MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Nach Klage und Verurteilung schließt der Internet Händler Amazon seine Depots in Frankreich

Wer von Luxemburg aus in die Normandie fährt und dies über Belgien und die Picardie tut, kommt unweigerlich an ihm vorbei. Groß und riesig, am Autobahnkreuz von Amiens gelegen, steht das jüngste Auslieferungsdepot von Amazon. Es ist geschlossen, wie fünf andere auch, soll möglicherweise am morgigen Mittwoch wieder eröffnet werden. Amazon hat in Frankreich einen Prozess in zweiter Instanz verloren, dessen Auswirkungen an die Grundfesten des Unternehmens hätten gehen können. .

„Die Höhe der Strafe könnte sich auf bis zu einer Milliarde Euro pro Woche belaufen“, sofern Waren ausgeliefert werden, die nicht dem Grundbedarf zuzuordnen sind, schreibt das Unternehmen zu Fragen des „Lëtzebuerger Journal“. Das Urteil selbst, so Amazon weiter „bezieht sich nicht auf die Sicherheit in unseren Auslieferungslagern. Unsere Lager sind sicher. Es bezieht sich auf formale Prozeduren“. Das Gericht verlangt, bei der Einrichtung von Sicherheitsmaßnahmen mit den Gewerkschaften zusammenzuarbeiten. In der Beurteilung heißt es weiter: „Wir glauben nicht, dass diese Entscheidung gut ist für unsere Mitarbeiter und die tausenden von Händlern, die ihre Waren über Amazon verkaufen, um ihr Geschäft wachsen zu lassen.“

Das Unternehmen verwies gegenüber den Richtern darauf, dass es in Frankreich seine über 9.000 Mitarbeiter mit 127.000 Packungen Reinigungstüchern ausgestattet habe, dass 27.000 Liter Desinfektions-Flüssigkeit und 1,5 Millionen Masken zur Verfügung stünden. „Wir nehmen Temperatur-Messungen bei unseren Mitarbeitern vor. Wir haben sichergestellt, dass der Abstand zwischen ihnen zwei Meter beträgt.“ Die Berufungsrichter in Versailles bestritten die Sicherheit nicht, aber verlangten, dass Amazon diese Maßnahmen mit den Gewerkschaften diskutieren und zusichern müsse, dass nur Waren des Grundbedarfs ausgeliefert würden.

Kein Kurzarbeitergeld

Das Unternehmen rechnete. Dann schloss es alle Depots bis inklusive 5. Mai. Es sei sicherer für Amazon, die Auslieferungsdepots geschlossen zu halten. Die Mitarbeiter wurden nach Hause geschickt. Sie werden weiter bezahlt. Einen Antrag auf Kurzarbeitergeld vom vergangenen Donnerstag wies das Arbeitsministerium laut Amazon ohne Angabe von Gründen zurück.

Frankreich braucht seine internen Gegner. Es gehört zum guten Ton, immer mindestens einen der großen amerikanischen Internet Konzerne wie Google, Amazon, Facebook, Apple und neuerdings Microsoft (GAFAM) in die Ecke des schlechten Schülers zu stellen, abgesehen davon, dass sie ständig beschuldigt werden, keine oder zu wenig Steuern zu zahlen.

Das führt zu seltsamen Situationen. In der Vorstadt Mondeville der normannischen Hauptstadt Caen stand einst ein Stahlwerk. Es wurde abgebaut und nach China verkauft. Dort soll nun ein neues Auslieferungsdepot von Amazon entstehen. Die Bürgermeisterin wehrt sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen. Gründe gab sie nicht an. Aber es ist Amazon. Deswegen will sie nicht. In Paris wehrt sich die Bürgermeisterin gegen Amazon. Sie denkt laut über eine Steuer für die Amazon Lieferwagen nach, weil sie Straßen und Bürgersteige verstopfen.

Die Krise des Corona-Virus ist ein gutes Argument für die französischen Gewerkschaften, sich gegen Amazon zu wenden. Sie tun dies mit juristischen Mitteln. Amazon hat jedoch aus Streiks in Deutschland und in Frankreich gelernt. Die Auslieferungslager sind im Wesentlichen gleichartig bestückt. Amazon sichert seinen Kunden daher zu, dass man auch bei Schließung von Auslieferungslagern weiter bestellen könne. Händler, die über Amazon auslieferten, würden weiter liefern, und Bestellungen bei Amazon, die über Auslieferungslager im europäischen Ausland bedient werden könnten, werden ausgeführt, teilt das Unternehmen mit. Amazon-Kunden nutzen das. Er habe seine Masken, die es in Frankreich nicht gibt, bei Amazon in Deutschland bestellt, erzählte ein Franzose in einer TV-Reportage. Frankreich befindet sich in einer Phase des industriellen und kulturellen Zwiespalts, aber auch des Umbruchs. Ein ehemaliger Staatssekretär rechnet zwar vor, dass Amazon einerseits 9.000 Arbeitsplätze geschaffen hätte, andererseits aber Tausende von Arbeitsplätzen im stationären Handel vernichte. Diese Rechnung verfängt nicht mehr.

Jeder dritte Franzose lebt auf dem Land mit geringer Handelsstruktur. Zum Einkauf müssen Kilometer überwunden werden. Die morgendliche Baguette wird in vielen Dörfern aus dem Automaten geholt, den Bäcker früh morgens bestücken. Ein Versandhändler wie Amazon kommt diesen Franzosen entgegen. Die zunehmende „Computerisierung“ der Haushalte spielt Amazon in die Hände. Der Versandhandels-Gigant hat in den vergangen zehn Jahren 6,8 Milliarden Euro in Frankreich investiert. Insgesamt, mit den sechs Auslieferungslagern, verfügt das Unternehmen über 20 Logistik-Standorte im Land. Amazon beschäftigt in Frankreich nach eigenen Angaben derzeit 9.300 Menschen.

Ideologisch aber hinkt Frankreich dieser Entwicklung im Handel hinterher. Es gehört zum guten Ton – wie zum Beispiel in den unendlich vielen Diskussionssendungen der 24 Stunden Nachrichtensender - zu betonen, dass man nicht bei Amazon einkaufe. So wird eine Salon-Antistimmung geschaffen, die mit der Realität wenig zu tun hat.