LUXEMBURG
BODO BOST

Ein kritischer Blick auf die Vorgänge in Rumänien zum Jahresende 1989

Vor 30 Jahren, am 22. Dezember 1989, stürzte der kommunistische Diktator Ceausescu in Rumänien. Blutige Machtkämpfe folgten innerhalb des kommunistischen Apparates mit mehr als 1.000 Toten. Es war der einzige blutige Umsturz innerhalb des großen Wendejahres 1989 in Osteuropa und die einzige Revolution, die als Putsch begann.

Während im Wendejahr 1989 die Machtwechsel in den anderen mittel- und osteuropäischen Staaten unblutig verliefen, wurde das Regime des rumänischen Staats- und Parteichefs Nicolae Ceausescu durch einen gewaltsamen Putsch innerhalb der kommunistischen Partei gestürzt. Der Staatsstreich begann am 22. Dezember 1989, im Zuge dessen der Diktator verhaftet, in einem Schauprozess abgeurteilt und am 25. Dezember mit seiner Frau Elena hingerichtet wurde. Bereits am 16. Dezember 1989 hatte es einen begrenzten Aufstand im westrumänischen Temeswar gegeben. Dieser war jedoch nach der Verhaftung des Anführers, Pfarrer Lazlo Tökes, mit Gewalt und 74 Toten niedergeschlagen worden.

Der Staatsstreich gegen Ceausescu eine Woche später war das Werk alter Feindschaften und unbeglichener Rechnungen innerhalb der kommunistischen Partei, der Armee und den Geheimdiensten. Diese Besonderheit des Umsturzes in Rumänien war die unmittelbare Konsequenz des „Sonderweges“, den die politische Führung Rumäniens seit Beginn der 1960er Jahre auch gegenüber der Sowjetunion eingeleitet hatte.

Seitdem hatte es innerhalb der politischen und militärischen Eliten des Landes Widerstand gegen das Regime Ceausescus gegeben, der 1965 die Macht in Rumänien übernommen hatte. Als einziger Staatschef Osteuropas war er nicht nur Parteivorsitzender, sondern auch Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Streitkräfte zugleich.

Ceausescus Vermächtnis: „Das Haus des Volkes“
Foto: Shutterstock - Lëtzebuerger Journal
Ceausescus Vermächtnis: „Das Haus des Volkes“ Foto: Shutterstock

Putsch von pro-sowjetischen Kräften?

Nach dem Machtantritt Gorbatschows, der selbst eine Öffnung der Sowjetunion nach Westen betrieb, wurde Ceausescu immer mehr zum Störfaktor des west-östlichen Interessenausgleichs. In dieser Phase verbündeten sich Ceausescu-feindliche kommunistische Eliten um Ion Iliescu und Vertreter der modernisierungswilligen Bildungseliten um Petre Roman. Ion Iliescu, vor 1971 ZK-Sekretär und Vorsitzender des Kommunistischen Jugendverbandes, wurde Dank seiner alten Verbindungen in die Armee und den Geheimdienst zum Anführer der Putschisten gegen Ceausescu. Sein Staatsstreich forderte einen schweren Blutzoll, weil irgendjemand einen Schießbefehl gegeben haben muss. Trotz der im Ceausescu-Schauprozess behaupteten 60.000 kamen zwar „nur“ 1.104 Menschen ums Leben, aber nur ganze 162 davon starben vor der Verhaftung von Ceausescu am 22. Dezember. Fast 1.000 Menschen starben noch nach dem Putsch. General Nicolae Militaru, vor 1989 wegen seiner engen Verbindungen zur Sowjetunion von Ceausescu aus der operativen Führung der Streitkräfte entfernt, wurde von Iliescu zum Verteidigungsminister ernannt und holte rund 30 weitere sowjettreue Generäle in den aktiven Dienst zurück. Diese teilten, um Chaos im Lande zu stiften und einen Grund zu haben die Sowjetunion um Hilfe zu rufen, wahllos Waffen an die Bevölkerung aus. Die sowjetischen Streitkräfte kamen den Putschisten zwar nicht zu Hilfe, anstatt dessen schossen Securitate-Mitglieder in Bukarest wahllos in die Menge.

Rumänien hat die Hintergründe der Wende bis heute nicht aufgearbeitet

Anders als in allen anderen Ostblockstaaten wurde in Rumänien das Staatsoberhaupt im Zuge der Revolution im Stile eines Schauprozesses alter Zeiten physisch eliminiert. Die Putschisten wussten, dass nur wenn Ceausescu vor den Augen der Nation, sprich Fernsehen, liquidiert wurde, Armee und Sicherheitsdienste keinen Widerstand gegen ihre Entmachtung leisten würden. Erst nach der Ausschaltung Ceausescus konnten die neuen Machthaber, mit dem „Rat der Front der Nationalen Rettung“, jenes Machtvakuum füllen, das sie selbst erzeugt hatten. Der Chefideologe des Putsches, Iliescu, wurde Chef der „Front zur Nationalen Rettung“. Da Moskau seine Hilfe versagt hatte, musste schnell mit eigenen Kräften, in der zweiten Reihe der kommunistischen Partei eine Machtbasis geschaffen werden. Dieses gelang Iliescu, er blieb der starke Mann Rumäniens bis 2004, auch danach zog er noch lange in der gewendeten und in „Sozialdemokratische Partei“ umgetauften kommunistischen Partei, die jahrelang die Wahlen gewann, die Strippen. Seine Mitputschisten aus der Zivilgesellschaft hielt es nicht so lange an der Macht. Petre Roman, der bis 1989 ein ziemlich unspektakuläres Leben als Dozent für Strömungslehre am Bukarester Polytechnikum geführt hatte, wurde Regierungschef und Außenminister und blieb es nur bis zum 26. September 1991.

Trotz der vielen Toten gab es in Rumänien nach 1989 keine Strafverfolgung der Verantwortlichen. Viele politisch belastete Mitarbeiter blieben im öffentlichen Dienst, Täter wurden in Machtpositionen gewählt, die weiterhin die Rechtsstaatlichkeit untergruben. Erst kürzlich wurde Traian Basescu, Präsident Rumäniens bis 2014, als ehemaliger Securitate-Mitarbeiter enttarnt.

Das Grab des Dikators in Bukarest  
Foto: BB - Lëtzebuerger Journal
Das Grab des Dikators in Bukarest Foto: BB

Prozess nach 30 Jahren

Fast 30 Jahre Straflosigkeit hat die Unterschiede zwischen Tätern und Opfern verwischt. Im November hat nun ein neuer Prozess begonnen, der die Verantwortung für die fast 1.000 Toten klären soll. Angeklagt sind auch der ehemalige Präsident Ion Iliescu und der ehemalige Vizepremier Voican Voiculescu wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Rumänien gibt es zwar einige Gedenkstätten, meistens ehemalige Gefängnisse, die an die Verbrechen der Kommunisten erinnern, aber kein Museum, das die Wendezeit darstellt, weil diese immer noch nicht verarbeitet ist.