GREVENMACHER
CORDELIA CHATON

In Grevenmacher sitzt ein Unternehmen, das sich für eine ganz andere Düngelösung einsetzt - Erste Tests auf Modellbauernhöfen laufen

Wer in Grevenmacher ins Industriegebiet fährt, stößt irgendwann auf Fertilux. Das Schild in grün und schwarz prangt über einer neu gestalteten Pergola aus Holz, an der mal Rosen emporranken sollen. Die Hallen dahinter sind gerade erweitert worden. Frisch ist es hier, auffallend sauber und ein eigentümlicher Geruch herrscht vor. Das hat seinen Grund. Denn Fertilux stellt Düngemittel her.

Der Name ist Programm. Für Gründer Pascal Tronçon ist es wichtig, dass seine Ware aus rein natürlichen, pflanzlichen Stoffen bestehen. „Wir machen einen Dünger, der qualitativ und quantitativ besser ist. Darin liegt unsere Motivation“, sagt der 59-Jährige. Er ist seit Jahrzehnten von seiner Idee überzeugt und hat gerade knapp zehn Millionen Euro in Grevenmacher investiert. Die Fertilux-Produkte verkaufen sich nicht mit Werbung, sondern vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda. Mittlerweile finden sich die Kunden für seine festen und flüssigen Dünger in 30 Ländern auf vier Kontinenten.

Die Vinasse-Idee

Es gab Zeiten, da war Tronçon Bauer in Frankreich und ärgerte sich über die Art und Weise, wie konventionelle Landwirtschaft lief. Das ist über 30 Jahre her. Er kaufte wie alle anderen Kunstdünger und stellte fest, dass die Böden an ihre Grenzen gerieten. Irgendwann stieß er auf die Idee mit Vinasse und beschloss die Gründung von Fertilux.

Vinasse ist nichts anderes als eingedickte, vergorene Zuckerrüben-Melasse. Der honigartige, dunkelbraune Sirup entsteht als Abfallprodukt nach dem Fermentieren von Melasse und hatte schon früh einen Ruf als guter Dünger. Bereits um 1845 regte der Chemiker Justus von Liebig an, das damals noch namenlose Nebenprodukt der Alkoholherstellung zur Düngung von Zuckerrüben-Feldern zu nutzen, um für das fehlende Kalium im Boden zu sorgen. Der Gehalt an zum Teil organisch gebundenen Mineralstoffen macht Rüben-Vinasse zu einem wertvollen organischen Düngemittel. Aufgrund des Rest-Zuckergehalts begünstigt Vinasse auch die Anreicherung des Bodens mit Bodenmikroorganismen sowie die Verrottung von Stroh und die Boden-Fruchtbarkeit. Anders als bei Rohr-Vinasse gibt es bei Zuckerrüben-Vinasse kein Problem mit einem zu hohen Salzgehalt.

Tronçon entwickelte rund um diese Erkenntnisse sein Konzept eines natürlichen Düngers. „Die Pflanzen nehmen pflanzliche Dünger viel besser auf. Dann braucht der Kunde letztlich weniger“, hebt er hervor. Er berichtet von Analysen und Resultaten. „Wir haben Daten von Äpfeln aus den 60er Jahren und Äpfeln von heute. Manche Vitamine und Mineralstoffe in den Äpfeln heute betragen nur ein 80-stel der vorherigen Werte in Folge der ausgelaugten Böden. Dünger hat einen großen Einfluss, auch auf das, was wir essen“, unterstreicht der Franzose.

Er kennt die Entwicklung der Landwirtschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem der Ernährung der Bevölkerung dienen sollte. Chemie und Maschinen wurden damals als moderne Hilfsmittel gern genommen; noch war kein Bewusstsein für Nebenwirkungen da. „Aber 50 Jahre später sind die Grenzen vielerorts erreicht, Böden nicht mehr so produktiv und die Schäden der Natur nachweisbar“, ist Tronçon überzeugt. Der Glaube an die Chemie als alleiniges Hilfsmittel schwindet. Dazu tragen auch Diskussionen um Dioxin, Monsanto und Glyphosat oder das Bienen-, Insekten und Fischsterben bei. Zwar werden die großen Pharmaunternehmen nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die Weltbevölkerung bis 2050 auf zehn Milliarden wächst und ernährt werden muss und sie den Schlüssel dazu bereithalten. Doch Verbraucher und auch die europäische Politik setzten zunehmend auf lokale Anbieter und nachhaltige Methoden. Erst in dieser Woche trafen sich Vertreter des Umwelt- und Landwirtschaftsministeriums gemeinsam mit den Landwirtschaftsverbänden und Biobauern zum „Klimadësch-Landwirtschaft“, um über die Zukunft zu reden. In diesem Kontext könnten die Ideen von Tronçon durchaus eine Rolle spielen.

Umzug nach Luxemburg

Der Unternehmer kam vor zwanzig Jahren nach Luxemburg. „Die vielen Sprachen hier sind ideal für uns“, findet er. Gleichzeitig erlaubte ihm der Umzug, endlich eine eigene Produktion zu starten und diese nicht mehr an Dritte auszulagern. Mit der Gründung von Fertilux im Jahr 2000 in Luxemburg startete er auch den Einzelverkauf. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits viel Geld in Patente und Ideen, in Produktentwicklung und den Ausbau seines Unternehmens gesteckt. Dazu gehörte auch eine eigene Auslieferung per Lkw an die Kunden. Im Großherzogtum fasste er die rund zehn Unternehmen unter dem Begriff SHFC-Gruppe zusammen. Sie bündelt alle Aktivitäten von der Logistik über die Schifffahrt und den Agrarhandel bis zur Forschung und Produktion. Geleitet wird die Gruppe von Monika Kuchtakova, Tronçons Frau sowie von ihm. Beide sind „Administrateurs“.

Weiterbildung für Landwirte und Weinbauern

In Grevenmacher, wo das Unternehmen seit 2015 seinen Sitz hat, verfügt Fertilux über einen neuen Saal. „Wir wollen über unsere Ideen informieren und bieten Weiterbildung im Agrarengineering, der Fruchtfolge und anderen Bereichen an“, erklärt Tronçon. Ein erstes Treffen mit 20 Teilnehmern fand vor gut zwei Wochen statt. Der Generaldirektor wehrt sich dagegen, dass er das Angebot macht, weil es im Trend liegt. „Nach 40 Jahren konventioneller Landwirtschaft wollen wir eine Revolution in den Köpfen“, versichert er. Nicht ohne Grund kamen die ersten 20 Teilnehmer aus dem Weinbau. Der ist oft schon dem Biobereich zugetan. „Doch dort können nur wenige Produkte verwendet werden. Und einige von ihnen - wie Kupfer - werden dann zu hoch dosiert. Das wird gegen Blattkrankheiten genutzt. Aber es tötet auch alle Mikroorganismen im Boden ab“, stellt der Fertilux-Chef klar. „Bio kann darüber hinaus je nach Land sehr unterschiedlich ausfallen. Deshalb ist uns eine vernünftige Landwirtschaft wichtig. Wir wollen zeigen, dass durch unsere Produkte die Biomediation des Bodens dazu führt, dass er sich erholt.“ Ihm geht es nicht darum, Chemie grundsätzlich abzulehnen. „Denn Weizen mit bestimmten Krankheiten kann krebsauslösend wirken.“ Aber er will auf Mikrotoxide eingehen, jene Gifte, die in winzigen Mengen vorhanden sind. „In Kalifornien sind sie in Nanogramm schon nachweisbar“, weiß Tronçon.

Seinen Mehrwert sieht er in der Aktivität der Mikroorganismen in den Pflanzenwurzeln. In den vergangenen 50 Jahren, ist er überzeugt, hat man viel zu wenig auf die Biokräfte geachtet und viel zu viel auf Chemie. „In der traditionellen Landwirtschaft erfolgt oft die Flucht in die Sicherheit bekannter chemischer Produkte. Ein Wechsel ist immer schwierig“, lächelt Tronçon.

70.000 Tonnen Dünger im Jahr

Nun sind Bauern bodenständig und wollen wissen, was hinter all diesen Überzeugungen steckt. Deshalb arbeitet Fertilux mit zwei Modellbauernhöfen zusammen. Der eine liegt in Heffingen und gehört Christophe Clasen. Der andere befindet sich an der Elfenbeinküste. „Wir wollen auf beiden Pionierhöfen konkrete Resultate erzielen und nachweisen“, hebt Tronçon hervor. Er will zeigen, was er schon festgestellt hat: mit seinem Dünger lässt sich die Erntemenge im Vergleich mit Standardprodukten um fünf bis sechs Prozent steigern. „Und die Qualität um 30 Prozent“, wie er mit Stolz sagt.

Bislang hat die Mund-zu-Mund-Propaganda dem Unternehmer immerhin eine Produktion von 70.000 Tonnen Dünger pro Jahr beschert. Die verkauft er nicht nur an Bauern, sondern oft auch an Kooperativen und Zwischenhändler. Nur jene, die mit konventionellen Produkten handeln, sind zögerlich, weil sie einen Umsatzverlust fürchten. Darüber hinaus sieht sich Fertilux durch den zunehmenden Erfolg auch den Angriffen konventioneller Anbieter ausgesetzt.

In Luxemburg arbeitet Fertilux mit der Landwirtschaftskammer zusammen, die bereits zahlreiche Projekte im Bereich grüne Energie und Nachhaltigkeit durchgeführt hat. Ende Mai feiert Fertilux sein 20-jähriges Bestehen im Großherzogtum und holt zu diesem Anlass einen internationalen Spezialisten für Ernährung ins Haus. Eingeladen sind auch viele Gäste, mit den 35 Fertilux-Mitarbeitern und zahlreichen Kunden aus aller Welt zu feiern, auf die Neues und Unerwartetes wartet. •