LUXEMBURG
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Vor 100 Jahren: Die Monarchie in der Waagschale

Im Spiegel der Presse

Wie „Wort“ und „Tageblatt“ die bewegten Tage im Januar 1919 sahen

 Im katholischen „Wort“ und im sozialistischen „Tageblatt“ gab es unterschiedliche Auslegungen der Geschehnisse vom Januar 1919. Einige Auszüge.

„Gegen den Bolschewismus!"

Wir rufen unser Volk gegen den Bolschewismus auf, der sich gestern in der Hauptstadt hervorwagte. Aus inneren Gründen: Ein Staatswesen kann nicht gedeihen ohne Ordnung und Gesetzlichkeit. Eine verschwindende Minorität darf nie und nimmer ihre rasende Unvernunft über die gerechten Anschauungen und Beschlüsse der Majorität setzen. Aus äußeren Gründen: Die Ententevölker verhandeln unter keinen Umständen mit einer Regierung, die dem Bolschewismus ihren Ursprung verdankt. Des weiteren greifen sie ein und schaffen Ordnung, so daß wir nicht mehr Herr im eigenen Hause sind. Luxemburger! Jetzt gilt kein Parteistandpunkt mehr! Es heißt einzutreten für die Ordnung und die Gesetzlichkeit, für die Unabhängigkeit und das Wohl des Volkes. Geben wir alle, die wir Luxemburger sind und bleiben wollen, uns dazu sofort und geschlossen die Hand!“
Aufruf im „Luxemburger Wort“ vom 10.1. 1919 - Das „Wort“ berichtete über einen „Republikanisch-militärischen Putschversuch in Luxemburg“. Seit Tagen habe eine systematische Bewegung eingesetzt, um einen „Staatsstreich“ ausführen zu können, ausgehend einerseits von der „Action Républicaine“, andererseits von der Freiwilligen-Kompanie, die darüber erbost sei, dass ihre Forderungen nicht umgesetzt wurden. „Die Ereignisse des gestrigen Tages, die wir in obigem möglichst objektiv und wahrheitsgetreu geschildert haben, bilden eines der traurigsten Kapitel unserer Nationalgeschichte.
Wo wir glücklich dem Krieg entronnen sind uns unserer wiedererlangten Freiheit freuen sollten, stiften unverantwortliche Politiker aus Gott weiß welch verwerflichen Gründen, Unordnung und Aufruhr. Sie gefährden damit aufs allerhöchste die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Landes. Sie ziehen die Aufmerksamkeit des Auslandes mehr als notwendig auf uns und rufen sein Eingreifen direkt hervor“, schreibt der Autor. „Ein Verein der Gefoppten“ nennt das „Wort“ vom 14. Januar die Republikaner.
Im Escher „Tageblatt“ stand am 10. Januar unter dem Titel „Auf dem Weg zur Republik - Ein historisch denkwürdiger Tag“ zu lesen: „Nachdem in den letzten Tagen die politische Spannung aufs Höchste getrieben war, musste die Sache losbrechen, um endlich aus der Sackgasse, in die unser ganzes politisches Leben geraten war, herauszukommen. So oder so“
In der Ausgabe vom 12. Januar gibt es Kritik am „Wort“ unter dem Titel „Die Verläumdung der Republik“ „Das „Lux. Wort“ richtet sich in einem gegen den Bolschewismus überschriebenen Artikel an das „treue“ Volk und will ihm aufbinden, nun habe man russische Zustände in Luxemburg.
Es schreibt: Wir rufen unser Volk gegen den Bolschewismus auf, der sich gestern in der Hauptstadt hervorwagte. (...) Nein, meine Herren, dieser revolutionäre Akt ist kein bolschewistischer Akt, b. h. der Streich einer Minderheit gegen eine Mehrheit, sondern die Unschädlichmachung der das Interesse des Landes schädigenden Großherzogin durch die Mehrheit der Kammer. In zweiter Linie wird die republikanische Regierung so bald als möglich eine nationale Versammlung einrufen müssen, und es gibt doch nichts ordnungsgemäßeres als die Konstituierung eines Parlamentes. Das „Wort“ hat also wieder einmal dem Volk mit lügnerischen Phrasen bange gemacht.“

Wir schreiben den 9. Januar 1919. Im Parlament geht es hoch her. Es wird über die Monarchie diskutiert. Es wird ein Votum über die Abschaffung der Dynastie gefordert. Wieder einmal. Denn die Nähe von Großherzogin Marie-Adelheid zum deutschen Besatzer in den schwierigen Kriegsjahren steht schwer in der Kritik. Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 war noch nicht beschlossen, die Reichstruppen noch im Land, da hatten sich bereits am 10. November in Luxemburg ein „Arbeiter- und Bauernrat“ gebildet. Tags darauf entstand ein weiterer solcher „Sowjet“ in Esch-Alzette. Die Hauptforderungen waren die Abschaffung der Monarchie und die Ausrufung der Republik, die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstags, die Nationalisierung von Stahlindustrie, Banken und Eisenbahn sowie die Wahl der Armeeoffiziere. Die Liberalen hatten am 13. November einen Entschließungsantrag zur Abschaffung der Monarchie ins Parlament eingebracht, der knapp scheiterte, mit 21 Nein- zu 19 Ja-Stimmen, bei zwei Enthaltungen.

Druck von Innen und Außen

Doch der Kessel brodelte weiter. Die konservative Vier-Parteien-Regierung unter Führung von Emile Reuter, versucht, mit sozialen Zugeständnissen den Druck rauszunehmen. So wird, in Folge des entsprechenden Abkommens zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern in Deutschland Mitte November 1918 die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstags versprochen und am 14. Dezember auch umgesetzt. In Aussicht gestellt wurden auch gewählte Mitarbeiterdelegationen in den Betrieben. Auch ein Referendum über die Frage der Monarchie hatte Reuter bereits im Einvernehmen mit der Herrscherin ins Spiel gebracht und erreichte eine parlamentarische Mehrheit. Druck gab es aber auch von Außen: Am 23. Dezember 1918 hatte der französische Außenminister Stéphen Pichon es abgelehnt, Regierungschef Reuter und mehrere Minister als Gesandte der Großherzogin zu empfangen, um über die Zukunft Luxemburgs zu diskutieren, wo sich nach dem Austritt aus dem Deutschen Zollverein unter anderem auch die Frage der künftigen wirtschaftlichen Verbindungen Luxemburgs stellte und eine Zollunion mit Frankreich herbeigesehnt wurde. Die Minister konnten sich trotzdem mit Pichon unterhalten - allerdings lediglich als Privatpersonen. Mit auf den Weg bekamen sie den französischen Wunsch, dass Marie-Adelheid schnellstens auf den Thron verzichten solle.

Was sie dann am 10. Januar 1919 zugunsten ihrer jüngeren Schwester Charlotte auch tat, die am 15. Januar 1919 als Thronfolgerin vereidigt wurde. Tags zuvor war es wie gesagt zu dieser denkwürdigen „Chamber“-Debatte gekommen, während der die Rechtspartei den Saal verließ, der Präsident die Sitzung aufhob - und die verbleibenden sozialistischen und liberalen Abgeordneten sich zum „Comité de Salut Public“ erklärten. Als Präsident wurde der Radikalliberale Emile Servais bestimmt.

Das „Comité de Salut Public“ und die Republik

Draußen standen während der Debatten an diesem Nachmittag übrigens an die 1.500 Bürger, die dem Aufruf gefolgt waren, für die Republik zu demonstrieren. Der sozialistische Abgeordnete Emile Mark, Mitglied des Wohlfahrtsausschuss, der zuvor darauf gedrängt hatte, dass eine Delegation der demonstrierenden Republik-Anhänger im Parlament empfangen werden sollte, trat später vor die Menge, um anzukündigen, dass die Republik zwar ausgerufen sei, aber nur „im Prinzip“, denn das Volk sollte erst später über die definitive Staatsform entscheiden. Eine Erklärung, der wütende Schreie aus dem Publikum folgten, welche sofort die Republik forderten.

Doch diese sollte nur bis zum 10. Januar überdauern. Die Abdankung der Großherzogin an diesem Tag hatte der Bewegung, die nicht auf große Unterstützung in der Bevölkerung zählen konnte und auch nicht über charismatische Volkstribunen, den Wind aus den Segeln genommen. Auch hinderten französische Truppen die Mitglieder des „Comité de Salut Public“ daran, sich ins Parlament zu begeben. Regierungschef Reuter und „Chamber“-Präsident François Altwies hatten den französischen Marschall Foch um Hilfe gebeten, um die Ordnung im Land wiederherzustellen. Auf die luxemburgische Armee konnten sie nicht zurück greifen: Diese hatte bereits im Dezember 1918 gemeutert und die Freiwilligenkompanie erklärte sich am 9. Januar 1919 zur Armee der neuen Republik.

Die Soldaten sollten aber nie auf die Republik vereidigt werden und das „Comité de Salut Public“ löste sich in Luft auf.

Am 18. März beschloss das Parlament mit 30 Stimmen gegen 20 die Abhaltung eines Referendums über die Monarchie und andere Fragen im September des gleichen Jahres. Am 15. Mai bekam eine Verfassungsrevision grünes Licht, die vor allem das allgemeine Wahlrecht einführte. Das sollte erstmals beim Referendum vom 28. September zum Tragen kommen, einen Monat vor den Parlamentswahlen des Jahres 1919, das vor allem auch von den direkten Nöten der Bevölkerung geprägt war. Trotz Kriegsende gab es immer noch schwere Engpässe bei der Lebensmittelversorgung, die Preise für Brot und Butter stiegen. Es gab lokale Aufstände und das Parlament hatte sich mit Teuerungszulagen zu befassen. Als am 13. August eine solche für die Arbeiter auf der Tagesordnung der „Chamber“ stand, drangen Demonstranten ins Parlament ein und hinterließen schwere Schäden im Gebäude.

Referendum und Rechtspartei

Der Ausgang besagten Referendums, das sich durch eine hohe Anzahl an ungültigen Wahlzetteln kennzeichnete, ist bekannt: 80 Prozent der Wähler sprachen sich für die Großherzogin aus - wenngleich in Esch-Alzette und Rümelingen sich eine Mehrheit für die Republik bildete. Und 73 befürworteten eine Wirtschaftsunion mit Frankreich, die allerdings nie zustande kommen sollte - stattdessen bildeten Belgien und Luxemburg 1921 eine Wirtschaftsunion, die bis heute Bestand hat. Und bei den Wahlen im Oktober siegte klar die katholische Rechtspartei. Sie sollte mit Ausnahme der liberal-sozialistischen Koalition 1974-1979 bis Oktober 2013 stets die stärkste Komponente in den aufeinander folgenden Regierungen bilden.