, wie viele Insolvenzen es geben wird. Im Wirtschaftsgefüge hängt alles zusammen und jeder Dreh an einer Schraube hat mitunter existenzielle Auswirkungen auf andere.
Es ist daher besonders in einer Krise wie der jetzigen, die so noch nicht vorkam, von enormer Bedeutung, dass eine Dauerkonzertierung zwischen allen Kräften im Land stattfindet und gangbare Lösungen gefunden werden vorrangig für den Erhalt einer größtmöglichen Zahl von Arbeitsplätzen. Vertrauen schaffen, dort wo Angst vor Arbeitslosigkeit herrscht, hatte OGBL-Chefin Nora Back Anfang Juli beim ersten Tripartite-Treffen seit fast zehn Jahren als Losung ausgegeben. Einst wurden in diesem Sinne in schwierigeren Situationen nachhaltige Anti-Krisen-Konsense „à la luxembourgeoise“ geschmiedet. Kein Grund, anzunehmen, dass der anstehende Stresstest nicht auch gelingen sollte. Die Grundlagen des Wirtschaftsgefüges sind nämlich weiterhin solide. Genau wie die Staatsfinanzen.