PATRICK WELTER

Sechs Millionen Tote. Eine unvorstellbare Zahl, die das Geschehene so unbegreiflich macht. Stalin, selbst ein Schlächter der Extraklasse, hatte recht als er lakonisch meinte, dass ein Toter eine Tragödie sei, eine Million Tote seien dagegen nur noch Statistik. Leider wahr.

Verhindert nur die persönliche Erfahrung, dass man zum Antisemiten wird? Ich erinnere mich an „Tante“ Lotte, ein langjährige Freundin meiner Großmutter, Teil einer Mädchenclique die seit der Schulzeit vor dem ersten Weltkrieg zusammenhielt. Als Kind bekam ich - in den 1960ern - immer wieder den Satz mit, „die Lotte hat ja überlebt“. Was hatte die Lotte überlebt? Für mich unterschied sie sich nicht von den anderen „Tanten“ wie Marga, Josée und Thea. Eines Tages meinte die Oma „Tante Friedchen, die Tante von der Lotte, die haben sie weggebracht, obwohl sie schon alt und halbblind war.“ Wie weg gebracht? Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, hörte ich zum ersten Mal von der „Reichskristallnacht“, in der die Synagoge in meiner Heimatstadt brannte. Es interessierte mich, weil das auf den Tag genau zwanzig Jahre vor meiner Geburt war. Das ging gegen die Juden, berichtete die Oma, „Der Doktor D. und seine SA haben die Synagoge angezündet“. Ich habe weder als Kind, noch später und auch nicht bis heute begriffen, warum es gegen die Juden ging. Vielleicht liegt es an dem, was in der modernen Geschichtsforschung „oral history“ heißt. Einfach weil die Oma von Leuten erzählte, die „in der Eifel versteckt waren“ oder „der kam mit den Amerikanern zurück“. Für einen geschichtsbegeisterten Schuljungen waren diese Erzählungen eine wunderbare Quelle. Bald begriff ich halbwegs, was die Judenvernichtung war, aber niemals das warum. Dank der „oral history“ blieb die Sache aber nicht abstrakt. Obwohl nachgeboren und rheinisch-katholisch, „kannte“ ich Menschen die davongekommen waren und hatte zumindest einen Namen und damit ein Bild eines Opfers - Tante Friedchen. Wenn ich mal über den heimatlichen Friedhof laufe und bei den „Tanten“ vorbeigehe, graust es mich immer auf Tante Lottes Grabstein zu lesen: „Zur Erinnerung an Frederike L., deportiert…“

Warum so persönlich? Wo es doch um ein gesellschaftliches Problem geht: Antisemitismus. Eine gesellschaftliche Geisteskrankheit, die spätestens nach dem Holocaust hätte aussterben müssen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Antisemitismus ist ein multiresistenter Keim.

Die Zeitzeugen sind hochbetagt, bald sind sie verschwunden. Auch die Jagd nach den letzten Mördern wird bald zu Ende sein. Selbst wir, die wir noch aus zweiter Hand von den Berichten über die dunkle Zeit erzählen können, werden in zwanzig oder dreißig Jahren nicht mehr da sein. Dann sind die Millionen Toten endgültig Statistik. Der Kampf gegen den Antisemitismus wird sich trotz der Stolpersteine, die es dann vielleicht noch gibt, nicht mehr auf den Holocaust berufen können.

Es muss gelingen einem der dümmsten Rassismen - über Jahrhunderten tatkräftig von Mutter Kirche gefördert - auf intelligente Weise den Garaus zu machen.

Im übrigen auch dem linken Antisemitismus, der sich so gern hinter „Israelkritik“ versteckt. Netanjahu ist ein Idiot, aber nicht weil er Jude ist, sondern weil korrupt ist. Seine Kippa kann nichts dafür, dass darunter nur heiße Luft steckt.