DIEKIRCH
CHRISTIAN BLOCK

Habitate, Arten und Landschaften erhalten: Fragen und Antworten zu Naturschutzgebieten

Rund drei Prozent der Landesfläche, 8.514 Hektar, sind heute in Luxemburg als nationale Naturschutzgebiete ausgewiesen. Doch was bedeutet das und wie entsteht eine solche Zone? Das haben wir den stellvertretenden Direktor der Naturverwaltung, Dr. Laurent Schley, gefragt.

Wie viele Naturschutzgebiete gibt es und was unterscheidet sie?

Unterscheiden muss man zwischen nationalen Naturschutzgebieten und den europäischen Natura 2000-Gebieten. Erstgenannte liegen häufig in den weitläufigeren Natura 2000-Gebieten. Nationale Naturschutzzonen machen etwa drei Prozent der Landesfläche aus, Natura 2000-Gebiete hingegen knapp 27 Prozent. Bei letzteren gibt die EU-Kommission Ziele vor, für welche Arten der Zustand sich verbessern soll. Auf welchem Weg diese Ziele erreicht werden, ist den einzelnen Staaten überlassen.

Wie viele nationale Naturschutzgebiete gibt es?

63 „réserves naturelles“ und „paysages protégés“ sind heute ausgewiesen, rund 20 sind in der Ausweisungsprozedur und weitere 47 sind geplant. Die ersten Gebiete wurden 1987 ausgewiesen. Das kleinste Areal misst gerade einmal 2,34 Hektar (Biirgerkräiz, Walferdingen). Das größte (Tal der Obersauer-Bruch/Misärsbréck in Boulaide und Rambrouch), in diesem Ausmaße aber eine Ausnahme, erstreckt sich über 1.477 Hektar. In diesem Jahr wurde mit Léiffrächen bei Kayl/Rümelingen (rund 306 Hektar) eines der größeren Gebiete ausgewiesen. Weitere Neuzugänge sind Hautbellain-Fooschtbaach (Ulflingen) und Sonlez-Pamer (Obersauer Stausee, Winseler).

Was wird damit eigentlich geschützt?

Pauschal lässt sich das so einfach nicht sagen. Prinzipiell kann man aber feststellen: Alles das, was national gesehen selten ist. „Das heißt aber nicht unbedingt, dass diese Arten auch auf europäischer Ebene unbedingt bedroht sind“, weiß Schley. Das gilt etwa für den Dachs, der europaweit nicht gefährdet ist.

Im Großherzogtum geschützt werden etwa Trockenrasengebiete mit seltenen Orchideen im Süden des Landes, der Moorlebensraum Conzefenn im Norden oder der bekannte Haff Réimech, das als wertvollstes Feuchtgebiet des Landes gehandelt wird und wo Dutzende Libellenarten, Amphibien, Wasserkäfer und Vögel ideale Lebensbedingungen vorfinden. Übergeordnetes Ziel ist der Erhalt der biologischen Vielfalt von Lebensräumen, Arten und Landschaften.

Natura 2000-Gebiete, die etwa 18 Prozent der Landfläche der EU abdecken sowie sechs Prozent der Gewässer, zielen hingegen darauf ab, die Bestände von europaweit bedrohten oder seltenen Arten zu verbessern. Allerdings sollen damit auch europäische Alleinstellungsmerkmale geschützt werden. „Der Buchenwald ist eine Waldform, die Europa quasi exklusiv hat“, sagt der Biologe. Die EU trage deshalb eine besondere Verantwortung für diese Gebiete.

Wie entsteht ein nationales Naturschutzgebiet?

Zunächst einmal müssen in einem Dossier („dossier de classement“) alle relevanten Informationen über das auszuweisende Gebiet gesammelt werden. Welche Arten kommen vor? Was für ein Areal ist es? Welche Parzellen umfasst das Gebiet und welche Gemeinden betrifft es? Das von der Naturverwaltung häufig bei Planungsbüros in Auftrag gegebene Dossier umfasst ebenfalls eine detaillierte topographische Karte. „Dann muss da auch eine Art Bewirtschaftungsplan drin sein“, sagt Laurent Schley. Also eine Liste der Einschränkungen, die für das potenzielle Naturschutzgebiet infrage kommen. Doch der stellvertretende ANF-Direktor betont: „Das bedeutet nicht, dass ein Gebiet unter die Käseglocke kommt und gar nichts mehr dort gemacht werden darf.“

Häufig finden laut Angaben Schleys Informationsabende in den jeweiligen Gemeinden statt, noch bevor das Ausweisungsprojekt in die Prozedur geht. „Das kommt gut bei den Leuten an“, sagt Schley. Die Informationsversammlungen seien eine Gelegenheit, Bedenken direkt zu äußern. Früher, also vor etwa zehn Jahren, habe es solche Vorstellungsabende nicht gegeben, erinnert sich Schley.

In einer zweiten Phase wird das Dossier mitsamt eines Verordnungsvorentwurfes in den betroffenen Gemeinden ausgehängt. Während 30 Tagen können Anwohner ihre Beschwerden einreichen. Nach der Frist eines weiteren Monats gehen die Beschwerden sowie die Gutachten der betroffenen Gemeinde(n) an die Naturverwaltung. Sind die Einwände begründet, sind noch Änderungen beispielsweise an der Eingrenzung des Naturschutzgebiets möglich.

Segnet der Ministerrat den Vorentwurf der Verordnung ab, wird er von den Berufskammern, vom Staatsrat, vom Observatoire de l’environnement naturel und manchmal auch von anderen Akteuren wie der Vereinigung der Privatwaldbesitzer begutachtet. Nimmt der Text alle Hürden, tritt er irgendwann in Kraft.

Welche Einschränkungen kommen mit der Ausweisung einher?

Die Restriktionen können sowohl für Aktivitäten vor Ort wie auch für Besucher, die zum Spazierenkommen, gelten. Für Besucher kann es bedeuten, dass sie keine Blumen pflücken dürfen, die Natur so wenig wie möglich stören oder die Hunde an der Leine halten müssen. In Naturschutzgebieten im Süden des Landes ist es beispielsweise verboten, mit Mountainbikes unterwegs zu sein, worauf viele Menschen mit Unverständnis reagieren. Doch dafür gibt es eine Erklärung: Die in den Tagebaugebieten ansässigen Blindschleichen und Glattnattern liegen nämlich oft auf den Wegen herum und können sich vor heranrasenden Fahrrädern nicht schnell genug in Sicherheit bringen - und werden dann überfahren. „Die Einschränkungen sind nicht arbiträr“, unterstreicht Schley, räumt aber ein, „dass wir vielleicht noch besser kommunizieren müssen“. Die „wichtigsten“ Einschränkungen gelten für Offenlandflächen, also landwirtschaftliche Aktivitäten. Das kann ein Düngungs- oder Pestizidverbot sein.

Wirken Naturschutzgebiete?

Positive Resultate gibt es durchaus. Das gilt etwa für die alten Bergbaugebiete im Süden des Landes, wo sich auf dem offenliegenden Fels eine „fantastische Pflanzenvielfalt“ gebildet hat, die ihrerseits eine Vielzahl an Insekten anzieht. Durch eine Beweidung mit einer Wanderschafherde werden diese Gebiete offengehalten. Die Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa), eine räuberische Insektenart, die sonst eher im Mittelmehrraum beheimatet ist, verbreitet sich im Naturschutzgebiet Haard-Hesselsbierg-Staebierg und in anderen ehemaligen Tagebaugebieten.

„Auch unsere Förster machen beim Management der Naturschutzgebiete eine hervorragende Arbeit“, meint Schley. Ein Artenmonitoring in den jeweiligen Gebieten müsste hingegen „noch häufiger“ gemacht werden, „auch um die sehr positiven Resultate besser zu dokumentieren und zu kommunizieren“, räumt er an.