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Alte Spiele auf der Nintendo Switch – Nicht immer ein Hochgenuss

Alte Videospiele heute zu zocken stellt einen vor mehrere Hürden. Wer nicht ein komplett separates Retro-Setup samt Röhrenfernseher und klassischen Konsolen sowie Kabelsalat sein Eigen nennt, muss eine andere Lösung finden. Während HDMI-Upscaler, Multi- sowie Mini-Konsolen eine Möglichkeit bieten, die Nostalgie aufleben zu lassen, haben sie ihre Mankos - vor allem brauchen sie viel Platz. Wer eine Nintendo Switch – oder eine andere aktuelle Konsole - besitzt, kann auf eine Retro-Sammlung zurückgreifen. Wir haben einige davon unter die Lupe genommen, um herauszufinden, welche sich lohnen.

Lëtzebuerger Journal

8-Bit, aber kein Hit

Den Anfang macht Nintendo mit seiner NES-App. Die Sammlung ist im Abonnement für den Online-Service der Switch miteinbegriffen und bietet mittlerweile gut 50 8-Bit-Titel. Das sollte Grund zur Freude sein, doch die Auswahl der Spiele lässt schwer zu wünschen übrig. Neben Klassikern wie „Super Mario Bros. 3“ oder „The Legend of Zelda“ landet regelmäßig maue Software auf dem Dienst. Spiele wie „Wrecking Crew“ oder „Balloon Fight“ locken kaum noch jemanden hinter dem Sofa hervor. Die Emulation lässt weiter zu wünschen übrig, manchmal wird die Musik entstellt. Der CRT-Filter dagegen ist hässlich und kommt an das Bild der Röhrenfernseher nicht heran. Immerhin wurde eine Rücklauf-Funktion in einem vor kurzem erschienen Update hinzugefügt.

Dass Konami seine Titel von diesem Dienst fernhält, erklärt sich wahrscheinlich durch die Veröffentlichung eigener Sammlungen. Während das Unternehmen sich von Videospielen zunehmend zugunsten von Pachinko-Maschinen distanziert hat, durchwühlen die Japaner gerade die Mottenkiste, um mit alter Software neues Geld zu scheffeln. Ein Blick auf die „Castlevania Anniversary Collection“ verrät, dass hier schnell viel Kohle herbeigeschafft werden soll. Obwohl die Meister der Retro-Emulation „M2“ sich hier verantwortlich zeigen, wird mit Features gespart. Retro-Liebhaber finden hier keine Rücklauffunktion. Wenige Bildhintergründe, um den Raum zwischen dem 4:3 Bild auf dem 16:9 Schirm zu füllen und eine wackelige Sound-Emulation hinterlassen hier einen faden Beigeschmack. Sehr merkwürdig ist die Auswahl der Spiele: Während die NES-„Castlevania“ wie auch „Super Castlevania IV“ und der „Mega Drive“-Primus „Castlevania Bloodlines“ ihren Platz hier verdient haben, muss man sich fragen, wieso es nur von zwei von drei Gameboy-Titeln in die Sammlung geschafft haben. „Kid Dracula“ ist eine skurrile, aber nennenswerte Dreingabe. Löblicherweise spendiert man dem ganzen einen historischen Überblick samt Konzept-Zeichnungen.

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Das Tolle an einer Retro-Sammlung ist normalerweise, dass man viel für sein Geld geboten bekommt. Das stimmt bei der von Sega erneut frisch aus dem Kühlregal geholten „Sega Mega Drive Classics“. Wer in seiner Jugend auf der 16-Bit-Konsole daddelte, weiß die Sammlung mit ihren über 50 Titeln zu schätzen. Vor allem Beat’em Up Fans freuen sich über die Klassiker der „Golden Axe“ und „Streets of Rage“-Reihen. Dass bei Sonic der dritte Teil sowie „Sonic and Knuckles“ ausgelassen wurden, ist dagegen ein ziemlicher Wehrmutstropfen. Auch die Emulation, die leicht das Bild verzerrt und ihre Probleme mit dem Sound hat, lässt zu wünschen übrig. Allein wegen den drei „Phantasy Star” und den beiden „Shining Force“-Spiele sollte man sich die Collection zulegen.

Wie man es richtig macht, zeigte „Digital Eclipse“ mit seiner „Mega Man Legacy Collection“. Laut Entwickler wurde hier nicht bloß emuliert, sondern der Code komplett an die jeweiligen Maschinen angepasst. Damit werden zahlreiche Boni möglich: Rücklauf-Funktionen, neue Modi, welche die Räume des blauen Bomber untereinander kombiniert, und die japanischen Versionen der Spiele wurden hier miteingebaut. Das gleiche gilt für die verwandte „Mega Man X-Collection“, wo man einen drauf setzt und mit „Rookie“-Modi den Einstieg erleichtert.

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Ein alter Traum, neu erwacht

Konsolen-Portierungen sind das eine. Einst herrschte in den 1990ern der Traum – das Werbeversprechen – Spielhallenspiele in Original zu Hause genießen zu können. Dieser ging einst nicht in Erfüllung, waren Konsolen technisch hoffnungslos den Automaten unterlegen. Heute sieht das anders aus: Die Switch kann mit ziemlicher Leichtigkeit eine Vielzahl von Automaten originalgetreu nachahmen. Die „Street Fighter 30th Anniversary Collection“ liefert spielhallengetreue Umsetzungen aller Prügelspiele bis zum dritten Teil, was Freunde des Genres freuen wird. Vor allem der letzte Teil kann mit immer noch nett anzusehenden Animationen aufwarten und die Hintergrundanimationen wissen in sämtlichen Spielen zu begeistern. Fesche Filter und eine Vielzahl an Bildoptionen sind hier vorhanden, um alle Geschmäcker zu bedienen.

Wer eher auf „Beat’em Ups“ steht und Nischentitel erleben möchte, sollte auf das „Capcom Beat 'Em Up Bundle“ zurückgreifen. Nicht nur können die Automaten eingestellt werden, wie dies Spielhallenbesitzer einst taten, die Emulation greift hier perfekt und die meisten Titel bieten eine gute Multiplayer-Unterstützung. Schade, dass Boni und Extras fehlen, aber dafür gibt es viel zu entdecken: „Final Fight“ ist der Klassenprimus, doch die anderen Titel sind größtenteils unbekannt, was sie umso spannender macht. „Armored Warriors“ und „Battle Circuit“ sind da nicht nur die neueste Titel der Sammlung, sondern auch merkwürdig, abwegig und gerade deshalb spielenswert.

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Die beste, weil kompletteste Collection, die wir hier vorstellen, ist die „SNK 40th Anniversary Collection“. Es geht hier weniger um die Qualität der Titel oder ihren Bekanntheitsgrad, sondern mehr darum, was hier geleistet wurde. SNK ist ein Videospielhersteller, der allen voran für Spielhallentitel bekannt ist. „Metal Slug“, „Final Fight“ und „Samurai Shodown“ gehören zu den bekanntesten Serien des altehrwürdigen Hauses. Doch die wenigsten erinnern sich an die obskuren Frühwerke, die in dieser Sammlung enthalten sind. „Digital Eclipse“ hat keine Mühen gescheut, um original Dokumentationen für jeden einzelnen Titel zu recherchieren und zu implementieren: Von der Werbung hin zu den Handbüchern. Falls Konsolen-Portierungen von Titeln vorhanden waren, wurden diese noch zusätzlich hinzugefügt. Man erhält also nicht nur Einblick in die Spielhallenoriginale, sondern auch in ihre Umsetzungen, die oftmals große Unterschiede aufwiesen. Mit ganzen 24 Spielen, ohne die Konsolen-Varianten mit zu zählen, wird hier viel geboten. Das digitale Museum mit seinem Überblick über die einzelnen Spiele sollte Standard in allen Retro-Collections werden.

Sämtliche Sammlungen bis auf die NES-App sind auch auf den gängigen aktuellen Plattformen zu finden

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Glossar

Emulation: Die Simulation eines Computersystems durch ein anderes mithilfe von Software Bildschirmgrößen: Mit 4:3 kamen Röhrenfernseher noch aus. Mit den HD-Fernsehern wurde 16:9 Flächendeckend eingeführt. Durch die unterschiedlichen Größen entsteht bei einer nicht verzerrenden Skalierung seitlich ein schwarzer Rahmen, der in vielen Sammlungen mit einem Hintergrundbild ausgefüllt werden kann. Scanlines: Die für CRT-Fernseher typischen Linien, wenn man mit Retro-Konsole spielt. Die Auflösung der Konsolen war geringer, als die CRT-Fernseher, weshalb fehlende Linien mit schwarzen Streifen ausgeglichen wurden. Spielentwickler waren sich dessen bewusst und entwarfen die Grafik unter diesen Bedingungen. Pachinko: Japanische Geldspielautomaten